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Total Digital: Ein Auto zum Mitnehmen und Stehenlassen

Total Digital : Ein Auto zum Mitnehmen und Stehenlassen

Carsharing-Dienste lösen das eigene Auto als Statussymbol ab. Verfügbare Fahrzeuge findet jederzeit eine mobile App.

Der Autosharing-Dienst car2go hat seit wenigen Tagen ein neues Mitglied: mich. Vergangene Woche in Austin, bei der SXSW Digitalkonferenz, saß ich noch auf dem Beifahrersitz eines Smart von Car2go und durfte mitfahren. Jetzt habe ich selbst eine Code-Karte, und mir stehen allein an meinem Wohnort Seattle mehr als 500 der kleinen weiß-blauen Flitzer zur Verfügung. Das ist ungemein praktisch, obwohl ich auch ein eigenes Auto habe und - falls möglich - mit dem Fahrrad in die Stadt fahre.

Doch Car2go soll zum Einsatz kommen, wenn ich Termine in der Innenstadt habe (teure Parkgebühren), nicht mit dem Fahrrad fahren kann (bei Regen, bei Transporten, bei offiziellen Terminen) und auch kein Uber nehmen will. Und vor allem: wenn ich nur für eine Strecke ein Auto brauche. Bei Car2go kann ich nämlich anders als bei den meisten anderen Diensten das Auto innerhalb der "Heimzone" fast überall stehen lassen und muss an Parkuhren noch nicht einmal zahlen. Abgerechnet wird nur die tatsächliche Nutzungszeit pro Minute. Wo das nächste verfügbare Auto steht, sehe ich auf einer Karte in der App. Damit kann ich auch gleich ein Auto aufschließen und losfahren.

Car2go ist eigentlich eine deutsche Erfindung, der Dienst ist eine Tochterfirma von Daimler und wurde 2008 in Ulm gegründet. In den ersten Jahren war Carsharing in den USA nicht so beliebt wie in Europa. Doch im Land der unbegrenzten Freiheit, wo es ziemlich teuer geworden ist, ein eigenes Auto zu fahren, wachsen Car2go und seine Wettbewerber wie Zipcar, Enterprise CarShare und Hertz 24/7 in den Großstädten nun rasant. Rund eine Million Amerikaner haben schon vor mir das Carsharing entdeckt.

Ob es sich für mich als Heimarbeiterin auf Dauer noch rentiert, ein eigenes Auto zu fahren, werde ich in einigen Monaten mal ernsthaft kalkulieren. Ich fürchte, dass mich mehr Nostalgie als Vernunft daran festhalten lässt. Für meine Generation war es noch ein Meilenstein des Erwachsenwerdens, mit 18 Jahren den Führerschein zu machen und bald ein Auto zu besitzen. Für meine Kinder ist das anders. Mein 15-jähriger Sohn, der im April seine ersten Fahrstunden nehmen wird, hat mich auf meiner ersten Car2go-Fahrt begleitet und die digitale Bedienungsanleitung sofort verstanden. Wenn seine Freunde und er 18 Jahre alt werden und aufs College gehen, wird das Statussymbol nicht mehr der Autoschlüssel in der Hosentasche sein. Sondern eine Carsharing-App auf dem Smartphone.

Ulrike Langer ist freie Korrespondentin an der US-Westküste und Digital-Expertin. Ihre Meinung? Schreiben Sie der Autorin: "mailto:kolumne@rheinische-post.de"

(RP)