Amber Heard gegen Johnny Depp Wir gnadenlosen Geschworenen

Meinung · Der Prozess von Amber Heard gegen Johnny Depp legt Abgründe offen. Denn wenn Millionen das Geschehen im Gericht per Livestream verfolgen, ist der Entertainment-Faktor riesig – aber auch gefährlich.

 Johnny Depp und Amber Heard während des Prozesses.

Johnny Depp und Amber Heard während des Prozesses.

Foto: AP/Steve Helber

Millionen von Menschen verfolgten wochenlang jeden Tag den Gerichtsprozess des Hollywood-Ex-Ehepaars Johnny Depp und Amber Heard im Livestream in den sozialen Medien. Tatsächlich ist das wochenlange Drama um häusliche Gewalt zu einem der beliebtesten Themen im Internet geworden. Zwischen den Bildern des Ukraine-Kriegs, des Amoklaufs in den USA und der steigenden Inflation sind es die Videoschnipsel aus dem Gerichtssaal in Virginia, die viral gehen.

Einige schauen zu, weil sie es unterhaltsam finden. Andere feuern ihre bevorzugte Seite an. Bei mir ist es eine Mischung aus Schock und Faszination, die mich jeden Tag vor den Bildschirm bringt. Der Entertainment-Faktor ist riesig – und gefährlich: Wenn Menschen parasoziale Bindungen zu Personen des öffentlichen Lebens entwickeln, werden scharfe Grenzen gezogen zwischen Schuld und Unschuld. So werden weitreichende Annahmen über den Charakter einer Person getroffen, die nur auf dem basieren, was in den Medien dargestellt wird. Tiktok-Nutzer haben sich offen über Heards emotionale Reaktionen lustig gemacht, indem sie Szenen des Prozesses mit Haustieren nachstellten. Mit der Zeit etablierten sich die Hashtags #amberturd („Amber Scheißhaufen“) und #justiceforjohnny („Gerechtigkeit für Johnny“).

Das Urteil des Publikums ist klar. Was eigentlich Cybermobbing höchster Stufe ist, wird im Fall Heards als akzeptabel angesehen. Obwohl die Verhandlung zeigt, dass beide Parteien Formen von Gewalt ausgeübt haben, wird überwiegend einer bestimmten Person das Etikett „Täter“ zugewiesen und somit entschieden, welche Gewalt inakzeptabel und welche entschuldbar ist.

Was sagt es darüber aus, wen wir als „echte“ Opfer und Täter betrachten? Die echte Jury berät sich nun, doch das Urteil spielt eine untergeordnete Rolle. Die Auswirkungen auf zukünftige Gewalt- und Missbrauchsfälle sind jetzt schon klar: Der Prozess mit seiner Medienaufmerksamkeit führt dazu, dass den Aussagen von Opfern weniger Glauben geschenkt wird.

Unsere Autorin ist Start-up-Gründerin und Sprecherin der Initiative NRWAlley. Sie wechselt sich hier mit Blogger Richard Gutjahr ab.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort