Telekom-Chef Timotheus Höttges hält Brandrede gegen Regulierung

Interview mit Telekom-Chef : "Wir müssen aufhören, die Zukunft zu regulieren"

Im Interview mit unserer Redaktion auf der Digital-Konferenz DLD in München präsentierte Telekom-Chef Timotheus Höttges sein Unternehmen als Mutmacher im digitalen Wandel. Dabei formulierte er auch konkrete Forderungen an eine neue Bundesregierung.

Mit einer Brandrede auf der DLD hat sich Telekom-Chef Timotheus Höttges für mehr Marktfreiheit ausgesprochen. Als Grund für den schlechten Glasfaserausbau nannte er die Regulierung. Er kritisierte, dass Europa Nachzügler bei Online-Plattformen ist. Was er sich von der neuen Bundesregierung verspricht, hat er in unserem Podcast "@Fiene und Herr Bröcker — der Podcast mit dem Chefredakteur" verraten. Hier lesen Sie ein zwecks Lesbarkeit leicht geglättetes Transkript des Gesprächs.

Die SPD hat weiteren Koalitionsverhandlungen zugestimmt. Wenn Sie einen Wunsch an die neue Bundesregierung hätten, der noch in einen Koalitionsvertrag hinein verhandelt werden müsste: Welcher wäre das?

Timotheus Höttges Die Politiker haben verstanden, dass wir eine Gigabit-Society brauchen. Jetzt bitte ich darum, einmal die Frage zu stellen und zu verstehen, was die Ursachen dafür sind, dass diese noch nicht in Deutschland entstanden ist — und die Ursachen mit richtigen Aktionen entsprechend zu adressieren. Ich wünsche mir eine Digital-Agentur, die die Regulierung und die gesamten Digitalisierungsfragen zentral bearbeitet, versteht und dann Maßnahmen einleitet, die die Situation verändern. Ich wünsche mir, dass die Regierung schnell Spektrum (Anm. d. Redaktion: z.B. Frequenzspektren, etwa für neue 5G-Netze) zur Verfügung stellt, damit wir diese brillante Chance, die wir im Industrienetz und in der Internet-of-Things-Welt haben, nutzen und entsprechende Fortschritte machen. Viel Spektrum wird uns helfen, all diese Anwendungen möglich zu machen. Ich wünsche mir einfach, dass wir aufhören zu versuchen, die Zukunft zu regulieren. Es wird nicht gelingen, sondern wir müssen letztlich deregulieren. Wir müssen - wie uns das der amerikanische Markt vorgemacht hat - Infrastruktur-Wettbewerb zulassen, ohne immer sofort die Zugangsoptionen für Andere zu schaffen.

Müsste diese Digital-Agentur unter einem Minister für Digitales angedockt werden?

Höttges Sie muss in der Regierung sehr hoch aufgehängt werden, weil sie für den zukünftigen Wohlstand unserer Gesellschaft höchste Priorität hat. Ob das ein eigenes Ministerium ist oder ob das im Kanzleramt eine wichtige Rolle ist - sie sollte eine hohe politische Aufhängung haben.

Hier auf der DLD wird viel über das Thema Blockchain gesprochen. In Ihrem Vortrag ging es auch darum. Können Sie einem 12-Jährigen erklären, was das ist und was er davon irgendwann einmal haben wird?

Höttges Zuallererst: Blockchain ist nicht Bitcoin. Blockchain ist eine Methode, den Vermittler herauszunehmen und vielmehr durch gegenseitige vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Partner im Internet etwas zu erreichen. Der Mann in Mitte ist derjenige, der heute wie eine Bank oder eine Behörde bestimmte Aufgaben organisiert - zum Beispiel Leute entsprechend autorisiert, Transaktionen durchzuführen. Er wird herausgenommen. Partner im Netz kontrollieren sich stattdessen gegenseitig selbst, durch das Vertrauen, das sie sich aussprechen. Die Spinne im Netz wird herausgenommen und so das gesamte System zu einer Kommunikation aller Marktteilnehmer auf einer vertrauensvollen Basis umgebaut.

Wird die Telekom als Infrastrukturanbieter auch eine Art Blockchain-Hub anbieten?

Höttges Die Deutsche Telekom wird zum einen sehr viele Blockchain-Anwendungen ermöglichen. Über die Wertschöpfungsketten der Industrie hinweg wird jedes Produkt eine Identität haben. Man weiß immer - von der Produktion bis zur Veredelung, über die Logistik bis zum Endkunden - wo das Produkt gefertigt wurde, wo welches Element hinzugekommen ist, wer das Element gefertigt hat. Es wird also eine enorme Qualitätssicherung und Transparenz schaffen. Und die Deutsche Telekom wird hier erstens die Verbindungen herstellen. Zweitens wird sie eine Plattform bauen, die das transparent macht. Und drittens wird all das nur möglich sein durch Cloud-Services, die all diese Daten zentral an einer Stelle verwalten. Und da ist die Deutsche Telekom ja heute schon Marktführer.

Was lernen Sie von der DLD persönlich?

Höttges Die DLD macht Mut. Die Konferenz zieht sehr viele Start-up-Unternehmen aus der ganzen Welt an, die hier Partner suchen, mit denen sie anfangen können zu arbeiten - aber auch, mit denen sie kooperieren wollen oder mit denen sie eine Beteiligungsstruktur eingehen. Die DLD organisiert auch ein Stück weit die Kraft der Digitalisierung in Deutschland und für Europa. Und auch wenn ich nicht unmittelbar davon partizipiere - die Telekom baut schwerpunktmäßig Infrastruktur, ohne die geht gar nichts in dieser digitalen Welt -, halte ich es für wichtig, dass wir hier den anderen Mut machen. Dass wir dabei sind, dass wir zeigen, wie wichtig diese digitalen Ökosysteme in Europa sind, und dass sie auch am Standort Deutschland entstehen.

Die Fragen stellte Michael Bröcker.

(brö)
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