Soziale Netzwerke: Ich poste, also bin ich - Essay

Digitales Erleben : Ich poste, also bin ich

Wo es früher galt, Schönes zu genießen, gilt heute mehr denn je, Schönes zu zeigen. Auf Instagram und Co. erschaffen wir unsere eigenen Avatare und vergessen, den Moment zu genießen.

Ablichten statt erleben, speichern statt genießen, konservieren statt erfahren. Ausgerechnet während unserer aufregendsten Momente, schönsten Begegnungen und interessantesten Erfahrungen sind wir nicht ganz da. Noch während sie stattfinden, befinden wir uns in ihrer Weiterverarbeitung. Filmen, schneiden, verbessern, mit den richtigen Hashtags versehen – et voilà: „Ihr Beitrag wird gesendet“, heißt es auf dem Bildschirm, und Sekunden später gehen die ersten Likes und Herz-Emojis ein. Doch die ständige Suche nach Szenen aus unserem Leben, die man auf Instagram und Co. verbreiten kann, entfernt uns von unserem unmittelbaren Umfeld – und letztlich von uns selbst.

Sie sind auf einem Konzert Ihrer Lieblingsband. Die Band, nennen wir sie Interpol, kommt aus New York, hat ein neues Album veröffentlicht, ist deswegen auf Tour und schließlich auch in Ihrer Stadt. Was tun Sie? Wie erwartet tanzen, laut mitsingen, in der Menge der Gleichgesinnten verschwimmen, sich in der Musik verlieren, jeden Bass, jeden Ton in sich aufnehmen? Nun, so natürlich scheint das nicht mehr zu sein. Viel wahrscheinlicher ist, dass Sie ihr Handy über ihren Kopf halten und verzweifelt versuchen, Frontsänger und Band zu filmen. Sie wollen nicht so stehen, dass Sie die Band möglichst gut sehen, sondern so, dass Sie die Band möglichst gut in die Handykamera bekommen.

Was ist los mit uns? Wir hören das ganze Jahr lang ein Album, und wenn die Musiker dann tatsächlich vor uns stehen und für uns ihre Lieder singen, fummeln wir an unseren Smartphones herum und dokumentieren den Moment, statt ihn ausschweifend auszukosten. Zoomen und wieder wegzoomen, mit Blitzlicht und ohne, quer- und hochformat – körperlich sind wir zwar da, mental befinden wir uns aber schon längst auf Instagram, wo wir die Bilder und Vi­deos, Gifs und Storys mit Freunden oder gleich mit der ganzen Welt teilen. Was ist es heutzutage noch wert, auf einem Konzert zu sein, wenn man nicht zeigen kann, dass man wirklich dort war?

Derselbe Mechanismus funktioniert scheinbar überall. Sie sind im Urlaub, und der Strand ist schön? Erst mal ein Foto, #schönhier. Sonntagsbrunch im feinen Restaurant? Den Avocado-Rote-Beete-Toast müssen alle sehen, #foodporn. Endlich mal regnet es morgens nicht, und der Weg ins Büro ist besonders angenehm? Ein Kurzvideo eignet sich am besten, um Sonnenstrahlen und Vogelgezwitscher gleichzeitig aufzunehmen – #goldenerherbst.

Wo es früher galt, Schönes zu genießen, gilt es heute mehr denn je, Schönes zu zeigen. Wir spüren nicht den Sand unter den Füßen und spazieren langsam in die Wellen, wir genießen nicht den Anblick und den ersten Bissen eines köstlichen Frühstücks, und wir erleben auch nicht einen schönen Herbsttag mit all unseren Sinnen – Sehen, Hören, Riechen und Fühlen – wir zücken unser Handy. Und mit jedem Klick distanzieren wir uns von unserem Umfeld, unseren Gefühlen und uns selbst. Ja, es ist wirklich toll hier, aber die eigentliche Frage lautet doch: Aus welcher Perspektive soll ich mein Selfie schießen?

So werden wir zu Dokumentarfilmern unseres eigenen Lebens. Beitrag um Beitrag, Foto um Foto, Video um Video erschaffen wir uns unsere eigene kleine Erzählung und Parallelwelt. Eine Welt, in der wir uns zeigen. Nicht so, wie wir sind, sondern so, wie wir gesehen werden möchten. Schön und intelligent, lustig und smart, verletzlich und selbstbewusst, schlank und mit einem saftigen Cupcake in der Hand. Wir richten unsere Aufmerksamkeit nicht mehr auf das, was ist, sondern auf das, was sein könnte, wie es dargestellt, aus welcher Perspektive es am besten abgelichtet, mit welchen Hashtags es gekrönt werden könnte.

Was aber ist das Problem an diesem Verhalten? Ist es nicht ein Gewinn, jederzeit unsere Erlebnisse mit aller Welt teilen zu können? Bringen uns Instagram und Co. nicht einander näher? Nun, immerhin sind zwischen Oktober 2011 und November 2017 mehr als 250 Menschen bei dem Versuch gestorben, ein spektakuläres Selfie zu schießen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die im „Journal of Family Medicine and Primary Care“ veröffentlicht wurde.

Doch es geht auch weniger dramatisch. Zwischen unserer realen und der digitalen Welt hin- und herreisend, beackern wir plötzlich zwei Felder – allerdings nicht gleichberechtigt. Denn es ist kein Geben und Nehmen, das zwischen den beiden Welten stattfindet, es ist eine Einbahnstraße. Geflissentlich tragen wir die Früchte des realen Lebens – Konzerte, Restaurantbesuche, eine schöne Sonneneinstrahlung – in das digitale. Dadurch vernachlässigen wir das Feld, das Früchte trägt, weil wir es nur noch abernten. Dabei ist es dasjenige, das blüht und gedeiht und uns beschenkt. Das führt zu einem Ungleichgewicht, denn andersherum funktioniert der Transfer nicht. Für die Likes, die wir auf Instagram einheimsen, interessiert sich im realen Leben kein Mensch. Niemand, der bei Sinnen ist, wird seine Freundschaften und Sympathien abhängig davon machen, wie viele Follower eine Person hat. Die Anzahl der Likes, die wir mit einem Beitrag erreichen, hat keinen nennenswerten positiven Effekt auf unser reales Leben.

Wenn man sich zwischenmenschliche Beziehungen physisch als Materie mit mehreren Dimensionen vorstellt, dann bedient Instagram vielleicht die zweidimensionale, die horizontale Ebene. Man weiß, was der andere macht, wo er sich aufhält, was er isst und was er hört. Doch die Tiefe, die dritte Dimension, wenn man so will, bleibt auf der Strecke. Was wir machen, wissen viele, wie es uns geht, die Wenigsten.

Hinzu kommt, dass wir uns durch die Posterei der Erinnerungen berauben, von denen wir Jahre lang zehren könnten. Ein rauschendes Fest kann ich genießen, so lange ich bei mir und in dem Moment bin. Wenn ich aber wie ein Satellit über mir schwebe und auf den nächsten Schnappschuss warte, mit dem ich mein digitales Insta-Ich füttern kann, werden meine inneren Bilder von dem Fest schneller verblassen, die Stimmen schneller verstummen, die Düfte sich verf­lüchtigen und die Gefühle vernebeln.

Das kann so weit führen, dass es unser fundamentales Selbst, unser Selbstbewusstsein berührt. Ein kluger Mann hat einmal beschrieben, dass das Selbstbewusstsein im Wortsinne, also das Bewusstsein von der eigenen Person, auf das Denken, das Zweifeln zurückverfolgt werden kann. Er sagt: Wir können an allem zweifeln, an Gott, an Himmel und Hölle, an unserer Sehkraft oder am eigenen Körper. Doch weil wir zweifeln, können wir an einem nicht zweifeln: unserer Existenz. „Denn es ist ein Widerspruch, dass das, was denkt, in dem Zeitpunkt, wo es denkt, nicht bestehe“ – hinter diesem bahnbrechenden Gedanken steht René Descartes, der die Gleichung auf die so simple wie geniale Formel bringt: „Ich denke, also bin ich.“

Was aber passiert, wenn sich unser Selbstbewusstsein um das Digitale dreht? Das plastische, reale Ich wird zum Zulieferer für das Insta-Ich. Erlebnisse, die nicht auf Instagram gezeigt und verwertet werden können, verlieren ihren Wert: Wenn ein Konzertbesuch sich nur lohnt, wenn man sich dabei inszenieren kann; wenn man sich fragt, was es bringt, sich hübsch zu machen und Freunde zu treffen, wenn man es nicht zeigen kann; wenn man sich nicht mehr über seine Taten, Gefühle und Entscheidungen definiert, sondern über seine Posting, dann ist die Folge nicht nur, dass wir uns im Netz einen eigenen Avatar kreieren, der schöner, klüger und interessanter ist als wir selbst, sondern uns auch in seine Abhängigkeit begeben. Frei nach Descartes gipfelt das in der Formel: Ich poste, also bin ich.

Doch so wie jeder Trend einen Gegentrend nach sich zieht, formiert sich auch hier eine Gegenbewegung mit Achtsamkeits- und Entspannungsretreats, in denen Smartphones zum unerwünschten Apparat erklärt werden. „Digitaldetox“ nennt sich das Prinzip – ein Wort, das einer gewissen Paradoxie zum Trotz eine besonders gute Figur hinter einem Hashtag macht: Wer auf Instagram nach #digitaldetox sucht, findet knapp 140.000 Beiträge – so oft thematisieren Menschen in digitalen Beiträgen ihre digitale Enthaltsamkeit. Das ist, als würde man auf einem Kreuzfahrt einen Vortrag darüber halten, wie schädlich Kreuzfahrtschiffe sind.

Um einen Ausweg aus dem Selbstinszenierungsnirvana zu finden, wird ein Hashtag, so achtsam er auch sein mag, wenig nützen. Der erste und einfachste Weg, um sich von den Verlockungen Instagrams zu lösen, ist, gegen den Namen des Portals zu handeln: Instagram basiert auf der Annahme, dass man aus dem Moment heraus und ohne zeitliche Verzögerung Beiträge teilt. Statt sich diesem Diktat zu unterwerfen, könnte ein Schritt in die richtige Richtung bereits sein, Beiträge bewusst zeitverzögert zu posten. Sie machen das Foto, okay, aber um das Bearbeiten, die Hashtags und die Filter kümmern Sie sich Stunden, vielleicht sogar Tage später. Diese Idee ist freilich nicht neu und hat selbstverständlich auch ihren eigenen Hashtag – #latergram. Knapp 50 Millionen Beiträge gibt es bereits mit diesem Hinweis.

Oder aber man legt das Handy in den wichtigen Momenten des Lebens einfach weg und denkt über seine Prioritäten im Leben nach. Das sollte man sowieso öfter tun. Und in wenigen Wochen beginnt ein neues Jahrzehnt – wann, wenn nicht dann?

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