Digitalkonferenz re:publica 2022 „Seien Sie nicht gleichgültig“ – 6 Lösungsansätze für die großen Krisen der Welt

Analyse | Berlin · Die Welt erlebt den „ersten Tiktok-Krieg“ und kämpft mit einer Welle von Desinformation, derweil hat die Corona-Pandemie den Nachholbedarf bei der Digitalisierung noch offensichtlicher gemacht. Auf der Digitalkonferenz re:publica wurden Lösungsansätze für diese Krisen diskutiert. Ein Überblick.

 Die Hauptbühne der re:publica war fast immer sehr gut besucht.

Die Hauptbühne der re:publica war fast immer sehr gut besucht.

Foto: dpa/Annette Riedl

Klimawandel, Ukraine-Krieg, Corona-Pandemie, dazu Desinformation, Hass und Hetze im Netz: Gleich vier Krisen nannten die Organisatoren der re:publica als Rahmen für die diesjährige Konferenz. Doch statt diese nur zu benennen und zu analysieren, betonte Mitgründer Johnny Haeusler: „Wir wollen Teil der Lösung sein.“ Konstruktive Ansätze für die großen Krisen finden, sei seit jeher der Anspruch der größten und wichtigsten deutschen Digitalkonferenz, um eine „lebenswerte digitale Gesellschaft“ zu schaffen, wie es Co-Gründer und Netzaktivist Markus Beckedahl formulierte. Wie sehen diese Lösungen nun aus? Wir haben Schlaglichter gesammelt:

1. Warum die großen Krisen nur zusammen gelöst werden können

Medizinischer Fortschritt, Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, verbesserte Technologie und Infrastruktur: Statistiken belegen eine große Erfolgsgeschichte der Menschheit. Also wird alles immer nur besser? Vor diesem Trugschluss warnt die Wirtschaftsökonomin Maja Göpel. Sie kritisierte in ihrem Vortrag auf der re:publica, dass Unternehmen in ihren Bilanzen die Folgeschäden ihres erwirtschafteten Gewinns – die Verschmutzung und Zerstörung von Natur und Tierwelt sowie gesundheitliche Schäden für Menschen, vor allem in anderen Teilen der Welt – außer Acht lassen. „‚Ich, ich, ich‘ steht immer auf den Schultern vieler“, so die Wissenschaftlerin.

Problematisch sei daher, dass die Politik die Probleme der Gegenwart immer noch mit den Methoden der Vergangenheit angehe. Der Tankrabatt sei das „Epizentrum dieser Denke“, da davon neben den Bürgern vor allem die Mineralölkonzerne profitierten.

Göpel plädierte dafür, bei allen Entscheidungen immer auch die soziale Frage mitzudenken. Zwar kurbelten Pflegekräfte, Erzieher oder Krankenschwestern nicht das Bruttoinlandsprodukt eines Landes an, doch diese Berufe seien unverzichtbar für eine gesunde, funktionierende Gesellschaft. Die Globalisierung sei an vielen Stellen zu weit gegangen, resümierte Göpel und plädierte für eine Re-Regionalisierung. „Manche Produkte müssen nicht auf den Weltmarkt.“ Das Ziel müsse die höchstmögliche Lebensqualität bei gleichzeitig niedrigem CO2-Fußabdruck sein. Um das zu erreichen, seien auch Verbote sinnvoll. „Verbote können auch Freiheit sichern“, argumentierte Göpel am Beispiel des Verbots der Vergewaltigung in der Ehe.

2. Wie der Kampf gegen Desinformation gelingen kann

Ein Deepfake-Video des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der angeblich die Kapitulation erklärt, oder Videos des „Geist von Kiew“ beim vermeintlichen Abschuss russischer Jets, obwohl es sich dabei eigentlich um Ausschnitte aus Videospielen handelt: Diese Beispiele zeigen, wie Desinformation gerade im Krieg in der Ukraine zu einem immer größeren Problem wird. Blogger Sascha Lobo nannte es den „ersten Tiktok-Krieg“, den die Welt erlebe. Kanzler Olaf Scholz sprach von gezielten Desinformationskampagnen, die derzeit stattfinden.

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen betonte auf der re:publica, wie wichtig es sei, die Öffentlichkeit besser vor Desinformation zu schützen. Dabei plädierte er dafür, Falschinformationen nicht nur im Nachhinein aufzuklären, sondern ihnen schon im Vorfeld zu begegnen. Die Bevölkerung müsse präventiv „mit Praktiken, Techniken und Narrativen von Desinformation“ konfrontiert werden. So habe es auch die Ukraine gemacht, deshalb habe das Deepfake-Video von Selenskyj keinen Erfolg gebracht. „Die Ukrainer wussten, dass das Video kommen würde“, erklärte Pörksen. Eine „redaktionelle Gesellschaft“, wie er es nennt, in der also jede und jeder über Wissen und Techniken zur Einordnung von Informationen verfügt, könnte sich als wehrhaft gegen Desinformation erweisen. „Seien Sie nicht gleichgültig“, forderte er. Pörksen sieht hierfür vor allem Medienbildung als Werkzeug, etwa an Schulen, aber auch in der Erwachsenenbildung.

Ukraine: Die Leidtragenden des Krieges und ihre Wunden
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Die Leidtragenden des Krieges und ihre Wunden

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Foto: AP/Emilio Morenatti

Sehr konkret geht die Deutsche Presse-Agentur (dpa) mit Falschinformationen um. 4500 Faktenchecks zu vor allem online kursierenden Fakenews hat das 30-köpfige Team von Stefan Voß, Leiter Verifikation bei der dpa, schon veröffentlicht, davon fast die Hälfte zur Corona-Pandemie. „Falsch- und Desinformation löschen ist keine Lösung“, sagte Voß bei seinem Vortrag. Viel hilfreicher seien die Gegenrede und die Aufklärung falscher Informationen. Konkrete Werkzeuge, die jede und jeder dafür nutzen kann:

  • Foto-Rückwärtssuche: Häufig kursieren zum Beispiel in WhatsApp-Gruppen Bilder, die angeblich einen aktuellen Vorgang zeigen, aber entweder völlig aus dem Zusammenhang gerissen oder schon Jahre alt sind. Browser-Plugins wie „Search by Image“ ermöglichen es, ein Foto hochzuladen und herauszufinden, wo es an anderer Stelle schon online veröffentlicht wurde.
  • Internet-Archiv: Steht eine Information schon länger auf einer Website oder wurde sie aufgrund eines aktuellen Skandals nachträglich angepasst? Die „Wayback Machine“ speichert millionenfach alte Website-Versionen und macht es so möglich, Änderungen nachzuvollziehen.
  • Google Maps: Sieht es an einem Ort wirklich so aus, wie auf einem Foto zu sehen ist? Ist also die Aufnahme authentisch? Der Blick von oben per Satellitenfoto oder Luftbild kann helfen, das herauszufinden.
  • Gesunder Menschenverstand: Ja, auch der ist wichtig, betonte Voß. Ist fünfmal dasselbe Flüchtlingsboot mit immer demselben Menschen in immer derselben Schwimmweste auf einem Foto zu sehen? Vermutlich wurde es per Bildbearbeitung vervielfacht. Ein Foto zeigt angeblich einen deutschen Schulhof, alle Kinder tragen aber Schuluniform? Eher unwahrscheinlich.

Übrigens: Wer online eine Information findet und sich nicht sicher ist, ob sie stimmt, kann dem dpa-Faktenchecker-Team einfach eine WhatsApp-Nachricht schreiben, an +49 160 3476409, und bekommt nach Prüfung eine Rückmeldung, so Voß.

3. Die „Generation Alpha“ als kritisches Korrektiv

Die Idee einer „verlorenen Jugend“, die nur vor dem Smartphone sitzt und sich wenig für größere Zusammenhänge interessiert, taucht immer wieder in gesellschaftlichen Debatten auf. Ein viel positiveres Bild wurde auf der re:publica gezeichnet. Die „Generation Alpha“ – jene, die zwischen 2010 und 2025 geboren wurden oder werden – sei eine „Generation von Medienkritikern“, berichtete Inka Kiwit, die als Journalistin unter anderem für den öffentlich-rechtlichen KIKA arbeitet. In ihrer Arbeit mit Kindern dieser Generation merke sie, wie diese Fragen stellten, die sie früher nie gestellt hätte. Etwa: Warum moderiert hier nur ein Mann und keine Frau? Themen wie Diversität seien für diese Generation selbstverständlich. Sie sei zudem geprägt durch einen noch natürlicheren Umgang mit Medien, etwa mit Smartspeakern, erklärte WDR-Innovations-Managerin Vanessa Beule.

Für viele junge Menschen in Deutschland kommen in der öffentlichen Debatte die kulturelle Vielfalt und die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Migrationshintergrund zu kurz. Das war die einstimmige Meinung bei einem re:publica-Panel mit mehreren jungen Podcastern mit Migrationsgeschichte. Mit Berichten aus ihrem Leben wolle sie stereotypischen Darstellungen oder negativ konnotierten Berichten über Muslime entgegenwirken, sagte etwa Merve Kayikci, die den Podcast „Primamuslima“ hostet. Frank Joung vom Podcast „Halbe Katoffl“ plädierte dafür, immer möglichst viele verschiedene Perspektiven abzubilden.

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Foto: dpa/Matthias Balk

4. Wirkmacht sozialer Medien neu begreifen

Wie mächtig soziale Medien sind, haben Bewegungen wie Fridays for Future, Black Lives Matter und #metoo eindrücklich gezeigt. Sie entstanden alle aus einem Hashtag im Internet und wurden zu den zentralen gesellschaftlichen Bewegungen des letzten Jahrzehnts. Über die Hashtags informierten, vernetzten und bestärkten sich Menschen rund um den Globus. Die Macht der sozialen Medien hat aber auch eine Schattenseite: Sie kann für Falsch- und Desinformation genutzt werden, wie sich aktuell im Ukraine-Krieg zeigt. Blogger Sascha Lobo bezeichnete die sozialen Medien in seinem Vortrag auf der re:publica daher als „extrem mächtige Gefühlsmaschinen“, die „Moralisierung“ befördern. Aus Gefühlen entstünden gefühlte Fakten, die wiederum zu Fakenews werden könnten.

Mit seiner Frau Jule sprach Lobo bei der Live-Aufzeichnung des gemeinsamen Podcasts „Feel the News“ über eine weitere Kehrseite von Social Media: „Toxic Wokeness“ auf Twitter. „Wokeness“ ist ein Begriff, der ursprünglich aus dem Kampf Schwarzer Menschen gegen Rassismus aus den 30er Jahren kommt, und eine Form von aufgeklärtem Denken beschreibt. Wokeness könne aber auch ins Menschenfeindliche, der sogenannten Toxic Wokeness kippen, bei der andere ausgegrenzt werden, so Lobo. Ein Auslöser auch hier: Der hohe Grad von Moralisierung in sozialen Netzwerken.

Sascha Lobo ist bereits seit 15 Jahren auf Twitter aktiv, Jule Lobo seit zehn Jahren. Ihre ersten Hassnachrichten bekamen sie bereits wenige Stunden nach der Registrierung beim Kurznachrichtendienst. Zwar sei der Ton im Internet schon immer rau gewesen, sind sich die beiden einig, doch: „Die Härte hat in den letzten Jahren zugenommen“, sagte Jule Lobo. „Twitter ist super hart. Die Leute sind erbarmungslos, unversöhnlich und zeigen keine Reue.“ Es herrsche geradezu ein Wettbewerb darum, wer den „krassesten“ Tweet zu einem Thema absetze, sagte Sascha Lobo. Immer häufiger seien Menschen Shitstorms ausgesetzt, die nichts mehr mit sachlicher Kritik zu tun hätten. „Man kann selbst Teil eines Shitstorms sein, ohne es zu merken.“

Trotz der toxischen Folgen sei Twitter „der Ort, an dem Nachrichten entstehen und an dem Politik geschieht“, sagte Sascha Lobo. Jule Lobo sprach von einem „wichtigen Ort für kreative Meinungsbildung“. Die Lobos werben jedoch für einen gesunden, maßvollen Umgang mit Social Media. Man solle sich stets fragen: Wie hoch ist meine Bildschirmzeit, und wie geht es mir damit?

Der bekannte Twitter-Nutzer El Hotzo geht sogar einen Schritt weiter und appellierte in seiner Rede auf der re:publica, Nutzer bei Twitter zu blockieren, obwohl dies – wie Kritiker als Argument dagegen anführen – die Diskussionskultur zerstöre. „Und das ist gut so.“ Es sei peinlich, mit Menschen, die anonym bleiben, in Twitter-Kommentaren zu diskutieren, so El Hotzo. Das Blockieren von unliebsamen Twitter-Nutzern sei gut für die mentale Gesundheit jedes Einzelnen.

5. Wissenschaft ist wieder „sexy“

Die Wissenschaft steht seit Beginn der Corona-Pandemie im Rampenlicht: Virologen sitzen täglich zur Primetime in Talkshows, Bürger hantieren wie selbstverständlich mit Begriffen Inzidenz, Epidemie und Mutation. Auch Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, und Virologin Melanie Brinkmann wurden durch die Pandemie zu zwei bekannten Gesichtern in Presse, Fernsehen und sozialen Medien. Sie berichteten auf der re:publica vom deutlich gestiegenen Interesse an Wissenschaft über die vergangenen zwei Jahre. Die beiden seien von Anfragen geradezu überschüttet worden und hätten Unterstützung bei der Bearbeitung gebraucht, erzählten sie.

Die veränderte öffentliche Wahrnehmung von wissenschaftlichen Inhalten hat auch Chemikerin und Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim wahrgenommen. „Vor Corona hatte die Wissenschaft zu wenig Aufmerksamkeit. „Doch um eine Wirkung zu entfalten, braucht Wissenschaft Aufmerksamkeit.“ Bei der Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte in den sozialen Medien sei Unterhaltung erlaubt, es dürfe aber „keinen Kompromiss bei der wissenschaftlichen Korrektheit geben“, stellte Nguyen-Kim klar.

6. Digitale Infrastruktur als Grundlage

Was nach einer Binse klingt, wurde auf der re:publica selbst vom Bundeskanzler noch einmal benannt: Deutschland hängt bei der Digitalisierung hinterher und muss mit Hochdruck besser werden. Weil in der Pandemie plötzlich Menschen an Videokonferenzen teilnehmen mussten, die das noch nie gemacht hatten, habe das „Bewusstsein für Digitalisierung“ und die „miserable digitale Infrastruktur“, etwa beim Glasfaserausbau, massiv zugenommen, sagte auch Blogger Sascha Lobo bei seinem Vortrag.

Kanzler Olaf Scholz betonte zudem, die digitale Souveränität Deutschlands stärken zu wollen. Es müsse sichergestellt sein, dass die Bundesrepublik Zugriff auf zentrale Technologien habe, ohne in Protektionismus zu verfallen. Dass etwa Intel künftig in Magdeburg Chips herstellen will, sei eine gute Nachricht. Mehr zu Scholz‘ Auftritt lesen Sie hier.

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