Poetry-Slam: Der späte Ruhm der Julia Engelmann

Internet-Hype um bewegende Rede : Der späte Ruhm der Julia Engelmann

Als sich Julia Engelmann im Mai 2013 vor einen vollen Hörsaal der Uni Bielefeld stellte, ahnte sie nicht, wie sehr ihre Worte nachhallen würden. Mehr als ein halbes Jahr später begann ein Hype um das, was sie gesagt hat.

Julia Engelmann hat alle Worte, die die Bremerin während ihres fünfeinhalbminütigen Auftritts spricht, mit Bedacht gewählt. Sie wirkt am Anfang ein wenig nervös, obwohl sie weiß, wie es ist, vor einem großen Publikum aufzutreten. Zwischen 2010 und 2012 spielte sie in der RTL-Soap "Alles was zählt" mit.

Doch schon vor ihrer TV-Karriere war sie Poetry-Slammerin, also eine Frau, die sich in einem Dichterwettstreit mit anderen misst, indem sie sich gegenseitig eigens kreierte Texte vorsagen. Meistens entscheidet das Publikum, wer den besten Text verfasst hat.

Den Text, den die Psychologie-Studentin für den fünften Bielefelder Hörsaal-Slam geschrieben hat, heißt "One Day/Reckoning"-Text — angelehnt an das gleichnamige Lied von Asaf Avidan aus dem Jahr 2012. Der Israeli landete mit dem Song auf Platz eins der deutschen Single-Charts. Es geht darum, dass man eines Tages alt ist, und an all die Geschichten denkt, die man hätte erzählen können.

Engelmann hat eben über diese Geschichten nachgedacht. "Ich bin der Meister der Streiche, wenn es um Selbstbetrug geht, ein Kleinkind vom Feinsten, wenn ich vor Aufgaben stehe'", sagt sie zu Beginn. "Lass mich begeistern von Leichtsinn, wenn ein anderer ihn lebt."

Sie fährt fort mit Gedanken, die Millionen Deutsche jeden Tag haben — die aber nur wenige laut aussprechen, weil sie ein schlechtes Bild auf jeden werfen könnten. "Ich denke zu viel nach, ich warte zu viel ab, ich nehme mir zu viel vor, und ich mache davon zu wenig", sagt die 21-Jährige, und gesteht sich diese Schwächen ein. "Ich halte mich zu oft zurück, ich zweifele alles an, ich wäre gerne klug, allein das ist ziemlich dämlich."

Noch im vergangenen Sommer, kurz nach dem Auftritt in Bielefeld, haben die Macher von Campus TV das Video hochgeladen. Es hätte eines der Videos werden können, dass nur wenige Tausend Mal angeklickt wird, wie so viele Videos des Hörsaal-Slams — zum Beispiel von Christian Ritter (etwas mehr 3800 Aufrufe), Annalouise Falk (etwas mehr als 6600 Aufrufe) oder David Grashoff (etwas mehr als 16.800 Aufrufe).

Julia Engelmanns Video wurde mehr als 370.000 Mal angeklickt, allein am Freitag binnen weniger Stunden mehr als 100.000 Mal.

Ein wesentlicher Grund dafür könnte sein, dass der Blogger Kai Thrun die Rede entdeckt hat. "Im Rahmen des Hörsaalslams hat Julia Engelmann aus Bremen einen sehenswerten Beitrag über uns alle vorgetragen. Es geht um das Leben als solches und es ist dieses Format: Jemandem den inneren Spiegel vorhalten", schreibt er dazu auf seiner Internetseite, zudem postete er es auf seiner Facebook-Seite. Die Folge: Mehr als 55.000 Menschen klickten laut des Bloggers Zählung auf "Gefällt mir" und verbreiteten die Botschaft somit im Internet.

Einer der bedeutendsten Sätze ihres Appells ist der über all die verpassten Gelegenheiten, der den Menschen aus der Seele spricht: "Dass wir bloß faul und feige waren, werden wir verschweigen, und uns heimlich wünschen, noch ein bisschen hier zu bleiben, wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp, und das wird sowieso passieren, und dann erst werden wir kapieren, wir hatten nie was zu verlieren."

Hier geht es zu weiteren Zitaten aus ihrer Rede.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Zitate aus der bewegenden Rede von Julia Engelmann

(spol)