Essay zum Geburtstag: Philipp Holstein gratuliert Facebook

Essay zum Geburtstag : Philipp Holstein gratuliert Facebook

Facebook ist ein Balkon, auf den man tritt, wenn man aufgeregt ist, euphorisiert oder zornig. Man ruft hinaus, was einen umtreibt, zeigt auf das, was andere sehen sollen. Unter dem Balkon stehen jederzeit Zuhörer, einige klatschen oder buhen; sie reagieren, und das tut in solchen Momenten sehr gut. Facebook ist ein gewaltiger Resonanzraum, es lässt niemanden allein mit seinen Emotionen.

Natürlich ist nicht jede Information geeignet, dort veröffentlicht zu werden. "Was machst du gerade?", fragt Facebook seine Nutzer und will sie ermuntern, eine Statusmeldung abzugeben. Manchmal möchte man aber weder klatschen noch buhen, sondern sich bloß abwenden, wenn mal wieder jemand auf den Balkon tritt und mitteilt, dass er gar nichts macht — außer sich Bilder von süßen Kätzchen anzusehen oder sein Abendessen zu fotografi eren. Zwischen Verlautbaren und Wahrnehmen klafft ein Abgrund: Man erinnert sich an die Dringlichkeit einer Nachricht, nicht aber an ihren Inhalt.

Facebook belebt die Adressbücher. Namen bekommen ein Gesicht, man verbindet Ereignisse mit ihnen. Nett ist, wenn sich Facebook-Freunde zufällig in der echten Welt begegnen, obwohl sie sich bislang nur virtuell kannten: Unverbindlichkeit geht über in Vertraulichkeit. Facebook bietet Klatsch mit Nutzwert. Es ermöglicht den raschen Zugriff auf die Wirklichkeit und ökonomisiert die Wissensbeschaffung. Es versichert seine Nutzer der Zeitgenossenschaft und lehrt sie, Datenströme zu lenken. Wie wichtig diese Plattform sein kann, wie man sie über die Plauderei, die Lust am Abgelenktwerden und die Partyplanung hinaus nutzen kann für Existenzielles, dokumentiert der Arabische Frühling. Die Revolution im Nahen Osten wäre vielleicht nicht in Bewegung gekommen, sie hätte nicht solche Wucht bekommen, wäre sie nicht über Facebook organisiert worden. Freiheit darf man nicht nur wollen, man muss sie auch können, und erproben kann man sie auf Facebook.

Wobei Freiheit bei Facebook auch Transparenz bedeutet, das ist die Kehrseite. Was gibt man preis? Will man wirklich, dass alle Freunde erfahren, ob man online ist, wo man sich aufhält, was man liest, wen man kennt? Und: Will man, dass Facebook das weiß? Was ist, wenn sie es dereinst hinbekommen, aus dem Daten-Müllberg einen Informationsschatz zu bergen? Wenn die Einsicht in individuelle Vorlieben nicht nur dafür genutzt wird, Produkte zu empfehlen. Sondern etwa Ernährungsgewohnheiten an Krankenkassen weitergeleitet werden. Nur so als Beispiel. Das gilt es abzuwägen, bevor man sagt: Gefällt mir!

Lesen Sie weiter:

Essay: Lothar Schröder gratuliert Facebook

Essay: Philipp Holstein gratuliert Facebook

Interview: "Facebook ist das Betriebssystem des Internet"

(csi)