Erste interaktive Weinkreation Deutschlands: Online-Abstimmung über Spätburgunder-Produktion

Erste interaktive Weinkreation Deutschlands : Online-Abstimmung über Spätburgunder-Produktion

Mayschoss (RPO). Bisher war der Winzerberuf eher aufwendig. Man brauchte einen Weinberg oder zumindest einige Weinstöcke, viel Zeit für die Arbeit im Weinberg und einen Keller zum Ausbau des Weines. Doch all das geht jetzt einfacher: Ein paar Mausklicks reichen - und schon ist man bei der Weinproduktion dabei.

Möglich macht es die Internetseite von Jungwinzer Johann Hehle vom Weingut Deutzerhof an der Ahr. Hier entsteht wohl der erste interaktiv produzierte Wein Deutschlands: Ein Spätburgunder des Jahrgangs 2010 von der Spitzenlage Mönchberg in Mayschoss.

"Wein ZwoNull" nennt Hehle sein Projekt, ganz passend im Internet-Jargon. Er selbst sei Internet-verrückt, bekennt der 25 Jahre alte Jungwinzer, der seit 2006 im elterlichen Betrieb mitarbeitet.

Zudem gebe es derzeit einen regelrechten Wein-Boom im Internet: Wein-Twitterer und Wein-Blogs gebe es immer mehr, auf manchen Seiten "fotografieren Leute ihr Essen und den Wein dazu ab", sagt Hehle. Auch komme heute kaum noch ein Weingut ohne Online-Shop aus. Der Jungwinzer findet: "Auch die Traditionsware Wein muss sich für neue Wege öffnen."

Die Idee zum Wein ZwoNull kommt aus den USA, den Tipp hat Hehle von dem Weinjournalisten Carsten Sebastian Henn von der Weinzeitschrift Vinum. Auf deren Homepage ist auch der Blog zum Projekt zu Hause. Die Internet-Winzer dürfen nämlich nicht nur zugucken, sie entscheiden per Abstimmung, wie der Wein gemacht wird. Drei Abstimmungen gab es bereits: Bei der ersten ging es um den Rebschnitt, bei der zweiten um die Begrünung im Weinberg, bei der dritten um das Spritzverfahren.

Detailliert beschreiben Johann Hehle und sein Vater Wolfgang vor der Abstimmung zwei mögliche Verfahren, jeweils mit Pro und Contra. An die Abstimmung sei er dann gebunden, sagt Johann Hehle: "Ich bin da jetzt mal einfach nur ausführendes Organ."

Schwer fiel ihm das bisher nicht: "Die Leute kommunizieren wirklich, da wird richtig über Kleinigkeiten diskutiert und darüber, warum welche Entscheidung wie getroffen wurde", berichtet Hehle. Hehle selbst wollte mit dem Projekt vor allem die Frage beantwortet wissen: "Was will der Kunde, haben die Leute wirklich das Qualitätsdenken?"

Die ersten Entscheidungen seien "für die Qualität und gegen die Masse" gewesen, berichtet der Jungwinzer. So wurde der Wein ZwoNull mit zwei Bogenreben gebunden, die Parzelle in jeder zweiten Zeile begrünt und die Reben biologisch mit Schwefel und Kupfer gespritzt anstatt mit Chemikalien aus dem Hubschrauber. Auf Fotos und Videos im Blog kann dann jeder sehen, wie die Arbeiten gelaufen sind. Auch wann die Trauben geerntet werden und wie lange sie später im Fass liegen - all das wird von den rund 100 Teilnehmern entschieden.

Mit dabei seien Weinkenner, Doktoren, einfache Weintrinker und sogar der ein oder andere Winzerkollege, sagt Hehle. Die Teilnehmer kommen aus ganz Deutschland, einer auch aus der Schweiz. Für Hehle ist das logisch: "Hier können sie ohne großen Aufwand dabei sein und erfahren, wie so ein Wein entsteht."

Angst, dass das Ergebnis ungenießbar werden könnte, hat Hehle nicht: Bedingung für die Teilnahme ist nämlich, dass man drei bis zwölf Flaschen des Weines auch abnimmt - für immerhin 20 Euro pro Stück. Grund sei, "damit nicht jeder Quatschkopf mitmacht und Blödsinn abstimmt", sagt Hehle - aber auch gegen den Absatz hat der Winzer nichts einzuwenden: "Ich bleibe auf dem Wein ja nicht sitzen", sagt Hehle schmunzelnd: "Die Leute müssen die Suppe, die sie sich einbrocken, auch selbst auslöffeln."

(DDP/csr)
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