Kommentar: Menschen müssen sich im Internet wieder sicher fühlen können

Kommentar : Menschen müssen sich im Internet wieder sicher fühlen können

Inzwischen gibt es in Deutschland kaum noch einen Internetnutzer, der diese Weisheit nicht begriffen hat: Wenn im Netz etwas kostenlos ist, dann bist du selbst das Produkt. Mit Daten von Nutzern machen Internetkonzerne wie Google, Amazon und Facebook Milliardengeschäfte. Vielen Menschen macht diese Entwicklung Angst – und doch nutzen sie die Dienste einfach weiter. Etwas ändern, so der verbreitete Glaube, kann der Einzelne ja sowieso nicht. Das ist fatal.

Inzwischen gibt es in Deutschland kaum noch einen Internetnutzer, der diese Weisheit nicht begriffen hat: Wenn im Netz etwas kostenlos ist, dann bist du selbst das Produkt. Mit Daten von Nutzern machen Internetkonzerne wie Google, Amazon und Facebook Milliardengeschäfte. Vielen Menschen macht diese Entwicklung Angst — und doch nutzen sie die Dienste einfach weiter. Etwas ändern, so der verbreitete Glaube, kann der Einzelne ja sowieso nicht. Das ist fatal.

Denn inzwischen bewegt sich ein Großteil der Menschen täglich im Internet, drei Viertel von ihnen greifen dabei bevorzugt auf kostenlose Angebote zurück. Das zeigt die Studie "Daten — Ware und Währung" des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde. 80 Prozent der Internetnutzer finden es jedoch nicht in Ordnung, dass dabei von den Konzernen Daten abgegriffen und benutzt werden. Ein Drittel der Internetnutzer würde für den Schutz der Daten sogar im Schnitt 41 Euro im Jahr bezahlen — obwohl ein Großteil der Befragten zweifelt, ob sich dieser Schutz überhaupt durchsetzen lässt. Wer nicht bezahlen würde, glaubt sowieso nicht daran. Angesichts der Enthüllungen von Edward Snowden über die massive Überwachung des Internets durch amerikanische und britische Geheimdienste kann man diesen Fatalismus sogar nachvollziehen.

Gegenüber den Internetkonzernen fühlen sich die Deutschen ohnmächtig.

Denn natürlich wollen viele von ihnen ihre Daten schützen, aber dies geht in der von Monopolen dominierten Netzwelt fast nur durch Verzicht. Datensicherheit ist aktuell ausschließlich für den Preis des Verzichts auf netzgesellschaftliche Teilhabe zu erreichen. Denn was würde es bedeuten, seine Daten zu schützen?

Zunächst würde man nicht mehr bei Amazon einkaufen, sondern im stationären Handel. Auch um soziale Netzwerke wie Facebook müsste man einen Bogen machen, doch es ließe sich kaum verhindern, dass die Facebook-Tochter WhatsApp an die eigenen Daten kommt. Denn die besorgt sich das Programm aus dem Telefonbuch der Nutzer, die es installiert haben — also vielleicht nicht aus meinem, aber dem von Familie, Freunden oder beruflichen Kontakten. Ob ich damit einverstanden bin? Danach wird nicht gefragt. Ähnlich macht es Google, dessen Email-Dienst alle Mails mitliest — auch solche, die von anderen Adressen an eine Gmail-Adresse geschickt werden. Was mit den Daten passiert, wie sie verarbeitet und vernetzt werden, lässt sich für den einzelnen Nutzer kaum nachvollziehen.

Wie kostenpflichtige Dienste dieses Dilemma lösen sollen, können sich die meisten Internetnutzer nicht vorstellen. Stattdessen wünschen sie sich mehr Regulierung: Der Missbrauch von Daten sollte stärker verfolgt und bestraft werden, der Datenhandel gesetzlich verboten. Ausländische Sicherheitsfirmen sollten zudem verpflichtet werden, sich an das strenge deutsche Datenschutzrecht zu halten — und nicht wie bisher an laxe Vorschriften wie sie beispielsweise in Irland gelten.

Die Bundesregierung sollte diese Sorgen ernst nehmen und für mehr europäischen Datenschutz sorgen. Nationale Lösungen werden in einem grenzenlosen Internet kaum genügen können. Der Kampf gegen Datenschutz-Oasen muss genauso engagiert geführt werden wie der gegen Steuer-Oasen. Natürlich soll sich jeder im Internet so frei wie auf Straßen bewegen können — aber auch dort gilt eine Straßenverkehrsordnung. Und es soll ja nicht darum gehen, Unternehmen den Umgang mit Daten zu verbieten. Allerdings müssen die Nutzer die Kontrolle über ihre Informationen wiedererlangen.

Für die Bundesregierung und die EU-Kommission sollten schärfere Regeln nicht nur lästige Pflicht sein. Denn die Zahlungsbereitschaft der Kunden für Internetsicherheit zeigt, dass sich für die rückständige europäische Internetwirtschaft in der Lösung dieser Frage auch ein neues Geschäftsmodell verbergen kann.

(RP)