Soziale Medien: Kein Facebook ist auch keine Lösung

Soziale Medien: Kein Facebook ist auch keine Lösung

Nach dem Datenskandal wird im Netz offen über eine Zeit nach Facebook debattiert. Druck bekommt Facebook von einer anderen Seite.

Nach dem Datenskandal wird im Netz offen über eine Zeit nach Facebook debattiert. Doch einen Massen-Exodus durch die Nutzer hat das Netzwerk nicht zu befürchten. Druck bekommt Facebook von einer anderen Seite.

Ein Tiefkühlpizza-Hersteller lässt im Netz über die Löschung seiner Facebook-Seite abstimmen, TV-Wissenschaftler Ranga Yogeshwar fordert in der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" eine Zwangspause für das soziale Netzwerk in Europa, und internationale Medien wie die "New York Times" oder "Newsweek" fragen sich, ob jetzt das Ende des blauen Riesen vor der Tür steht. Wer in dieser Woche öffentlich vom Löschen des eigenen Facebook-Kontos spricht, dem ist Aufmerksamkeit garantiert. Kommt jetzt der große Massen-Exodus?

2018 ist das härteste Jahr für Facebook seit seiner Gründung 2004. Nachdem wegen Hassbotschaften und Falschnachrichten das Image des Unternehmens ins Negative kippte, wollte Zuckerberg in diesem Jahr in Ruhe sein Netzwerk reparieren, wie er im Januar ankündigte. Die jüngsten Vorwürfe werfen ihn allerdings deutlich zurück. Die Analyse-Firma Cambridge Analytica soll unerlaubt Zugang zu Daten von mehr als 50 Millionen Facebook-Nutzern gehabt haben. Der Druck auf Zuckerberg wurde so groß, dass er erstmals in einem TV-Interview von "einem großen Vertrauensbruch für die Nutzer" sprach. Das gab es bisher noch nie.

Doch für Martin Giesler, Autor des Social-Media-Watchblogs, reicht diese Reaktion nicht. Zuckerberg habe sich zu viel Zeit für eine Reaktion gelassen und Wichtiges nicht erwähnt: "Zuckerberg hat auch nichts darüber gesagt, dass Facebooks Geschäftsmodell, also das Sammeln und der Verkauf von Werbung auf Basis von Nutzerdaten, rigoros überdacht würde."

Bisher ist Facebook mit jedem Skandal gewachsen. Als CSU-Politikerin Ilse Aigner das soziale Netzwerk 2010 demonstrativ verließ, war das Echo groß. Doch der Otto-Normalnutzer folgte diesem Vorbild nicht. Im Gegenteil: Jahr für Jahr folgten neue Rekordwerte in Deutschland.

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Cambridge Analytica missbrauchte Daten, um Nutzer zu beeinflussen, und half so, Donald Trump zum US-Präsidenten zu machen. Deshalb ist nun die Empörung über den jüngsten Skandal so groß. "Verantwortliche von Cambridge Analytica geben mal wieder damit an, dass sie angeblich allein Donald Trump ins Weiße Haus geholfen haben. Und viele Journalisten glauben nur allzu gerne diese simple Erklärung", kommentiert der Social-Media-Experte Martin Hoffmann auf Twitter.

Es formiert sich eine Gegenbewegung im Netz. Nutzer von Facebook sollen unter dem Schlagwort #deletefacebook auf das Datenleck reagieren. Eine Analyse des Düsseldorfer Datenexperten Jens Schröder fällt aber nüchtern aus. Bisher gab es gerade einmal knapp 180.000 Beiträge bei Twitter mit dem Schlagwort #DeleteFacebook. "Eine sehr bescheidene Zahl angesichts der zwei Milliarden monatlichen Facebook-Nutzer", notiert er für den Branchendienst Meedia.de. Der weltweite Aufstand fällt aus.

Auch in Deutschland wird es in den nächsten Wochen keinen Massen-Exodus geben, obwohl die Deutschen weltweit Wortführer in Sachen Datenschutz und Datenskepsis sind. Als vor einigen Jahren das Vertrauen in WhatsApp durch massive Sicherheitslücken erschüttert wurde, wechselten kaum Nutzer zum damals besser verschlüsselten Chat-Programm Threema. Man bleibt dort, wo die eigenen Kontakte sind.

Als im vergangenen Jahr Facebooks Geschäftsführerin Sheryl Sandberg zum Höhepunkt der Falsch-Nachrichten-Debatte auf Imagetour in Deutschland war, berichtete sie, dass besonders die Deutschen das Netzwerk wie die Weltmeister benutzen - obwohl aus dem Land so viel Kritik komme: Mehr als 70 Prozent der aktiven Nutzer schauen demnach jeden Tag vorbei. Weltweit läge dieser Wert im Schnitt bei knapp über 50 Prozent.

Gefährlich wird Facebook nicht der Unmut seiner Nutzer. Der Druck kommt aus der Politik. Vertreter des US-Kongresses und des britischen Parlaments haben bereits angekündigt, Zuckerberg und andere Manager vorladen zu wollen. Sie drohen Facebook mit einer stärkeren Regulierung und fordern eine größere Transparenz. Für Zuckerberg wäre eine strengere Regulierung ein Alptraum. Schon jetzt tut sich der Konzern mit dem noch jungen deutschen Netz-Gesetz schwer, in dem es harte Auflagen zum Löschen von illegalen Inhalten gibt. Die Politik sucht Antworten: "Wir werden Facebook am Freitagmorgen zu einer Sondersitzung des Ausschusses für Digitale Agenda in den Bundestag einladen. Und wir erwarten harte Antworten", twittert der Düsseldorfer Bundestagsabgeordnete Thomas Jarzombek. Eine Zusage steht noch aus.

(dafi)