Geschichte auf Twitter: Historiker erinnern im Netz an Reichspogromnacht

Geschichte auf Twitter: Historiker erinnern im Netz an Reichspogromnacht

Fünf junge Historiker versuchen, die Reichspogromnacht auf Twitter abzubilden. In 140 Zeichen twittern sie über Wochen, was passierte. Möglichst auf die Minute genau und aus verschiedenen Perspektiven. Selten war Geschichte wahrhaftiger.

Das Projekt beginnt mit dem 28. Oktober 1938. Mit diesem Tag wurden 15.000 polnische Juden ausgewiesen. Die folgenden Kurzmitteilungen beschreiben, was das bedeutet. Sie erzählen nüchtern, kurz und im Präsens.

"In Frankfurt werden 2.000 polnische Juden zu einer 'Passkontrolle' in die Polizeistellen geholt und in Lastwagen gesperrt”, heißt es einen Tag später um zehn Minuten vor sieben in der Früh. "Heute vor 75 Jahren", steht oberhalb jeder Mitteilung.

Ab dem 28. Oktober wurden über 15.000 polnische Juden mit sofortiger Wirkung aus dem Deutschen Reich ausgewiesen.

Aus mehreren Perspektiven zeichnen die fünf jungen Historiker den Ablauf der Geschehnisse um den 9. November nach. Aus heutiger Sicht gilt das Datum als Zäsur. Tausende Juden wurden gedemütigt, verhaftet und sogar ermordet. Viele wurden in den Tod getrieben, rund 30.000 wurden anschließend in Konzentrationslager verschleppt. Nach diesem Tag entwickelten die Nazis die Verfolgung der Juden systematisch weiter bis zum Holocaust.

Jede Aussage ist historisch überprüft, das ist der Anspruch von den jungen Wissenschaftlern um den Initiator Moritz Hoffmann. Freilich sieht er sich gezwungen, Zugeständnisse an das Medium zu machen. "Das Ganze ist ein Experiment, es ist eine Auslotung unserer Fähigkeiten zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit", schreibt Hoffmann in seinem Blog, das das Projekt begleitet. Es führt im Bedarfsfall Quellen und Hintergründe auf.

Der "Völkische Beobachter" setzt alle Anweisungen des Propagandaministeriums um. pic.twitter.com/gOFoZ38u5u

  • Neuss : Das Schicksal der jüdischen Familie Joseph

Als Quellen dienen Tagebucheinträge, Zeitungen oder Briefe. Oftmals lassen sich mit ihrer Hilfe Eindrücke aus persönlicher Sicht vermitteln. Geschichte wird erlebbar.

"Ich esse nicht, ich schlafe nicht, ich habe immer das Gefühl von Sterben und Untergang, mir fehlt der Beruf, ich gehe daran zugrunde."

Bei Weitem nicht alles ist aus persönlicher Sicht erzählbar. Aber die Tweets sind so konkret wie möglich. Auch die vom 7. November, die von dem 17-jährigen Juden Herschel Grünspan erzählen und wie er in seiner Verzweiflung über die Deportation seiner Familie die Vorbereitungen auf das Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris trifft. Schon die Nachricht des Attentats löste erste Übergriffe aus, augenscheinlich geduldet und sogar gezielt provoziert durch die NSDAP.

Grynszpan begibt sich in das Lokal "Tout va bien" und lädt auf der Toilette seine Waffe, die er in die linke Jackentasche steckt.

Das Historiker-Team gibt auf diesem Weg Einblick in das Denken und Handeln von Figuren. Ihr Projekt verknüpft auf erstaunliche Art den Anspruch auf Echtzeit mit dem historischer Aufarbeitung. Auf der einen Seite die Flüchtigkeit von Twitter, wo die Dinge so schnell in Vergessenheit geraten. Auf der anderen Seite die umfassende Darstellung eines historischen Ereignisses, das in eine erschütternde Katastrophe führen sollte.

"Es ist für uns in erster Linie spannend", erläutern die Wissenschaftler ihre Motive. "Wir möchten nicht nur erinnern, wir möchten auch auf- und erklären, wir möchten Geschichte vermitteln", erzählen die fünf auf ihrer Homepage. Der Zuspruch gibt ihnen recht. Bis zur Mittagszeit am 8. November haben sie bereits 4100 Follower gesammelt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Zeitzeugen berichten von der Nazi-Zeit in Duisburg

(pst)
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