Hans-Wilhelm Dünn zum Hackerangriff: Soziale Medien müssen sich stärker ihrer Verantwortung stellen

Interview mit Hans-Wilhelm Dünn: „Soziale Medien müssen sich stärker ihrer Verantwortung stellen“

Hans-Wilhelm Dünn, Präsident des Cyber-Sicherheitsrat Deutschland, spricht im Interview über die Ausmaße des Hackerangriffs und die daraus zu ziehenden Konsequenzen.

Hätte eine Behörde den Vorfall (frühzeitig) bemerken müssen? Entweder beim Diebstahl, oder bei der Verbreitung im Netz.

Dünn Wenn die publik gemachten Daten über einen Angriff auf ein Regierungs- oder Parteiennetzwerk gestohlen wurden - wozu es aktuell aber noch keine Hinweise gibt - dann hätte der Vorfall natürlich viel eher entdeckt und abgewehrt werden müssen. Momentan herrscht bezüglich des Ursprungs, des Vorgehens und der Motive des Täters oder der Täter noch Unklarheit. Entsprechend ist es noch zu früh, eine endgültige Bewertung abzugeben. Prinzipiell wäre jedoch spätestens mit der Veröffentlichung der ersten Unterlagen über einen Account mit mehreren Tausend Followern eine Art Frühwarnmechanismus wünschenswert gewesen. Es ist beunruhigend, wenn alleine aufgrund der Größe des Internets und der hohen Nutzerzahlen auf Plattformen wie Twitter solche Kampagnen unbemerkt durchgeführt werden können.

Was sind die Konsequenzen, die man daraus für die Zukunft ziehen muss? Auf der Seite der Behörden und der Sozialen Medien?

Dünn Betreiber sozialer Plattformen müssen sich viel stärker ihrer Verantwortung bewusst werden und sich dieser stellen. Auch wenn man ein politisch neutrales Angebot bereitstellen möchte, muss politischen Desinformations- oder Verleumdungskampagnen Einhalt geboten werden. Eventuell sollte man hier über eine Überarbeitung und Erweiterung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes nachdenken, welches sich primär gegen Hass und Hetze propagierende Inhalte richtet. Seitens der Behörden ist ein rund um die Uhr Monitoring von sozialen Plattformen undenkbar, alleine wenn man den Personalaufwand in Betracht zieht. Dennoch brauchen wir insgesamt mehr IT-Experten sowie höhere Budgets, um beispielswiese Möglichkeiten für entsprechende Frühwarnprogramme und Algorithmen zu entwickeln.

Wie schätzen Sie die Schwere des Vorfalls ein? Im Vergleich mit vorhergegangenen Hacker Angriffen auf z.B. die Bundestagsverwaltung.

  • Hackerangriff auf Politiker, Promis und Journalisten - was bedeutet das?

Dünn Bei dem Angriff auf die Bundestagsverwaltung 2015 oder auf das Regierungsnetzwerk IVBB 2018 lag der Fokus viel mehr auf partei- beziehungsweise regierungsinternen Dokumenten und Schriftwechseln. Der aktuelle Vorfall zielt hingegen vor allem auf private Daten und Dokumente von Politikern, Moderatoren, Journalisten und Künstlern ab. Es handelt sich neben einem Angriff auf unser demokratisches System um eine massive Verletzung von Grund- und Persönlichkeitsrechten.

Wird die Bedrohung durch Cyberangriffe in Zukunft zunehmen?

Dünn Erneut wird uns vor Augen geführt, wie verletzlich wir im digitalen Raum sind, und wie perfide und skrupellos Cyberkriminelle Schwachstellen aufsuchen und ausnutzen. Mit der voranschreitenden Digitalisierung und Vernetzung wird die Angriffsfläche gegenüber Cyberkriminellen anwachsen, die zudem weiterhin ihre Strategien und Werkzeuge professionalisieren werden. Wir können jedoch mit einfachen Mitteln entgegenwirken und so den Angreifern die Arbeit deutlich erschweren. Wir brauchen ein angemessenes Gefahrenbewusstsein, ein hohes Level an Cyberhygiene und ein gesellschaftlich geschlossenes und entschlossenes Entgegentreten gegenüber solchen schmutzigen Aktionen.

Hans-Wilhelm Dünn ist Präsident des Cyber-Sicherheitsrat Deutschland e.V.

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