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Facebook — die Plattform der Eitelkeiten: Mein! Leben! Ist! Der! Hammer!

Facebook — die Plattform der Eitelkeiten : Mein! Leben! Ist! Der! Hammer!

Wer sich die Timeline bei sozialen Netzwerken wie Facebook so ansieht, könnte meinen, dass die Welt nur aus glücklichen Menschen mit einem wahnsinnig aufregenden Leben besteht. Das kann nicht stimmen. Dennoch fragt man sich unweigerlich, was bei einem selbst schief läuft.

Es ist mal wieder ein trister Abend. Der junge Mann sitzt vor seinem Computer und schaut sich die Fotos seiner "Freunde" auf Facebook an. Einer ist gerade in der Karibik. Eine andere posiert vor einem schneebedeckten Berg. Ein weiterer Freund zeigt einen perfekt angerichteten Teller, der aussieht, als käme er geradewegs aus der Küche eines Drei-Sterne-Restaurants. Ein Pärchen lächelt verliebt in die Kamera.

Der Blick des Mannes wandert von dem Teller auf dem Bildschirm zu seiner Tiefkühl-Lasagne und zu seiner Freundin, die gelangweilt neben ihm sitzt und seinen Blick genervt erwidert. Nichts könnte armseliger sein als sein reales Leben verglichen mit dem, was ihm seine Freunde in der virtuellen Welt präsentieren.

Er hat es satt, sich deswegen schlecht zu fühlen. "Heute Abend Sushi essen mit meiner Freundin!!!" postet er, und die ersten Likes lassen nicht lange auf sich warten. Was ist noch ein Indiz für ein gutes, ein glückliches, ein vorzeigbares Leben? Fitness! Er macht ein Selfie, das ihn scheinbar erschöpft nach einem Jogging-Marathon zeigt ("20 km!!"). Likes. Dann steigt er ins Auto und fährt davon, gelaufen ist er keinen Meter.

Mit Verlierern ist man nicht befreundet

Wer fit ist, ist auch wahnsinnig erfolgreich im Job. Nach einer Präsentation, bei der ihm niemand im Raum zugehört hat, schreibt er, dass alles super gelaufen sei. Likes. Coole, erfolgreiche Menschen arbeiten nicht nur, sie feiern auch. Also hält er fröhlich eine Flasche Schnaps in die Kamera und schreibt "Clubbing!!" dazu. In Wahrheit sitzt er allein in seinem Auto. Nachdem er seine Freundin mit einem anderen erwischt, schreibt er: "Endlich single!!" Likes. Dreistellig.

Er verliert seine Arbeit. "Endlich habe ich den ätzenden Job gekündigt!". Likes. Rekordzahl. Er sieht ein Foto seiner Ex-Freundin, die ihre "neue Liebe" präsentiert. So viele Likes, wie er niemals bekommen wird. Er hat keine Energie mehr zu lügen. "Mein Leben ist scheiße", tippt er. Daraufhin verbergen ihn seine Freunde. Sie wollen keine Beiträge mehr von ihm sehen. Verlierer sind unsexy, keiner will sie in seiner Timeline. Mit Verlierern ist man nicht befreundet.

Es ist nur ein kurzes Video des norwegischen Regisseurs Shaun Higton, doch es fasst den Wahnsinn, der sich täglich in sozialen Netzwerken wie Facebook abspielt, brillant zusammen. Die von Mark Zuckerberg gegründete Seite, die mittlerweile mehr als eine Milliarde Menschen weltweit nutzen, ist vor allem eines: eine Plattform der Eitelkeiten. Es ist aber auch zu schön. Permanent wartet ein virtuelles Publikum, so scheint es, auf Neuigkeiten. Es ist diffus, sein Blick ist begrenzt, man kann ihm auftischen, was man möchte.

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Täglicher Beweis der eigenen Großartigkeit

Es erlaubt, eine Version des eigenen Lebens zu zimmern, die frei ist von Peinlichkeiten, Unzulänglichkeiten, Niederlagen. Was schlecht läuft, wird nicht erwähnt, was gut läuft, als täglich wiederkehrender Beweis der eigenen Großartigkeit zelebriert. Gut-Esser, Job-Überflieger, Ständig-Urlauber, Feierbiest. Besonders am Wochenende ist die Plattform voll von Fotos herzlich lachender Menschen, die an dieser oder jener hippen Party teilgenommen haben und obendrein noch von zehn anderen markiert wurden. Was hatten wir wieder den Spaß unseres Lebens! Du nicht? Geh sterben.

Der soziale Druck, den diese Happy-Go-Lucky-Profile auslösen, ist auch unter Wissenschaftlern inzwischen unumstritten. "Menschen scheinen nicht mehr in der realen Welt zu leben, sondern in einer Welt, wo nur zählt, was andere Menschen über einen denken und ob sie etwas anklicken können. Man muss die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft bedenken, wenn Menschen sich mehr Gedanken darüber machen, was andere über sie denken, als was sie von sich selbst halten", sagt die britische Hirnforscherin Susan Greenfield.

Allerdings braucht es für diese Erkenntnis keine Experten. Jeder kennt den Stich irgendwo in der Magengegend, wenn die Freundin genau den dreiwöchigen Urlaubstrip ankündigt, von dem man selbst seit Jahren träumt, aber nie das nötige Kleingeld hatte. Oder das Gefühl, das einen beschleicht, wenn man frisch getrennt erfährt, dass sich Facebook-Freund X und Facebook-Freundin Y so eben feierlich verlobt haben. Frauen Anfang 30 liefern sich zudem eine Art Wettbewerb um das erste knuffige Foto ihres Nachwuchses.

"Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!"

Wer eine Sekunde versucht, rational zu sein, der weiß, dass die Welt nicht nur aus Erfolgsmenschen besteht. Doch diese Rationalität weicht schnell dem Frust über das eigene vermeintliche Versagen, weil eben nicht in jedem Lebensbereich die pure Glückseligkeit regiert. Facebook ist die moderne Version des berühmten Werbespots aus den 90er Jahren, in dem sich zwei alte Freunde treffen und sich ihre Errungenschaften buchstäblich auf den Tisch knallen. "Mein Haus, mein Auto, mein Boot!"

Mein! Leben! Ist! Der! Hammer! Die Profilierungssucht auf Facebook beeinflusst aber nicht nur die Freunde, sondern auch den Selbstdarsteller. Der nämlich kann kaum noch etwas tun geschweige denn genießen, ohne an seine Online-Fans zu denken, die permanent beeindruckt werden müssen. Besucht er ein tolles Konzert, filmt er, anstatt die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen, mit offenen Augen, ohne bläuliches Display vor der Nase. Steht er an einem Traumstrand, zückt er zuerst das Handy, bevor er das tut, was man an einem solchen Ort tut, nämlich entspannen. All diese glücklichen Menschen, sie stehen unter enormem Stress. Das Ego-Schaulaufen fordert letztlich seine Opfer auf beiden Seiten. Ein Ende ist allerdings nicht abzusehen. Die Zahl der Nutzer steigt kontinuierlich, selbst Kinder haben heute selbstverständlich ein Smartphone. Das virtuelle Ich steht in Dauer-Konkurrenz zu den 302 Freunden, die man optimalerweise hat, wie amerikanische Forscher herausgefunden haben. Wer weniger hat, ist unpopulär, wer mehr hat, unglaubwürdig. Die Währung für das Selbstwertgefühl sind Likes. Schreckliche neue Welt.