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Experiment eines Journalisten: Was Metadaten alles über uns verraten

Experiment eines Journalisten mit einem Niederländer : Was Metadaten über uns verraten

Als die Spionage durch die NSA bekannt wurde, betonten Politiker und Geheimdienste immer wieder, dass nur Metadaten gespeichert würden und dies die Privatsphäre der Abgehörten kaum verletze. Doch die Daten sagen mehr über einen Menschen aus, als viele ahnen. Ein Journalist hat das jetzt in einem Experiment mit einem niederländischen Bürger gezeigt.

Schon der Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald, der den Fall des Whistleblowers Edward Snowden publik machte, zeigte in seinem jüngst erschienen Buch "Die globale Überwachung", warum auch das Abgreifen von Metadaten massiv in die Privatsphäre der Bürger eingreift. Bei Metadaten handelt es sich um die Verbindungsdaten der Abgehörten — ob im Netz oder am Telefon. Der Inhalt selbst wird dabei nicht gespeichert.

Greenwald schreibt in seinem Buch, dass man auch durch solche Daten sehr private Dinge über einen Menschen erfahren kann, vielleicht sogar mehr als durch Gesprächsinhalte selbst. Er nennt etwa das Beispiel, dass sich leicht erkennen ließe, wenn jemand seinen Ehepartner betrüge oder unter psychischen Problemen leide, weil er regelmäßig eine entsprechende Hotline anrufe. Greenwald nennt Beispiele, der Journalist Dimitri Tokmetzis hat dies nun in einem Experiment umgesetzt. Was daraus geworden ist, schreibt er unter anderem in einem Gastbeitrag auf der Webseite netzpolitik.org.

15.000 Datensätze in einer Woche

Der Journalist führte das Experiment mit dem Niederländer Ton Siedsma durch. Dieser ließ es eine Woche lang zu, dass Tokmetzis, das iMinds Forschungsteam der Universität Gent und Mike Moolenaar, Inhaber von "Risk und Security Experts", seine Metadaten abgriffen. Sie speicherten also die Standortdaten des Handys, die E-Mail-Verkehrsdaten und die Telefonverbindungen. Sie erfuhren so nichts über die Inhalte der Gespräche oder Mails, aber etwa die Nummern, die angerufen oder angeschrieben wurden oder die Betreffzeilen von E-Mails.

Ton Siedsma selbst lebte derweil sein Leben ganz normal weiter. Das war in einer Woche im November vergangenen Jahres. Nun hat der Journalist Tokmetzis aufgeschrieben, was die Forscher innerhalb einer Woche alles über den Niederländer herausgefunden haben. "Aus den Metadaten einer Woche konnten wir 15.000 Datensätze mit einem Zeitstempel versehen", schreibt der Journalist. "Wir waren in der Lage, basierend auf seinem Telefon- und E-Mail-Verkehr, sein soziales Netzwerk zu erkennen."

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So fanden sie heraus, dass Siedsma ein Jungakademiker in den frühen Zwanzigern sein muss — weil er Mails über Studentenwohnungen und Teilzeitstellen erhalten habe, wie aus den Betreffzeilen zu erkennen gewesen sei. Er hat eine Freundin namens Merel, mit der im Schnitt rund 100 Whatsapp-Nachrichten täglich austauscht. Seine Schwester Annemieke ist ebenfalls noch Studentin. Auch das erfuhren die Forscher aus den Mails, denn in der Betreffzeile ging es um die Abschlussarbeit der jungen Frau.

Auch was Siedsma so alles im Internet suchte, gibt viel Aufschluss über seine Persönlichkeit. Dass er etwa im Netz nach skandinavischen Krimis sucht, Sportnachrichten liest, bei Youtube etwa "Jerry Seinfeld" schaut oder sich auch für Philosophie und Religion interessiert.

Sogar ein Passwort geknackt

Zudem wurden seine drei verschiedenen E-Mail-Konten erkannt und mit welchen Leuten er über welche E-Mail-Adresse kommuniziert. So vermuten die Forscher etwa, dass er mit der niederländischen "Grün-Linken"-Partei sympathisiert, weil er von dieser regelmäßig E-Mails erhalte, und zwar über ein E-Mail-Konto, dass er schon länger besitzt, als sein Arbeits-E-Mail-Konto.

Denn auch im Job hat er mit Politik zu tun, schreibt Tokmetzis. "Basierend auf den Daten ist es ziemlich klar, dass Siedsma als Anwalt für die digitale Bürgerrechtsorganisation Bits of Freedom arbeitet", so der Journalist. Und dort beschäftige er sich vor allem mit internationalen Handelsabkommen und habe Kontakt zu einigen Parlamentsmitgliedern. Ein Fakt, der auch für Geheimdienste, hätten sie den Niederländer auf dem Schirm, durchaus interessant wäre.

In dem Experiment gelang es dem Team sogar, ein Passwort von Siedsma herauszufinden. So waren die Experten in der Lage, auf seine Twitter-, Google- und Amazon-Konten zuzugreifen. Selbst Ware hätten sie über sein Amazon-Konto bestellen können. Das allerdings ließen sie dann doch sein.

Tokmetzis betont am Ende des Artikels noch einmal, dass sich das Team nur auf die Metadaten konzentriert habe, "die wir mit gängiger Software analysierten". Und er fügt noch hinzu, dass die Leser beim nächsten Mal, wenn jemand sage, das Abgreifen von Megadaten sei harmlos, an Ton Siedsma denken sollten — "den Typ, über den du so viel weißt, weil er nur eine Woche an Metadaten mit uns geteilt hat".

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(das)