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Zehn Jahre Youtube: "Drückt auf 'Gefällt mir', wenn euch dieses Video gefällt"

Zehn Jahre Youtube : "Drückt auf 'Gefällt mir', wenn euch dieses Video gefällt"

2015 wird die Videoplattform Youtube zehn Jahre alt. Ein Streit in der Szene und neue Konkurrenten machen das kommende Jahr für die Webseite zu einer Herausforderung.

Aufgebracht sitzt Simon Unge in seinem WG-Zimmer vor einer Kamera. "Passt auf, was für Verträge ihr unterschreibt und mit was für Menschen ihr in Kontakt kommt. Es gibt so viele Verbrecher auf dieser Welt”, beendet der 24-Jährige sein Video. Der gebürtige Erkelenzer hat im vergangenen Jahr seine Ausbildung zum Erzieher abgeschloßen. Heute lebt er mit Freunden in Köln und verbringt täglich viel Zeit mit Computerspielen. Dabei filmt sich Unge.

Mehr als 1500 Videos hat er schon in das Netz hochgeladen. Sein Job: Youtuber. Er gehört zu den erfolgreichsten Deutschen, die einen eigenen Kanal bei der Online-Plattform betreiben und sogar von den hochgeladenen Videos leben können. Youtuber reden nicht über die Werbeeinnahmen, welche Youtube-Eigentümer Google mit ihnen teilt. Unter der Hand wird in der Branche gemunkelt, dass Unge einen mittleren fünfstelligen Betrag für seine Videos pro Monat bekommen könnte. Kein Wunder: Seine beiden Kanäle haben zusammen rund zwei Millionen Abonnenten.

Dieses Mal beendet Unge sein Video jedoch nicht mit dem unter Youtubern üblichen Hinweis, auf "Gefällt mir” zu drücken, wenn den Zuschauern das Video gefällt. Er beendet stattdessen seine Partnerschaft mit Mediakraft. Ein Netzwerk für Youtuber, mit dem Unge nicht zufrieden ist. "Ich gebe über 2,5 Millionen Abonnenten auf, aber die Menschen, die wirklich hinter mir stehen, werde ich nicht verlieren.” Er will auf eigene Faust weitermachen.

Kurz vor Weihnachten hat dieses Video einen Erdrutsch in der deutschen Youtube-Szene ausgelöst. Zum Jahresende gab es für seine Abrechnung mehr als drei Millionen Abrufe. Tausende Fans von Unge machten ihren Ärger über Mediakraft in den sozialen Netzwerken Luft. Mediakraft reagierte einen Tag später mit einer juristisch aalglatten Formulierung. Die Fronten schienen klar: Junger Kerl gegen gewinnorientierten Konzern. Nur reifere Branchenbeobachter werten in Unges Verhalten Leichtsinnigkeit.

Doch sein Bruch mit Mediakraft ist kein Einzelfall. Auch Youtuber LeFloid betreibt einen der deutschen Kanäle mit den größten Zuwächsen und trennte sich von Mediakraft — wenn auch auf wesentlich erwachsenere Art. Weitere Zerwürfnisse werden erwartet. Ebenso Diskussionen über versteckte Schleichwerbung und Werbegelder — eine junge Branche mit Wachstumsschmerzen.

Externe Konkurrenten werden stärker

Das ist nicht die einzige Herausforderung für Youtube, das im Februar zehn Jahre alt wird. Auch in den USA geht die Professionalisierung der Szene nicht ohne Rummel vonstatten. Große Medienkonzerne wie Disney kaufen sich in Netzwerke ein, um in der Unterhaltungsindustrie auch in Zukunft eine Rolle zu spielen. In Europa verfolgt die RTL Group inzwischen eine ähnliche Strategie, während in Deutschland die ProSiebenSat.1-Gruppe mit dem eigenen Youtube-Netzwerk "Studio 71” zum großen Konkurrenten von Mediakraft angewachsen ist.

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2015 muss Youtube auch stärker mit externen Konkurrenten kämpfen, um die Plattform Nummer eins für Videos zu bleiben. AOL holt immer mehr Besucher auf seine eigenen Webseiten und kommt Youtube demnächst gefährlich nahe. Facebook erzielt zudem erste Erfolge mit seiner Videostrategie. Täglich werden eine Milliarde Videos ausgeliefert.

Das Ziel: Youtube vom Thron zu stoßen. Das Videoportal unternimmt derweile erste Versuche, sich weniger vom Werbemarkt abhängig zu machen. In den USA ist vor Kurzem ein Abo-Dienst für Musikvideos gestartet worden. Die Nutzer können ohne Werbung Musik konsumieren und diese sogar ohne Internetverbindung nutzen.

Während Unterhaltungskonzerne mit Webvideos große Geschäfte machen, werden Youtuber von der Öffentlichkeit und von Medien unterschätzt. Zum Vergleich: Der Youtuber LeFloid erreicht mit seinem Kanal und Videos 2,2 Millionen Abonnenten. Für seine gesellschaftskritischen Videos ist er in diesem Jahr mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet worden. Die "Tagesschau" hatte in diesem Jahr im Schnitt 1,75 Millionen 14- bis 49-Jährige, die täglich einschalten. Noch deutlicher wird ein Vergleich auf Twitter. Der Kanal der "Tagesschau" hat 486.000 Nutzer. Der private Account von Youtuber Simon Unge immerhin 456.000 Nutzer.

Teenager jubeln den Stars der Szene zu

Auch 2015 wird wieder der Deutsche Webvideopreis verliehen. Als bei der vergangenen Preisverleihung die Youtuber über den roten Teppich in Düsseldorf liefen, jubelten Hunderte Teenager ihren Stars aus dem Internet zu.

ZDF-Moderator Jan Böhmermann versuchte auf seine ganz eigene Art und Weise mit dem Phänomen Youtube auseinander zu setzen: Er parodiert Youtuber und hat den Mode-Youtuber Sami Slimani in einem Video sogar erschossen. Aus dessen Kopf kam kein Blut, sondern Konfetti. Slimani gibt sich in seinen Videos unbeeindruckt. Er lächelt weiter in die Kamera, spricht mit seinen Zuschauern, streicht Werbegelder ein und fordert sie am Ende auf, doch auf "Gefällt mir” zu drücken, wenn ihnen das Video gefallen hat.

Hier geht es zur Infostrecke: Das sind die deutschen YouTube-Stars

(dafi)