DLD: Amazon attackiert Gesundheitsbranche

Digitalkonferenz DLD : Amazon attackiert Gesundheitsbranche

Der Online-Riese kennt schon jetzt den Body-Mass-Index seiner Kunden, warnt Marketing-Experte Scott Galloway auf der DLD-Konferenz. Amazons Technologie-Chef Werner Vogels wiegelt ab: Man gehe nur auf Erkundungstour.

Der Online-Händler Amazon, mit einem Börsenwert von fast 1000 Milliarden Euro das wertvollste Unternehmen der Erde, ist weiter auf Expansionskurs. Scott Galloway, Marketingexperte und Professor an der New York University, rechnet damit, dass das 1994 gegründete Unternehmen nach der Handelsbranche und der Cloud-Software nun die Gesundheitsbranche aufmischen werde. „Amazon steht kurz davor, das am schnellsten wachsende Gesundheitsunternehmen der Welt zu werden“, sagte Galloway am zweiten Tag der Digitalkonferenz DLD in München.

Mit den Daten, die Amazon über seine Kunden sammele, habe der Konzern wertvolle Informationen darüber, wie lange eine Person lebt oder wie gesund sie sei. Amazon könne die Daten etwa verwenden, um herauszufinden, in welche Unternehmen im Gesundheitsbereich eine Investition lukrativ wäre.

Allein die öffentliche Ankündigung, Amazon werde sich das Thema Gesundheitsvorsorge anschauen, hatte unlängst zu einem Kursrückgang bei den wichtigsten Aktien in der US-Gesundheitsbranche geführt. Die Konzerne verloren in nur zwei Stunden 26 Milliarden Euro an Börsenwert. „Amazon kennt jetzt schon den Body-Mass-Index seiner Kunden, weiß wie gesund man sich ernährt, und ob man in einer monogamen Beziehung lebt und Kinder hat“, erklärte Galloway, der 2002 die Digitalberatungsfirma L2.Inc gründete, die er 12 Jahre später für 136 Millionen Euro an die Analysefirma Gartner verkaufte. Galloway ist seit Jahren einer der viel beachteten Redner auf der Münchner Konferenz, die von Hubert Burda Media ausgerichtet wird.

Amazon habe genau die Daten, die Versicherungen und Gesundheitsdienstleister bräuchten. In den USA habe Amazon schon jetzt persönliche Daten von zwei Drittel der US-amerikanischen Haushalte durch das Prime-Abonnement. Mit entsprechenden Angeboten könnte Amazon Gesundheitsdienstleistungen zu einem deutlich geringeren Preis anbieten, so Galloway.

Der Wirtschaftsprofessor forderte, dass die großen drei Digitalkonzerne Facebook, Google und Amazon zerschlagen werden sollten, weil sie Wettbewerb verhinderten.

Werner Vogels, Technologie-Chef von Amazon, sah das naturgemäß etwas anders. Über die Pläne Amazons, im Gesundheitsmarkt einzusteigen, verriet er nicht allzuviel. Die Kosten für die Gesundheitsvorsorge in den USA seien gestiegen, dies werde eines der größten Probleme des Landes werden, so Vogels. Mit den Aktivitäten gehe man nun „auf eine Erkundungstour“. Für die etablierten Gesundheitskonzerne könnte die Tour jedenfalls zu einer ernsthaften Bedrohung werden.

Vogels, der Amazon als „reine Technologiefirma“ bezeichnete, arbeitet seit mehr als 15 Jahren bei Amazon. Damals hatte das Unternehmen aus Seattle 15.000 Mitarbeiter, heute sind es weltweit 570.000.

Neben der Online-Verkaufsplattform macht Amazon einen wachsenden Anteil seines Umsatzes und mehr als die Hälfte des Gewinns mit der Cloud-Technologie. Außerdem bietet Amazon eine Online-Videothek (Prime), Audio (unter anderem Audible) und den digitalen Sprachassistent Amazon Echo („Alexa“).

Auch in der Cloud-Sparte AWS und im Geschäft mit Video-Inhalten will Amazon weiter wachsen. „Amazon wird Ende 2020 zu den größten fünf Medien-Unternehmen der Welt gehören“, glaubt Galloway. Die Aktionäre dürften sich also weiterhin über die Amazon-Story freuen. Wer mitten in der Finanzkrise 2009 Amazon-Aktien im Wert von 1000 Euro kaufte, hat heute 32.830 Euro.

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