Digitalgipfel der Bundesregierung: Der Pulsschlag aus Stahl wird digital

Digitalgipfel der Bundesregierung : Der Pulsschlag aus Stahl wird digital

Wo einst die Kohle regierte, wird nun die digitale Zukunft Deutschlands verhandelt: beim Digitalgipfel der Bundesregierung in Dortmund und beim Ruhr-Summit in Bochum.

Die Sonne verstaubt hier nicht mehr, auch der Pulsschlag aus Stahl ist schwächer geworden, aber besser als man glaubt – das ist es hier noch immer, da hatte Herbert Grönemeyer schon recht. Nicht nur in Bochum, auch in anderen Städten des sogenannten Reviers. Aber irgendwie will dieser Pulsschlag aus Stahl nicht aus den Köpfen der Leute, herrscht vielerorts offenbar immer noch der Glaube vor, dass die Sonne zwischen Recklinghausen und Duisburg noch immer verstaubt.

Dabei liegt hier in Bochum inzwischen das Zentrum der deutschen IT-Sicherheitsszene. Dabei wird hier in Bochum in wenigen Tagen eine ehemalige Gaskraftzentrale wieder zum Zentrum von Start-ups und digitalen Vordenkern aus ganz Deutschland. Dabei passiert hier generell im Schatten der Großkonzerne aus Energie- und Stahlindustrie so viel, dass man sich manchmal wundern muss, wieso der Blick so oft zurückgeht.

Doch in der kommenden Woche sind alle Augen auf das Revier gerichtet, wenn auf gleich zwei Großveranstaltungen nur wenige Kilometer voneinander entfernt die digitale Zukunft Deutschlands verhandelt wird: In Dortmund werden beim Digitalgipfel der Bundesregierung Kanzlerin Angela Merkel, EU-Kommissarin Margrethe Vestager und zahlreiche Landes- und Bundespolitiker erwartet. Nur wenige Kilometer entfernt findet nahezu parallel der Ruhr-Summit in Bochum statt, der sich dank des Engagements einer immer vitaleren Gründerszene in den vergangenen Jahren zur wichtigsten Digitalkonferenz im Revier entwickelt hat. Große Politik und Graswurzelbewegung entlang der A40 – die einen fliegen kurz ein, die anderen wollen in der Region nachhaltig etwas verändern.

So wie Markus Hertlein. Vor drei Jahren hat er mit Pascal Manaras in Gelsenkirchen das Start-up Xignsys gegründet, das an der Identitätsprüfung mittels Smartphone arbeitet. Mehr als jeder Zehnte ist in der Stadt arbeitslos, von „No-go-Areas“ war zuletzt die Rede. Aber das alles ficht Markus Hertlein nicht an. Im Gegenteil: „Die Start-up-Szene im Ruhrgebiet steckt noch in den Kinderschuhen – aber dadurch kann man sie auch noch aktiv mitgestalten.“ Etwa beim Ruhr-Summit, wo der Xignsys-Gründer Erfahrungen an andere Interessierte weitergibt. Und in vielen Teilen seien die Mieten so niedrig, dass Gründer ganze Viertel prägen können. „So wie früher in Berlin-Kreuzberg“, sagt Hertlein.

Deswegen hat Christian Winter seinen Arbeitsplatz zuletzt auch von Mülheim ins Herzen des Ruhrgebiets verlegt, nach Essen. Winter ist Geschäftsführer von Tengelmann Ventures, kurz: TEV, einem der erfolgreichsten deutschen Wagniskapitalgeber. Mit dem Geld von TEV wurde der Berliner Online-Händler Zalando aufgebaut, der Online-Lieferdienst Delivery Hero, und selbst am US-Fahrdienstvermittler Uber waren Winter und sein Team beteiligt. Als zuletzt der Umzug anstand, weil die alte Hauptverwaltung des Familienunternehmens Tengelmann in Mülheim aufgegeben wurde, hätte Winter den Sitz der Tochterfirma auch nach Berlin, München oder zumindest Düsseldorf oder Köln verlegen können. Aber TEV entschied sich für Essen. „Die Region verfügt über grundsätzliche strukturelle Stärken für Start-ups“, sagt Winter. Das Ruhrgebiet sei gut erreichbar, die Mieten günstig und viele Gewerbeimmobilien verfügbar, während die Region gleichzeitig über eine hohe Universitätsdichte verfügt. Knapp 380.000 Studenten werden laut Winter an mehr als 60 Hochschulen ausgebildet. Hinzu kämen acht Fraunhofer- und fünf Max-Planck-Institute.

Eines der Max-Planck-Institute wird derzeit in Bochum gegründet – für Cybersicherheit und Schutz der Privatsphäre. Die Stadt ist nicht nur der Postleitzahl 4630 entwachsen, die Grönemeyers Album prägte, sondern auch seinem Ruf. Aber davon, ist Thorsten Holz überzeugt, müssten noch mehr Leute mitbekommen: „Wir stellen unser Licht noch viel zu oft unter den Scheffel“, sagt der Leiter des Horst-Görtz-Instituts (HGI) der Ruhr-Uni Bochum, der wichtigsten universitären Forschungseinrichtung für Cybersicherheit in Deutschland. 1000 Studierende lernen hier, damit ist das HGI die größte europäische Talentschmiede im Bereich IT-Sicherheit.

2002 wurde das HGI durch eine Spende gegründet, inzwischen ist es weltweit so renommiert, dass selbst digitale Großkonzerne aus dem Silicon Valley wie Facebook oder Google die Bochumer Forschung finanziell unterstützen. Die Entwicklung des US-Tech-Mekkas ist für viele ein Vorbild. In der Bay Area von San Francisco ist innerhalb der vergangenen Jahrzehnte rund um die Hochschule Stanford eines der weltweiten Gründerzentren entstanden, in dem alles kumuliert: kluge Köpfe und Kapital, Gründermut und Geschäftssinn.

Aber warum sollte eine vielleicht nicht ganz so gigantische, aber zumindest ähnliche Entwicklung nicht auch in einem Ballungsraum wie dem Ruhrgebiet möglich sein?

Thorsten Holz ist jedenfalls überzeugt davon, dass es am Potenzial in Bochum nicht mangelt. „Nach der Gründung des Horst-Görtz-Instituts gab es vier Start-ups, die ausgegründet und anschließend erfolgreich an Firmen wie Google oder Bosch verkauft wurden“, sagt er. „Nun erleben wir gerade die zweite Welle an Start-up-Gründungen.“ Die Gründer seien Vorbilder für neue Studierende und Promovierenden. „Und irgendwann verselbstständigt sich so eine Entwicklung.“ Um diese Entwicklung zu beschleunigen, wollen sie am HGI in Zukunft noch strukturierter vorgehen, um pro Jahr mindestens drei bis vier Start-ups hervorzubringen. „Und wenn es gut läuft, sogar noch mehr“, sagt Holz.

Mehr Ausgründungen aus den Hochschulen – mit diesem Rezept will die NRW-Regierung das ganze Bundesland nach vorne bringen. An einigen ausgewählten Hochschulen sollen mit Millionenhilfe vom Land Zentren entstehen, die Studenten beim Gründen helfen. Es ist wohl kein Zufall, dass zwei dieser sechs Exzellenz-Start-up-Center an den Spielorten von Digital-Gipfel und Ruhr-Summit entstehen. Bochum und Dortmund, wo viel im Bereich Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen passiert, sollen ihre Stärken noch besser ausspielen können.

„Hochschulen spielen immer eine elementare Rolle, gerade bei der Frage: Wo kommen gute Experten und Technologen her?“, sagt auch Philipp Westermeyer. Auch er ist in der Nähe der A40 aufgewachsen, wie so viele kreative und erfolgreiche Köpfe, die das Revier in den vergangenen Jahren verlassen haben. Westermeyer hat in Hamburg das Unternehmen Online Marketing Rockstars aufgebaut, mit dem er inzwischen eine der größten Digitalkonferenzen Europas betreibt. Westermeyer hat ein gutes Gespür für Trends, das beweist er mit seiner Messe, aber auch mit seinen Podcast-Produktionen. Früher als andere hat er auf das Format gesetzt, mittlerweile produziert er mit dem OMR-Podcast einen der wichtigsten Podcasts zu Gründer- und Digitalthemen in Deutschland. Beim Ruhr-Summit wird er eine Live-Folge seiner Sendung aufnehmen. Insofern sollte man Westermeyer gut zuhören, wenn er sagt: „Ich bin der Meinung, dass es im Ruhrgebiet zahlreiche interessante Projekte gibt – und hoffentlich auch bald das erste Unicorn.“ Unicorns, das sind nicht-börsennotierte Start-ups mit einer Bewertung von einer Milliarde Dollar. Sie heißen so, weil sie so selten sind wie Einhörner – egal ob über ihnen die Sonne verstaubt oder nicht.

(frin)
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