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Digital Ethics Summit der RP: "Blind durch die Pandemie"

Digital-Ethik-Kongress der RP : „Eine App wird einen Arzt nie ersetzen“

Behörden, die faxen und Datenschutz, der alles blockiert – wo stehen Deutschland und NRW in der Digitalisierung nach der Pandemie? Experten ringen auf dem Digital- und Ethik-Kongress der Rheinischen Post um Antworten.

Die Corona-Krise hat die Welt auf den Kopf gestellt. Besonders den Rückstand der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen hat sie offengelegt. Was muss sich ändern – aber auch unter welchen ethischen Rahmenbedingungen? Darüber haben führende Experten aus der IT-Branche, dem Gesundheitswesen und der Politik beim Digital Ethics Summit, dem Digitalen Ethik-Kongress der Rheinischen Post, am Donnerstag in Düsseldorf diskutiert.

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Zu wenig Überblick, zu wenig Datenmaterial, dieses Fazit zieht Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse, nach mehr als anderthalb Jahren Corona: „Wir sind über weite Strecken blind durch die Pandemie gesteuert, das war schockierend“, sagte Baas, selbst studierter Mediziner. Ob Corona-Warn-App, gefaxte Listen aus dem Gesundheitsamt oder chaotische Impfterminvergabe, die Probleme waren allzu offensichtlich.

Die Gründe dafür sieht Baas aber weniger beim theoretischen Know-how als schlicht bei der Umsetzung: „Wir haben kein technisches Problem, wir haben ein Mentalitätsproblem. In Deutschland muss alles perfekt sein, wenn es an den Start geht – so läuft es aber eben nicht“, sagt Baas und nennt ein Beispiel fernab von Corona: „Auch beim Thema elektronische Patientenakte hatten wir diese Endlos-Debatten: Was ist, wenn ein 90-jähriger Patient kein Handy hat?“ Das würde im Einzelfall nichts ändern, und das dürfe den Einsatz neuer Techniken nicht aufhalten, findet Baas: „Wir müssen endlich damit anfangen.“

Dass mit dem Einsatz moderner Informationstechnologie (IT) in der Medizin auch eine Reihe ethischer Grundsätze zu klären sind, betonte Achim Berg, Präsident des Branchenverbands Bitkom. „Wir können den Datenschutz nicht ewig wie eine Monstranz vor uns her tragen“, sagt er. Die ethischen Fragen müssten nicht nur diskutiert, sondern auch klar beantwortet werden: „Wir brauchen dazu dringend Leitplanken von der neuen Bundesregierung“, fordert Berg. Dass Gesundheitsämter, aber auch Arztpraxen und Krankenhäuser in Zukunft nicht ohne modernste Techniken auskommen, habe Corona bewiesen: Praxen, die moderne IT nutzen, profitierten. Andere würden verlieren, wenn sie die notwendigen Investitionen immer in die Zukunft verschieben würden. Das sei wie beim Autofahren: „Ich kann das Tanken eine Weile vor mir her schieben, irgendwann bleibe ich trotzdem stehen.“

TK-Chef Baas sieht das ähnlich, klar sei aber auch: „Eine Arztpraxis ist nicht digitalisiert, nur weil sie einen Computer besitzt.“ Neue Techniken dürften Medizinern aber auch nicht einfach übergestülpt werden, der Mehrwert müsse spürbar sein – anders als bei den teils horrenden bürokratischen Hürden beim Impfen in den Hausarztpraxen. So oder so, man wolle weder den „gläsernen Patienten“ schaffen, noch Menschen durch Technik ersetzen: „Ärzte wird es immer geben, aber ohne moderne Technik zu arbeiten, wird auf Dauer zum Kunstfehler“, meint Baas. Bei Patientendaten gehe es vor allem darum, sie den zu Behandelnden selbst zur Verfügung zu stellen.

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Bitkom-Chef Berg gibt zu bedenken, dass Daten auch der Forschung zugute kommen müssen – gerade mit Blick auf den weltweiten Markt. „Sonst werden wir in der Medizintechnik zurückfallen, Wissenschaftler werden abwandern.“ Es sei nur eine Frage der Zeit, bis etwa China das Rätsel von Demenz entschlüsselt hat – anhand von Unmengen an Daten. „KI ohne Daten ist wie ein Schwimmbad ohne Wasser“, sagt Berg. „Die Forschung braucht Daten.“

Auf der Behördenebene ist das noch ein weiter Weg, etwa beim Austausch der Daten unter den Gesundheitsämtern während der Pandemie. Das weiß auch der IT-Beauftragte der Landesregierung, Andreas Meyer-Falcke. „ „Wir müssen an die Verwaltungsstrukturen ran.“ Ärzte, Krankenhäuser und Gesundheitsämter müssten besser vernetzt werden. Da verhindere nicht nur der Datenschutz, sondern auch die kommunale Selbstverwaltung vieles. „Jeder handelt aus eigener Überzeugung, eine bundesweite Weisung bei bestimmten Themen fehlt“, so Meyer-Falcke. „Die Kampfansage ist angekommen, wir nehmen sie sportlich auf“, sagt er mit Blick auf NRW.

Wie Digitalisierung in der Landeshauptstadt vorangetrieben wird, machte Oberbürgermeister Stephan Keller in seinem Grußwort auf der Veranstaltung deutlich: Düsseldorf habe eine dichte Universitäts- und Forschungslandschaft, sei Hotspot der Digitalisierungs- und Telekommunikationsbranche und traditioneller Industriestandort. „Es geht um Timing  und Aktualität, aber auch darum die Grenzen des möglichen auszureizen. Ein Beispiel sei die Litfasssäule Rolandstraße/Rossstraße, die mit einer 5G-Antenne ausgestattet wurde.