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Conservapedia: Der Internet-Kreuzzug der bibeltreuen Amerikaner

Conservapedia : Der Internet-Kreuzzug der bibeltreuen Amerikaner

Düsseldorf (RPO). Die Ultra-Konservativen in den USA finden immer mehr Zuspruch. Damit das auch so bleibt, rüsten die strenggläubigen Christen auf - auch im Internet. Weil ihnen Wikipedia zu liberal ist, haben sie eine eigene Version der Online-Enzyklopädie ins Netz gebracht. Hier wettern sie kräftig gegen Schwule, Abtreibung und Liberalismus.

In den USA sind ultrakonservativ-christliche Ideen bereits seit Jahren auf dem Vormarsch. Der Kreationismus, ein fundamentalistisch-bibeltreuer Gegenentwurf zur Evolution, findet immer mehr Anhänger. Eltern streiten dafür, dass Darwin aus amerikanischen Schulbüchern verschwindet und seine Lehren durch die biblische Schöpfungsgeschichte ersetzt werden.

Eine der jüngsten Blüten der Bewegung: Conservapedia. In dem Online-Nachschlagewerk, das sich selbst als Enzyklopädie bezeichnet, ist man gern päpstlicher als der Papst. Hier ist unter anderem zu lesen, Homosexuelle trügen die Schuld an der Ausbreitung von Aids und seien häufig von Bulimie, Depressionen und Selbstmord betroffen. Abtreibungen, heißt es hier, lösten erwiesenermaßen Brustkrebs aus.

Wikipedia sei sechs Mal liberaler als der Durchschnitt der amerikanischen Bevölkerung, behaupten die Macher von Conservapedia - und sehen sich selbst als Gegengewicht.

Auf den ersten Blick ähnelt Conservapedia dem Anti-Vorbild Wikipedia: Das Layout ist ähnlich, das Prinzip das gleiche. Bis auf einen Unterschied: Bei Wikipedia ist ein Mindestmaß an Neutralität dadurch gewährleistet, dass sich hunderttausende Internetnutzer gegenseitig kontrollieren und korrigieren.

Neutralität unerwünscht

Bei Conservapedia ist das anders: Hier ist Objektivität gar nicht erwünscht, wie die Macher freimütig zugeben. "Wir erheben keine falschen Ansprüche auf Neutralität", schreiben die Betreiber des Online-Nachschlagewerks. "Wir haben bestimmte Prinzipien, an denen wir festhalten". Zwar fordern sie die Autoren auf, ihre Artikel mit Quellen zu belegen. Doch einer seriösen wissenschaftlichen Überprüfung halten diese häufig nicht stand.

Wo sich keine wissenschaftlichen Quellen finden lassen, argumentieren die Autoren mit Bibelzitaten - so im Eintrag zum Thema Homosexualität. "Sexuelle Kontakte unter Männern werden sowohl im Alten als auch im Neuen Testament verurteilt", lautet gleich der zweite Satz des Artikels.

In den folgenden Absätzen des Eintrags bringen die Autoren Homosexualität mit Geschlechtskrankheiten und geistigen Störungen in Verbindung und bemühen sich, alle "modernen Rechtfertigungen" für gleichgeschlechtliche Beziehungen zu widerlegen.

Seit November 2006 ist Conservapedia online. Nach Angaben seiner Betreiber ist der Gegenentwurf zu Wikipedia im Rahmen eines Projekts von Schülern im bei US-Konservativen beliebten "home schooling" (Unterricht zu Hause) entstanden. Seitdem entwickle sich Conservapedia in rasantem Tempo zu "einem der größten und verlässlichsten" Online-Nachschlagewerke seiner Art, heißt es auf der Seite selbstbewusst.

Die Realität sieht anders aus: Noch ist Conservapedia eher lückenhaft. Zu vielen Themen finden sich keine oder nur sehr kurze Einträge. Doch die US-Konservativen rüsten weiter auf.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Wikipedias Nachahmer