Sammelwut der Behörden: Der gläserne Mensch

Sammelwut der Behörden : Der gläserne Mensch

Malte Spitz hat bei Behörden und Unternehmen erfragt, welche Daten sie über ihn gespeichert haben. Das Ergebnis hat selbst den Grünen-Politiker aus NRW erschreckt, obwohl er seit mehr als zehn Jahren gegen die Überwachung kämpft.

Als sein Sohn Hannes geboren wurde, hatte Malte Spitz ihn bereits bei Twitter angemeldet. Freunde und Familie konnten so von Anfang an beim Kurznachrichtendienst mitverfolgen, was der Säugling so treibt. "Ich bin da!", schrieben der Grünen-Politiker und seine Frau im Namen des Jungen im Dezember 2012. Wenig später konnten seine 75 Follower lesen: "Yeah! Der erste Zahn ist da." Es klingt paradox, dass ausgerechnet Malte Spitz das Privatleben seines Sohnes in einem Sozialen Netzwerk zur Schau stellt. Natürlich, der Grünen-Politiker ist mit mehr als zehntausend gesendeten Nachrichten auch selbst ein fleißiger Twitterer. Doch gleichzeitig ist er in seiner Partei einer der führenden Kämpfer für mehr Datenschutz.

Einen Widerspruch sieht der 30-Jährige nicht. "Informationelle Selbstbestimmung heißt für mich nicht totale Abschottung", sagt er. Es gehe vielmehr darum, selbst entscheiden zu können, was gespeichert wird und wie mit den Daten umgegangen wird. Bislang ist das Zukunftsmusik. Und so erzählt der Nachrichtenverlauf von Baby Hannes zwar viele Episoden aus seinem Leben, letztlich aber überwiegend Belanglosigkeiten. Intime Momente bleiben privat. Fotos zeigen nie das Gesicht des Jungen — denn Vater Spitz traut dem Netz nicht. Er weiß aus eigener Erfahrung genau, wie Behörden und Unternehmen Daten speichern, wie sie Bewegungsprofile anlegen können und Menschen überwachen.

Bewusst wurde ihm das spätestens 2009, als er von der Telekom seine Vorratsdaten einklagte. Detailliert konnte man aus den 35.830 Zeilen des Datensatzes ablesen, wo er sich innerhalb von sechs Monaten aufgehalten hatte. Jeder Anruf, jede SMS, jede E-Mail wurde zusammen mit einem Standort gespeichert. Das Ergebnis hat der Politiker, der im Landesvorstand der Grünen in NRW sitzt, damals veröffentlicht. Bis heute kann es im Internet auf einer Karte angesehen werden.

Informationen über einen längst vergessenen Unfall

Für sein aktuelles Buch ist Malte Spitz einen Schritt weiter gegangen. Der aus dem münsterländischen Telgte stammende Politiker fragte auch bei Fluggesellschaften, Banken und der Krankenkasse nach, welche Daten sie über ihn gespeichert haben. "Ich wollte herausfinden, ob wir schon in einem Überwachungsstaat leben", erläutert er. Die Antworten überraschten selbst ihn, obwohl er sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Thema beschäftigt: "Dass Ärzte Diagnosen an die Krankenkassen weiterleiten, habe ich nicht gewusst. Ich dachte, die Diagnose fällt unter die ärztliche Schweigepflicht."

Er hat sich geirrt. Die Krankenkasse hatte sogar Informationen über einen Unfall auf dem Schulweg gespeichert, den er selbst längst vergessen hatte. "Für viele Menschen sind die Enthüllungen von Edward Snowden weit weg", sagt Malte Spitz: "Aber jeder hat einen Personalausweis, eine Krankenkassenkarte oder ist schon mal geflogen." Der Amerikaner Snowden hatte aufgedeckt, dass britische und US-amerikanische Geheimdienste weltweit das Internet überwachen und ausspionieren. Bei manchen Gesprächen lässt Malte Spitz seitdem das Handy zuhause oder schaltet es vorher ab.

Das Gefühl, überwacht zu werden, verändert das Verhalten von Menschen. Auch das von Spitz. Trotzdem reagieren viele angesichts der zunehmenden Datensammelwut von staatlichen Stellen und Großkonzernen wie Amazon oder Facebook gleichgültig, frei nach dem Motto "Ich habe ja nichts zu verbergen". Das erlebt Malte Spitz auch auf seiner Lesereise, die ihn momentan durch Deutschland führt. "Aber spätestens wenn ich den Leuten erzähle, dass Kreditauskunfteien anhand meiner Wohnanschrift die Kreditwürdigkeit ableiten, werden sie unruhig."

"Platz für Geheimnisse"

Politik, sagt Spitz, sei mehr als Anträge schreiben und Reden halten. Sie ist für ihn auch immer Aktion. So wie 2009 mit der Telefondaten-Grafik. Oder 2002, als er und andere Grüne den Berliner Gendarmenmarkt mit Kameras bestückten, um vor der Videoüberwachung zu warnen. Und so wie jetzt, wo er sein Privatleben in einem Buch offenlegt. "Ich habe mich für den Daten-Striptease entschieden, um den Leuten zu zeigen, dass es sie betrifft", betont er.

Nur durch den Druck der Bürger werde sich etwas ändern. Dabei gehe es nicht darum, Facebook oder Google zu verbieten. Malte Spitz ist mit dem Internet aufgewachsen, sein Vater arbeitete bei IBM und kaufte den ersten PC, als sein Sohn vier Jahre alt war. "Technik fasziniert mich", sagt der Grüne, der im vergangenen Jahr den Einzug in den Bundestag über die Landesliste aufgrund des schwachen Abschneidens der Grünen verpasste. Aber die Menschen müssten die Kontrolle über ihr Leben behalten.

In wenigen Wochen wird Malte Spitz zum zweiten Mal Vater. Ob das Kind auch einen Twitter-Account bekommt, weiß er noch nicht. Und darüber, ob er einen Sohn oder eine Tochter bekommt, schweigt er sich aus: "Es muss auf der Welt auch noch Platz für Geheimnisse geben."