Debatte um das Urheberrecht: Anonymous stellt Künstler-Adressen ins Netz

Debatte um das Urheberrecht : Anonymous stellt Künstler-Adressen ins Netz

Unbekannte Täter haben die Kontaktdaten prominenter Künstler veröffentlicht, die sich einer Initiative zum Urheberrecht angeschlossen haben. Auf einer Internet-Plattform zum Austausch von Dokumenten wurden in vier Teilen Listen mit Namen, Geburtsdaten, Adressen und Telefonnummern der Unterzeichner hochgeladen - unter ihnen prominente Schriftsteller wie Charlotte Roche oder der Musiker Sven Regener, der die Debatte über das Urheberrecht im März angestoßen hatte. Die Daten wurden teilweise später wieder entfernt.

Die Täter sollen aus dem Umkreis der Anonymous-Bewegung kommen, die keine festen Strukturen kennt. Sie überschrieben die Veröffentlichung der Daten mit den Worten "fuck your copyright blah blah blah".

Der öffentliche Aufruf "Wir sind die Urheber! Gegen den Diebstahl geistigen Eigentums" wurde bislang von mehr als 6000 Personen unterzeichnet. Diese bezeichnen das Urheberrecht als "historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit" und als "materielle Basis für individuelles geistiges Schaffen". Sie wenden sich indirekt gegen Initiativen aus mehreren Parteien, das Urheberrecht an die veränderten Bedingungen im Netz anzupassen. Internet-Nutzer reagierten mit einer Gegenerklärung "Wir sind die Bürger" und riefen zur gemeinsamen Suche nach Lösungen auf.

Die illegale Veröffentlichung von Unterzeichnerdaten solle "Künstler mundtot machen und für vogelfrei erklären", hieß es in einer gemeinsamen Reaktion von 16 großen Verlagen, darunter Kiepenheuer & Witsch, Suhrkamp, Rowohlt und Hanser. "Wir werden die betroffenen Künstler mit allen, auch juristischen Mitteln gegen diese Nötigung und gegen die Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte verteidigen." Der Vorfall sei "der vorläufige Höhepunkt von beispiellosen kunstfeindlichen Beleidigungen und Beschimpfungen aus der Deckung des Internets".

Die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) sagte, es sei "völlig inakzeptabel, wenn Menschen, die die Möglichkeiten des Internets nutzen, um sich an politischen Diskussionen zu beteiligen, von Andersdenkenden unter Veröffentlichung sensibler persönlicher Daten wie Telefon- und Faxnummern sowie E-Mail-Adressen bedroht werden". Es sei absurd, wenn das Internet gerade von denen als Pranger und zur Einschüchterung missbraucht werde, "die den Wert eines freien Internets stets besonders hervorheben".

Für den Deutschen Journalisten-Verband (DJV) kritisierte der Vorsitzende Michael Konken, mit der Veröffentlichung der Daten werde nicht nur die Privatsphäre der betroffenen Künstler verletzt, sondern auch auf unzulässige Weise der Versuch unternommen, die Diskussion über die Zukunft des Urheberrechts abzuwürgen. "Das ist ein Abgrund an Intoleranz!", hieß es in der DJV-Erklärung.

Auch bei vielen Kritikern des Künstleraufrufs stieß die Aktion auf Ablehnung. Frank Rieger vom Chaos Computer Club (CCC) schrieb im Kurzmitteilungsdienst Twitter: "Das #Anonymous -Label wurde auch schon mal für sinnvollere und zielführende Aktionen benutzt. Künstler bedrohen ist wirklich dumm." Allerdings könne sich jeder Dummkopf als Teil von Anonymous bezeichnen.

(dpa)
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