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Zwei Millionen Menschen führen ein "Second Life": Anders leben im Internet

Zwei Millionen Menschen führen ein "Second Life" : Anders leben im Internet

Düsseldorf (RPO). Sand, Palmen, blauer Himmel. In der Ferne glitzert das Meer. Seltsam aber erscheinen die apathisch herumstehenden Personen. Während sich bei dem Mann links alle paar Sekunden die Kopfform verändert, kleidet sich die Dame zur Rechten gerade ein: Tiefer Ausschnitt, kurzer Rock, Bluejeans, es gibt nichts, was sie in der Kürze der Zeit nicht getragen hat.

Schnell versucht man, es ihnen gleich zu tun. Denn auf dieser Insel treffen sich die Neulinge. Alles in allem dauert es nicht einmal zehn Minuten. Zehn Minuten, um ein kleines Programm auf den Computer zu laden, Name, Geschlecht und Aussehen des Körpers zu wählen ­ fertig ist der Avatar, wie das aus Pixeln bestehende zweite Ich im Internetjargon genannt wird.

Und mit dem kann man die neue Welt erkunden: Die ersten Schritte auf dem ungewohnten Terrain, Dinge anfassen, Fragen an einen Papagei richten, der sogar antwortet, fliegt. Kein Wunder, dass sich so viele in die virtuelle Welt begeben: Jeden Monat melden sich weltweit mehr als 100.000 Menschen bei der Plattform "Second Life” an. Innerhalb von drei Jahren ist so eine Gemeinde entstanden, in der mehr als zwei Millionen Menschen ein zweites, virtuelles Leben führen: ihr "Second Life”.

In diesem Paralleluniversum, das von Linden Labs, einer Internetschmiede aus San Francisco, erfunden wurde, regiert der Kapitalismus. Neulinge zahlen erst einmal nichts. Allerdings regiert auch in "Second Life” das Monetäre die Welt: Nur wer die Monatsgebühr von zehn Dollar bezahlt, kann Grundstücke erwerben und andere Besitztümer anhäufen.

Ähnlich der boomenden Nachkriegszeit ­ in "Second Life” träumt man nicht nur von Wachstumsraten im zweistelligen Bereich ­ machen die Bewohner all das, was sie mit der entsprechenden finanziellen Ausstattung auch im realen Leben machen würden: Sie kaufen Land, was dem Erwerb von Speicherplatz für die eigene Homepage gleicht, bauen Häuser, die so futuristisch aussehen, wie es Fantasie, grafische Fertigkeit und der Geldbeutel zulassen. Sie gehen einkaufen, essen in Restaurants, leisten sich Amusements, die vornehmlich unter der Gürtellinie stattfinden - virtuell versteht sich.

Um nicht missverstanden zu werden: "Second Life” ist kein Computerspiel, in dem es um das Erreichen eines Ziels geht. Auch müssen sich die Mitglieder nicht selbst versorgen oder Kriege gewinnen, um in der virtuellen Welt überleben zu können. Vielmehr geht es in der Parallelwelt um den Alltag. Bis auf den Unterschied, dass die Avatare fliegen, sich an verschiedene Orte beamen können. Menschen tun also Dinge, zu denen sie in der realen Welt nicht in der Lage wären. Frauen formen sich riesige Brüste, Männer den Astralkörper.

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In der Bar trauen sie sich endlich, Wildfremde anzusprechen ­ manche haben sogar Sex. Wer über das nötige Kleingeld verfügt, kann sich fast jeden Traum erfüllen. Mit Folgen für die Wirklichkeit. Denn neu an "Second Life” ist die Tatsache, dass sich Wirklichkeit und virtuelles Leben zunehmend miteinander vermischen. Inzwischen ist diese Welt für viele Menschen so wichtig, dass sie "echtes” Geld für Produkte und Dienstleistungen im Netz ausgeben. Die Plattform hat sich zu einer virtuellen Ökonomie gemausert, in der mittlerweile mehr als 10\x0e000 Unternehmer mit allem möglichen handeln. Bereits jetzt verdienen zahlreiche Leute auch ihren realen Lebensunterhalt in "Second Life”: Produzenten modischer Kleidung sind ebenso gefragt wie Designer von virtuellen Inneneinrichtungen. Möglich ist das, weil die Währung ­ der Linden-Dollar ­ in reales Geld (US-Dollar) im Verhältnis 1:270 umtauschbar ist. Und wer wie Anse Chung als Immobilienmaklerin zum digitalen Tycoon aufgestiegen ist, kann sich auch im realen Leben die eine oder andere Kostbarkeit gönnen: Grundstücke, schöne Häuser ­ für echtes Geld. Die aus Hessen stammende Lehrerin beschäftigt sogar einige Mitarbeiter in China - zu lokalem Lohn versteht sich.

Die Regeln der Globalisierung setzen sich auch in "Second Life” durch. Auch Unternehmen haben die Welt im Netz für sich entdeckt. So stellt der japanische Autohersteller Toyota das Modell Scion für Testfahrten ins "Second Life”-Netz. Andere große Konzerne wie Nissan, Coca Cola, Intel, Microsoft oder Sony-BMG sind ebenfalls vertreten. Vergangene Woche erschien die erste Boulevardzeitung, der ­ in Anlehnung an Avatar ­ "AvaStar”: Einmal wöchentlich will Bild.T-Online, der Internetableger der Bild-Zeitung, das Magazin produzieren. Das US-Unternehmen Vivox stellt seit Oktober überall Telefonzellen zur Verfügung. Erreicht werden von diesen Apparaten bis dato alle Nummern in den USA.

Vieles scheint in "Second Life” möglich, was im realen Leben unmöglich ist. Doch es gibt auch Probleme in der Virtualität: Die Zeitverschiebung zu den USA etwa. So kommt es, dass Europäer häufig durch menschenleere Straßen wandeln oder in leeren Discotheken tanzen. Doch den Amerikanern dürfte es genauso gehen. So bleibt dann doch jeder unter sich.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So funktioniert "Second Life"