2016 — Der Jahresrückblick auf ein hässliches Jahr

Kolumne Total Digital : 2016 — Der Rückblick auf ein hässliches Jahr

Mein letzter Text für dieses Jahr und ich muss Sie warnen, er wird nicht vergnügungssteuerpflichtig. 2016, was für ein hässliches Jahr! Brexit, Terror, Trump. Ein Jahr, in dem sich ein giftiges Gebräu aus Angst, Fremdenhass und Nationalismus bis in die letzten Ritzen unserer Gesellschaft gegossen hat.

Ein Jahr, in dem unsere Kinder lernen konnten, dass man im Leben alles werden kann, sogar Präsident, wenn man nur dreist genug lügt, ausgrenzt und betrügt. Was das mit dem Internet zu tun hat? Ich fürchte: alles.

84 Prozent der Deutschen sind online, das ist mehr als die Bundestags-Wahlbeteiligung in den letzten drei Jahrzehnten. Zeitungen verlieren weiter Leser. Das Fernsehen erlebt einen krassen Bedeutungsverlust. Das Netz ist zur alles entscheidenden Arena geworden, in der die gesellschaftlichen Spielregeln neu ausgefochten werden. Differenzzierte Betrachtungsweisen gehen unter im flüchtigen Netzrauschen aus Likes, Shares und Retweets. Statt Pluralismus herrscht in den sozialen Netzwerken ein darwinistischer Aufmerksamkeits-Kapitalismus: Wer zu leise ist oder auch nur zögert, verliert.

Keiner hat das so gut verstanden wie Donald Trump. Dessen unmittelbare, ungefilterte Kommunikation zwingt seine Gegner in die Defensive. In einer postfaktischen Gesellschaft, in der nicht die Wahrheit sondern Gefühle regieren, laufen Argumente ins Leere. Und Hillary mit all ihrer Erfahrung und den Sympathiewerten einer Klassenstreberin? Kam zu einer Schießerei mit einem Taschenmesser: "When they aim low, we go high". Yeah, right. Hat ja dann auch prima geklappt.

Seit Tagen wird im Netz darüber spekuliert, ob Trump die Wahl aufgrund von Daten und einer ominösen Beratungsfirma namens Cambridge Analytica gewonnen habe. Eine geheimnisvolle Wunderwaffe? Ein Erklärungs-Placebo, das bestenfalls tröstet, nicht aber über die tatsächlichen Ursachen für den Bruch in der Gesellschaft hinwegtäuschen kann: Was wir aktuell erleben ist real. Eine tiefe Erschütterung des Systems, die ihren Ursprung in der wachsenden Kluft zwischen arm und superreich hat. Ein Prozess, der sich durch die voranschreitende Digitalisierung und (Teil-) Automatisierung unserer Arbeitswelt noch drastisch verschärfen wird.

Die Elite des Landes hat die digitale Revolution viel zu lange ignoriert und damit all jenen das Feld überlassen, die nicht an Lösungen interessiert sind sondern aus ganz eigenen Motiven Hass und Gift versprühen. Ihr Nährboden: jahrzehntelang aufgestauter Frust der Abgehängten, der sich jetzt seinen Weg bahnt und der im Netz ein Vehikel gefunden hat, sich Gehör zu verschaffen.

Wo sind die Besonnenen, die Differenzierten, die das erkennen? Die etwas zu sagen hätten und auch wissen, wie die Erregungsmechanismen im Netz funktionieren? Ich fürchte, sie haben sich zurückgezogen weil sie verstanden haben, dass ihre Zeit noch nicht gekommen ist. Digitale Dissidenten, die Post-Merkel-Generation - wir bräuchten sie so dringend in diesen Tagen.

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