Apple Watch: Die Emanzipation von Steve Jobs

Apple Watch : Wie sich Apple endgültig von Steve Jobs emanzipiert hat

Kann Apple auch ohne Gründer Steve Jobs? Viele bezweifelten dies nach dessen Tod und sagten dem Konzern eine düstere Zukunft voraus. Doch Apple hat bei seinem Event am Montagabend gezeigt: Es geht auch ohne Jobs. Das liegt allerdings nicht an der Apple Watch. Der Star des Abends war jemand anderes.

Nach dem Tod von Apple-Gründer Steve Jobs, hatte der neue CEO Tim Cook übergroße Fußstapfen zu füllen. Doch spätestens seit der Apple-Präsentation in dieser Woche ist klar: Cook füllt diese nicht nur komplett aus, er gibt eine völlig neue Marschrichtung vor. Selbst Apple-Fanboys konnten die Präsentation anschauen, ohne auch nur eine Sekunde Jobs zu vermissen.

Anfang des Jahres sagte der New Yorker Marketingprofessor Scott Galloway noch voraus, dass Apple die erste Billionen-Dollar Marke der Welt werden würde. Die 95-Minütige Präsentation am Montagabend dürfte ihn in seiner Analyse bestätigt haben.

Apple Watch wird überschätzt

Doch die Apple Watch spielt bei der Transformation Apples eine weit weniger wichtige Rolle, als dies viele vermuten. Zwar ist die Einführung einer neuen Produktkategorie für Tim Cook ohne Frage sehr wichtig, dennoch wird sich die Wirkung der Watch und die Bedeutung für Apple erst in wenigen Jahren zeigen, wenn die ersten Produkt-Generationen weiter entwickelt wurden.

Zwischen den Zeilen sind zudem Schwierigkeiten zu erkennen. Die Apple Watch ist nicht im ersten Quartal auf den Markt gekommen. Stattdessen schafft Apple nicht einmal den Start zu Anfang April. Am 10. April kann sie zunächst vorbestellt werden. Ab dem 24. April wird sie verkauft. Zunächst lediglich in den USA und in acht weiteren Ländern (Deutschland gehört dazu). Das deutet auf Produktionsengpässe hin. Verschiedene Medien berichteten von Sensoren-Problemen. Tatsächlich erwähnte Apple bei seiner Präsentation lediglich den Pulsmesser und die Bewegungstracker. Von den vollmundigen Ankündigungen rund um die Messmöglichkeiten im Gesundheitsbereich ist seit der ersten Präsentation im Herbst nichts mehr übrig geblieben.

Der Hype um die Apple Watch ist groß. Fans verteidigten ungesehen die Uhr, während Kritiker profane Gründe erfanden, warum die Uhr nichts taugt. Dabei vergaßen sie häufig, dass herkömmliche Maßstäbe einer Uhr oder eines Smartphones nicht für die Bewertung der Apple Watch taugen ("Akku hält nicht lang genug", "Apple Watch Edition Gold ab 10.000 Dollar?"). Was beim Hype vergessen wird: Die Apple Watch wird in den kommenden zwölf Monaten bei deutlich weniger Endkunden eine Rolle spielen, wie der wirkliche Star des Apple Events.

MacBook setzt neue Standards

Der wirkliche Star der Präsentation ist das neue MacBook. Obwohl auf den Namenszusatz "Air" verzichtet wird, handelt es sich um das dünnste, leichteste und schnellste Notebook des Konzerns. Es erscheint in Silber, Space Grau und -tatsächlich- Gold.

Dabei gibt es nur zwei Anschlüsse. Einen Kopfhörereingang und ein USB-Typ-C-Anschluss. Dieser neue Branchenstandard vereint die Anschlüsse für USB-Geräte, das Stromkabel, HDMI oder Display-Port. Wer braucht nur einen Anschluss? Während für einige dies ein absolutes Nicht-Kaufargument sein wird, antizipiert Apple hier schon die Computernutzung von morgen und macht den USB-Typ-C-Anschluss massentauglich.

Das ist schon einmal gelungen: Kunden, die vor wenigen Jahren vor dem Kauf des MacBook Airs zurückschreckten, weil dieses Gerät kein CD-Laufwerk hat, geben heute kleinlaut zu, dass sie Daten über die Cloud tauschen und ihre Musik- und Video-Inhalte streamen. Das CD-Laufwerk ist seit Jahren unbenutzt.

Apple streicht überflüssige Anschlüsse um den Platz für etwas zu nutzen, was vielen Kunden immer wichtiger ist. Ein möglichst mobiles Gerät, bei einer möglichst langen Akku-Laufzeit. "All day long" lautet das neue Akku-Mantra von Apple. Bei dem MacBook bedeutet dies zehn Stunden. Bei der Apple Watch werden 18 Stunden versprochen.

"Das ist erst der Anfang"

Sehr geschickt hat Apple am Rande verraten, was in diesem Jahr neben der Watch zu erwarten ist. Die Reduzierung des Preises der Streamingbox "Apple TV" von 99 Euro auf 69 Euro und die Kooperation mit dem Pay-TV-Sender HBO in den USA diente als Rahmen, um eine wichtige Botschaft zu platzieren: "Wir transformieren die Art, wie wir Fernsehen schauen", erklärte Tim Cook salbungsvoll bei der Präsentation: "Das ist erst der Anfang".

Damit deutet der Konzern ziemlich konkret an, dass es im Herbst einen lang erwarteten Nachfolger der "Apple TV"-Box geben wird. Neben dem Start der Apple Watch, neuen Modellen für das iPad und das iPhone, der Ankündigung von "Research Kit", der Ausweitung von CarPlay, der Überarbeitung der MacBooks, der Aufwertung der herkömmlichen Notebooks, ist der Konzern in diesem Jahr in sehr vielen Bereichen aktiv.

Ohne Steve Jobs hat Apple an Flughöhe gewonnen. Während Jobs sich mit größter Detailversessenheit auf ein Thema konzentrierte, versucht das neue Apple in alle Lebensbereiche seiner Kunden vorzudringen und zu vernetzen. Das ist nicht ohne Risiko. Apple darf nicht ins Extreme abheben, sonst droht es sich zu verzetteln, wie dies Google seit einiger Zeit eindrucksvoll demonstriert.

Die neue Mission von Apple ist spätestens seit diesem Event klar geworden: Apple will seinen Kunden Produkte anbieten, die den Alltag erleichtern. Design trifft Vernetzung und Funktion. Apple weiß: In diesem Bereich sind die Kunden bereit, weiter hohe Preise zu bezahlen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Tim Cook präsentiert die Apple Watch

(dafi)
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