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Townscaper: Eskapismus in Spiel-Form - Auf der Flucht vor der Welt

Eskapismus mit „Townscaper“ : Warum ein kleines Videospiel aus Schweden so glücklich macht

Komplexe Städtebau-Simulationen gibt es reichlich, doch komplex ist gerade nicht gefragt. Das experimentelle Computerspiel „Townscaper“ setzt auf Realitätsflucht und skandinavisches Lebensgefühl. Mit Erfolg.

Zwei Rezensionen auf der Spieleplattform Steam beschreiben exakt das Gefühl, das „Townscaper“ auslöst. Die erste lautet: „Dopamin.exe“. Dopamin, im Volksmund auch Glückshormon genannt, geschrieben als ausführbare Anwendung eines Computers. Die zweite lautet: „1. Warum ist das so niedlich? 2. Wie kann ich damit aufhören?“. Doch warum sollte man überhaupt damit aufhören wollen?

Mit wenigen Klicks lasse ich Häuser, Dörfer, ganze Städte, Promenaden, Gassen, Plätze und vieles mehr am Bildschirm aufploppen. Alles am und über dem Ozean. Möwen lassen sich auf den Dächern nieder, fliegen aufgebracht davon, wenn ich das Gebäude wieder einreiße. Der Clou: Ich kann nur die Position und die Grundfarbe des nächsten Elements bestimmen, nicht aber, wie es konkret aussehen wird. Das macht der Algorithmus im Hintergrund, basierend auf meiner gebauten Kombination. Drei gleichfarbene Häuser übereinander ergeben einen kleinen Turm. Drei abwechselnd farbige Häuser übereinander einen Leuchtturm. Immer wieder entdecke ich eine Bau- und Farbkombination, die ich noch nicht hatte und freue mich über neue kleine Details, mit denen mich der Algorithmus belohnt: Wäscheleinen, Torbögen, Parkbänke, Blumenkübel, Gärten.

 Mit diesem kleinen Turm hat unser Autor seine Stadtbildbauer-Karriere begonnen.
Mit diesem kleinen Turm hat unser Autor seine Stadtbildbauer-Karriere begonnen. Foto: Screenshot/Townscaper/Publisher Raw Fury

Der schwedische Spieleentwickler Oskar Stålberg werkelt seit über einem Jahr an seinem Kleinod, das nicht perfekter in eine Pandemie passen könnte. Vielleicht erklärt die lange Selbstisolation vieler Menschen – zumindest teilweise – den Erfolg des Spiels. Seit dem 30. Juni 2020 steht das Spiel als „Early Access“ im Steam-Store, vertrieben vom Publisher Raw Fury. „Early Access“ heißt „unfertig und noch in der Entwicklung“. Stålberg selbst beschreibt es auf der Produktseite so: „Kein Ziel. Kein wirkliches Gameplay. Nur viel Bauen und viel Schönheit. Das war's.“ Inzwischen hat „Townscaper“ knapp 9000 Bewertungen gesammelt, 98 Prozent davon positiv. Für ein Spiel „ohne Ziel“ zum Preis von 4,99 Euro ist das beachtlich. Im August soll es offiziell „fertig“ sein.

Das Wort „Townscape“ heißt wörtlich übersetzt „Stadtbild“. Der „Townscaper“ ist so gesehen derjenige, der das Stadtbild baut. Mit etwas Fantasie kann man aber auch das Wort „Escape“ hineininterpretieren, was für „Flucht“ und „Ausstieg“ steht. Und genau diese Flucht vor der Welt, diesen Eskapismus, leistet das Spiel ganz hervorragend. Die skandinavische Szenerie aus blaugrünem Meer und bunten Gebäuden erzeugt den wohligen Drang, in den Urlaub fahren zu wollen. Im Spiel herrscht, abgesehen von „Plöpp“-Geräuschen beim Bauen und dem Flattern der Möwen, völlige Stille. Das Meeresrauschen, das Schlagen der Wellen gegen die Kaimauern, findet allein im Kopf statt.

 Nach und nach gesellen sich immer weitere Häusergemeinschaften dazu.
Nach und nach gesellen sich immer weitere Häusergemeinschaften dazu. Foto: Screenshot/Townscaper/Publisher Raw Fury
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Den Charme des Spiels in Worte zu fassen, fällt schwer. Bei jeder kleinen Promenade, bei jedem Balkon, jeder Dachterrasse, bei Gummistiefeln, die vor einer Haustüre stehen, überlege ich, wie es sich wohl anfühlt, dort zu wohnen. Stelle mir vor, wie die Bewohner in kleinen Boten von Insel zu Insel fahren, den Nachbar grüßen, ein Schwätzchen halten. Ich versuche, kleine Mini-Dörfer, Wohngemeinschaften aus einigen wenigen Gebäuden so zu bauen, dass sie maximal idyllisch aussehen. Ich baue Zufluchten.