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Microsoft Game Pass: Warum das Spiele-Abo gut für mein Gewissen ist

Microsoft Game Pass : Warum das Spiele-Abo gut für mein Gewissen ist

Mit dem „Game Pass“ will Microsoft die Karten zum anstehenden Launch der nächsten Konsolengeneration neu mischen. Unser Autor ist davon überzeugt, dass die Flatrate für Spiele mehr Vor- als Nachteile bringt.

Wenn ich ein Spiel kaufe, gehe ich damit eine Verpflichtung ein. Mein Geldbeutel diktiert mir, dass ich die getätigte Investition auch wieder reinholen muss. Indem ich das Spiel spiele und wenn möglich sogar Spaß damit habe. Ein Spiel, das ich kaufe, aber nicht spiele, ist rausgeworfenes Geld, sagt mein Geldbeutel. Mein Gewissen diktiert mir dagegen: Wenn ein Spieleentwickler ein gutes Spiel macht, das mir gefällt, dann habe ich das gefälligst zu würdigen. Monetär und mit Lebenszeit. Beides ist jedoch endlich. Dank unzähliger Sales zu allen erdenklichen Gelegenheiten – vom chinesischen Neujahrsfest bis zu Halloween – wiegt das finanzielle Argument aber erheblich weniger. Ich kann also deutlich mehr Spiele kaufen als ich Zeit habe, sie zu spielen. Dieser Effekt ist unter Spielern so weit verbreitet, dass er einen Namen hat: „Pile of Shame“, Haufen der Schande. Auf diesem landen jene Spiele, die Spieler gekauft, aber noch nie gespielt haben.

Ich stehe also vor einem Berg an Spielen. Einige davon will ich vielleicht gar nicht mehr spielen. Ich habe sie aus einer Laune heraus gekauft, weil sie gerade extrem heruntergesetzt waren. Bei anderen denke ich mir, die spiele ich, wenn ich mal so richtig viel Zeit habe. Was womöglich nie passiert. Und weil die meisten dieser angehäuften Spiele so billig waren, kann ich mein Gewissen auch nicht damit beruhigen, den Entwickler monetär für seine Arbeit ausreichend gewürdigt zu haben. Doch seit etwa einem halben Jahr ist dieser Haufen nicht mehr größer geworden. Etwas hat sich grundlegend geändert.

Nach digitalen Abo-Diensten für Musik, Bücher, Filme und Serien hat das Prinzip endlich auch Einzug in die Welt der Games gefunden. Mit dem „Game Pass“ arbeitet Microsoft hart daran, das erste richtige Netflix für Spiele zu etablieren. Das Versprechen: Für zehn Euro im Monat können alle enthaltenen Titel wahlweise auf der Xbox oder dem PC und für 13 Euro auf beiden Plattformen und teilweise sogar auf dem Tablet gespielt werden. Und das Angebot ist schon jetzt so groß, dass ich außer diesem monatlichen Beitrag kaum noch Geld für weitere Spiele ausgebe. Mein Geldbeutel freut sich also schon. Aber auch mein Gewissen?

Ja. Denn egal, ob ich die Spiele, die im Game Pass enthalten sind, spiele oder nicht. Die Entwickler haben von Microsoft bereits ihr Geld erhalten, dafür, dass ihr Spiel im Abo angeboten werden darf. Ich muss auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich ein Spiel nach einer oder nach zehn Stunden abbreche, weil es mir doch nicht gut genug gefällt. Auf anderen Plattformen kann ich das Spiel vor Ablauf von 120 Minuten sogar umtauschen, mein Geld zurückfordern. Im Game Pass kann das dem Entwickler nicht passieren. Dort kann es ihm erst einmal egal sein, ob ich sein Werk durchspiele oder gleich nach dem Start wieder deinstalliere.

Aber das Beste: Mein Pile of Shame liegt von vornherein bei Microsoft. Denn alle Spiele im Abo sind ja quasi der Haufen. Aber ich muss mir nicht die geringsten Gedanken machen, wie groß er ist. Ich kann ganz entspannt nur die Titel daraus spielen, die mir zusagen und für die ich bereit bin, meine Lebenszeit herzugeben. Ich bezahle ja ohnehin für alle in gleichem Maße mit. Bei Netflix fühle ich mich ja auch nicht verpflichtet, Serien zu schauen, nur weil sie da sind. Was dort früher der Kauf von DVDs war, ist heute die Abo-Gebühr. Und niemand ist traurig deswegen.

Halbgare Vorläufer des Spiele-Abos gab es schon vor dem Game-Pass. Einzelne Publisher wie Electronic Arts und Ubisoft bieten ihre hauseigenen Spiele gegen eine monatliche Gebühr an. Doch das taugt nichts. Nicht umsonst kauft Netflix jede Menge bekannter Filme und Serien zu, denn nur mit den Eigenproduktionen wäre die Auswahl schlicht nicht groß genug. Microsoft ist daher in diesem Jahr auf Einkaufstour für seinen Game Pass gegangen.

Zum Start der neuen Konsolen werden unter anderem die Titel aus dem EA-Abo verfügbar sein. Was einen weiteren Sargnagel für das EA-eigene Programm bedeuten dürfte. Und für sportliche 7,5 Milliarden US-Dollar hat der Tech-Riese mal eben Zenimax geschluckt, einen gut etablierten Spiele-Publisher zahlreicher bekannter Marken und Franchises. Und auch davor schon hat sich Microsoft mehrere bekannte Entwickler einverleibt. Alles mit dem Ziel, die neue Xbox ab November und den dazu maßgeschneiderten Game Pass möglichst attraktiv aufstellen zu können.

Geht der Plan von Microsoft auf, könnte das die Branche grundlegend verändern. Wie auch bei Filmen und Serien könnte der Abo-Dienst zur treibenden Kraft werden. Manch einer äußert die Befürchtung, Entwickler könnten schlechtere Spiele kreieren, wenn sie für ein Abo-Modell entwickeln. Sie könnten etwa einpreisen, dass die meisten Spieler Spiele nicht bis zum Ende spielen. In diesem düsteren Szenario würden derart entwickelte Spiele nur in den ersten paar Stunden richtig gut sein und danach rapide nachlassen. Weil es sich für die paar Menschen, die bis zum Ende durchhalten, nicht lohnt. Das ist schon jetzt etwas, das oft bemängelt wird. Sind Spieler dank eines Abo-Modells noch weniger daran gebunden, ein Spiel durchzuspielen, könnte dies den Kritikern zufolge diese Entwicklung weiter anheizen.

Ich glaube jedoch, dass Microsoft ein großes Interesse daran haben sollte, auf lange Sicht auch Qualität zu liefern, die bis zum Ende durchhält. Das Ziel ist schließlich, den Kunden im Abo zu halten. Spiele, die das nicht vermögen, und Entwickler, die das nicht liefern, dürften bei den Gehaltsverhandlungen deutlich schlechtere Karten haben. Denn Microsoft wird sich seine Statistiken sehr genau ansehen. Liefert ein Entwickler drei Spiele nacheinander, die bei der Spielerschaft nicht die gewünschte Spielzeit erzeugen, wird die Aufnahme des vierten Spiels zu denselben Konditionen sicherlich keine Selbstverständlichkeit sein. Und mit nervigen Aufgaben, die die Spielzeit unnötig strecken, werden sich Spieler, die sich finanziell nicht an das Produkt gebunden fühlen, auch nicht abgeben.

Bisher hatte Sony die Nase mit der Playstation gnadenlos vorn. Das Argument der Exklusivtitel war unschlagbar, denn diese Spiele waren wirklich herausragend. Titel wie „Red Dead Redemption“, „GTA“, „Spiderman“ oder „God of War” erlangten auch abseits der Spielepresse Bekanntheit. Sie waren explizit auf die Leistung der Konsole angepasst und demonstrierten eindrucksvoll, wie gut sie aussehen können. Dafür und für viele weitere Top-Titel wurden im Gegenzug aber auch jedes Mal bei Erscheinen stolze 70 Euro fällig. Eine Investition und Verpflichtung, die ich am PC schon lange nicht mehr eingehe.

Mit der Xbox Series X/S und dem Game Pass wirft Microsoft für einen Zehner im Monat mit einem dermaßen großen und dennoch wertigen Haufen Spiele um sich. Da wird sich Sony im kommenden „Konsolenkrieg“ warm anziehen müssen. Mein Gewissen hat sich jedenfalls schon entschieden. Als PC-Spieler, der den Game Pass schon abonniert hat, setze ich dieses Jahr auf die Xbox.