1. Digital
  2. Games

Games-Kritik: Mehr als nur ein Spiel: "The Last of Us"

Games-Kritik : Mehr als nur ein Spiel: "The Last of Us"

Zum Ende der Playstation-3-Ära hat Entwickler Naughty Dog mit "The Last of Us" noch einmal ein Spiel für die nunmehr veraltete Konsole herausgebracht, das grafisch und spielerisch brilliert – und vor allem von seinen Charakteren lebt.

Zum Ende der Playstation-3-Ära hat Entwickler Naughty Dog mit "The Last of Us" noch einmal ein Spiel für die nunmehr veraltete Konsole herausgebracht, das grafisch und spielerisch brilliert — und vor allem von seinen Charakteren lebt.

Etwas scheint an der Apokalypse zu sein, dass Spiele-Entwickler anzieht wie ein süßer Erdbeerkuchen einen Schwarm Bienen. "The Last of Us" ist da keine Ausnahme.

Mal wieder steht die Menschheit am Rande des Abgrunds. Allerdings hat Entwickler Naughty Dog es geschafft, einen neuen Dreh zu finden: Es sind Pilzsporen im kontaminierten Getreide, die schnell die Kontrolle der infizierten Gehirne übernehmen.

Befallene werden zu rasenden, kannibalistischen, instinktgesteuerten Wesen wie in "28 Days later". Wo da der Unterschied zu den überstrapazierten Zombies ist? Er ist nur marginal. Aber wenigstens bewegt sich die Prämisse im weitesten Sinne auf wissenschaftlichen Tatsachen. Denn tatsächlich gibt es Pilze, die Kontrolle über das Nervensystem von Ameisen übernehmen können und sie so quasi steuern.

Der Protagonist ist kein Held

Die Vorgeschichte ist nicht das Neue an "Last of Us". Die Erzählung selbst und die Charaktere machen das Besondere aus. Da ist Joel, der Protagonist, der kein Held ist. Er versucht nur, irgendwie über die Runden zu kommen — vor der Katastrophe mit mehreren Jobs.

20 Jahre nach der weltweiten Infektion als Schmuggler und Dealer von Medikamenten oder Lebensmitttelkarten in einer Quarantäne-Zone. Längst ist er ein verbitterter, desillusionierter Mann, der alles tut, was nötig ist, um zu überleben — und dabei auch über Leichen geht. Wer glaubt, dass die Welt ohnehin hoffnungslos verloren ist und es kaum etwas Lebenswertes gibt, muss keine Rücksicht mehr nehmen.

Das Spiel vermeidet Peinlichkeiten

Nur wenig davon wird explizit gesagt. Vielmehr wird Vieles nur angedeutet und einiges gezeigt. Der einzige Mensch, dem er vertraut und zu dem er noch eine emotionale Bindung hat, ist seine "Geschäftspartnerin" Tess. Und nur ihretwegen übernimmt er den Auftrag, etwas aus der Quarantäne-Zone zu schmuggeln: die 14-jährige, frühreife Ellie, die er anfangs nur die "Ware" nennt.

Doch aus Loyalität zu Tess will er den Job erledigen und ist so an Ellie gebunden. Dieses abgedroschene Buddy-Prinzip in einem Road-Movie könnte nun in Peinlichkeiten enden, zumindest aber langweilig oberflächlich wirken — und genau das tut es nicht.

"Last of Us" wartet nicht mit knalligen Effekten oder übertriebenen Actionsequenzen auf. Im Gegenteil: Es lässt sich Zeit, die Figuren einzuführen und zu etablieren. Und erst das Zusammenspiel der virtuellen Figuren zieht einen in die Story. Die düstere Geschichte ist zwar nicht immer frei von vorhersehbaren Entwicklungen.

Aber wie sich die beiden Charaktere in kleinen Begebenheiten oder Dialogen Schritt für Schritt näher kommen, wirkt sehr natürlich, sehr real und entwickelt eine eigene Spannung — auch ohne ein Effekt-Spektakel. Für Joel wird aus der "Ware" langsam ein Mensch, der ihm gegen seinen Willen immer mehr bedeutet.

Und die anfangs biestige Nervensäge Ellie gewinnt im Laufe des Spiels an Tiefe. Für sie sind die Ruinen und Relikte außerhalb der Quarantäne-Zone neu, aufregend, faszinierend und anders als für Joel nicht nur der Friedhof all dessen, was er verloren hat. Das führt zu einigen witzigen bis skurrilen und tragischen Momenten.

"Last of Us" nutzt dabei die Möglichkeiten eines Videospiels geschickt aus. Länger als ein Film und dennoch nicht so episodenhaft wie eine Serie entwickeln die digitalen Geschöpfe bis hin zu den Nebencharakteren mehr Charisma und zeigen sie mehr Emotionen als viele hoch bezahlte Schauspieler in noch teureren Hollywood-Produktionen.

Großartige Charaktere, spielerisch fordernd

Das alleine würde das Spiel schon aus der Masse herausheben. Aber Naughty Dog hat auch grafisch noch einmal alles aus der alten Playstation 3 herausgeholt. Nur selten sah eine Welt für Sonys Spielkonsole besser, realistischer und abwechslungsreicher aus. Gleichzeitig erzeugt das Setting das beklemmende Gefühl einer ständigen Bedrohung.

Auch weil Naughty Dog weitgehend auf Musik verzichtet hat. In den Städten ist es bis auf ein paar surrende Insekten oft tatsächlich still — bis es zu einem Überfall kommt: In den Ruinen hausen oft noch Überlebende, die sich nur wenig von Joel unterscheiden — und alles tun, um über die Runden zu kommen. Das Leben zweier Durchreisender hat da keinen großen Wert.

Der Spieler übernimmt dabei die Rolle von Joel in der Third-Person-Perspektive, schaut ihm so quasi über die Schulter und versucht mit ihm die Begegnungen zu überstehen. Und das ist nicht immer leicht: Die menschlichen Gegner gehen taktisch vor und reagieren auf Joels Handlungen. Nicht weniger bedrohlich sind die Infizierten, die sich von Pilzsporen gesteuert auf alles stürzen — und denen ihr eigenes Überleben egal ist.

Zur Improvisation gezwungen

Joel kann nun mit dem Kopf durch die Wand gehen und sich den Weg freikämpfen. Allerdings ist Munition knapp: Jeder Schuss zählt darum. Und Stich- oder Hiebwaffen nutzen sich mit der Zeit ab. Die Alternative ist, mit Ellie buchstäblich durchzuschlüpfen — von Deckung zu Deckung huschend und immer im Verborgenen bleibend.

Das Spiel bietet verschiedene Wege an. Zumal Joel Waffen auch modifizieren kann, wenn er genügend Bauteile gesammelt oder entsprechende Anleitungen gefunden hat. Mithilfe von Pillen kann der Spieler sogar einige von Joels Fähigkeiten verbessern. Sei es die Zielgenauigkeit oder sein Gehör, um Feinde von weitem zu hören. Weil aber weder Pillen noch Bauteile im Spiel üppig verteilt sind, muss man abwägen, was man mit seinen knappen Ressourcen nun machen möchte.

In den Kämpfen merkt man dann, dass einem oft genau das fehlt, was einem das Leben nun leichter machen würde. Sei es Munition, ein Messer, eine Bombe oder ein Erste-Hilfe-Kasten. Man ist oft zur Improvisation gezwungen.

Und es wird nicht dadurch leichter, dass das Spiel beim Zugriff auf das Inventar nicht pausiert, sondern weiter in Echtzeit abläuft. Dafür muss man sich wenigstens nur selten um Ellie Sorgen machen, die meistens von alleine in Deckung geht.

Man erinnert sich an das Spiel wegen der Charaktere

Spielerisch ist "The Last of Us" überaus abwechslungsreich. Gleichzeitig hat Naughty Dog einen packenden, düsteren 12- bis 15-stündigen Endzeitfilm im Stil von "The Road" geschaffen. Es ist der würdige Abschied von der Playstation 3 und ein Spiel, an das man sich erinnert — nicht wegen irgendwelcher Effekte, sondern wegen Joel und Ellie und ihrer Geschichte. Und wenn man das Ende erreicht hat, kann man sich nicht gegen das Gefühl wehren, Weggefährten zurückzulassen.

Wertung

Grafik 8,5 von 10
+ sehr realistische, abwechslungsreiche Spielwelt
+ technisch alles aus der Playstation 3 herausgeholt
+ Ruinen mit viel Liebe zum Detail gestaltet
- ab und an matschige Texturen

Sound 8,5 von 10
+ stimmige, sehr sparsam eingesetzte Musik
+ Soundeffekte passend
+ gute deutsche Synchronisation

Gameplay 9,5 von 10
+ abwechslungsreiches Gameplay
+ mehrere Wege, um Kämpfe zu bestehen
+ guter Spielfluss
- zu Beginn nicht immer leicht

Story 9,5 von 10
+ sehr gutes Zusammenspiel von Joel und Ellie
+ filmreife, düstere Erzählung
+ komplexe Nebencharaktere
- bisweilen sehr geruhsam erzählt

Gesamtwertung 9,3 von 10

Hier geht es zur Bilderstrecke: Screenshots aus "The Last Of Us"

(jov)