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Watch Dogs: Legion. Hacken gegen das System in London

Angespielt: Watch Dogs Legion : Watch Dogs: Widerstand macht Spaß

Am 29. Oktober bringt Ubisoft nach mehreren Monaten Verzögerung das dritte Watch-Dogs-Spiel heraus. Und schon nach einigen Stunden ist klar: Es ist das beste Spiel der Hacker-Reihe.

So richtig hat die Watch-Dogs-Reihe bislang nie gezündet. Zwar bietet die Idee, einen Hacker zu spielen, jede Menge Möglichkeiten. Aber der erste Teil verlor sich in einer mit Klischees überladenden Rachegeschichte mit einem alles andere als charismatischen Helden. Das zweite Spiel wirkte mehr wie eine Sitcom ohne ein Ziel. Weil die Reihe aber mehr oder weniger erfolgreich war, gibt es einen dritten Teil. Und Ubisoft hat tatsächlich aus den Fehlern gelernt.

„Watch Dogs: Legion“ beginnt fulminant mit einem Geheimagenten, der für die Hacker-Gruppe „DedSec“ arbeitet. Er soll einen Bombenanschlag in einem leicht futuristischen London nach dem Brexit verhindern. Schnell wird indes klar, dass gar nichts klar ist. Diverse Figuren und Gruppierungen verfolgen ihre eigenen Ziele. Und „DedSec“ wird dazwischen zerrieben und muss als Sündenbock herhalten. Für die Mächtigen. Und die nutzen die Vorfälle, um die mehr oder wenige offensichtliche Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung auszuweiten. Die wird indes nicht unbedingt oder immer mit brutaler Gewalt ausgeübt, sondern über alles, was wir aus der realen Welt kennen: soziale Netzwerke, Nutzer-Profile, Verhaltensprognosen, Werbung und automatisierte Verkehrssysteme oder zentral gesteuerte selbstfahrende Autos. Wer weiß, dass viele Menschen protestieren möchten, muss nur Zeitpunkt und Ort kennen. Dann kann er den Verkehr so steuern, dass die Demonstranten niemals ankommen. Aus einem großen Protestzug wird so eine kleine Ansammlung von Aufrührern.

Dagegen möchte „DedSec“ angehen. Oder zumindest das, was von der Hacker-Gruppe in London übrig ist. Am Anfang sind das nur noch zwei Personen. Sabine Brandt als ehemalige Anführerin – und der Spieler, der sich eine Figur aus einem großen Raster von Londonern aussuchen kann. Über diverse Missionen sollen dann die Vorfälle rund um die Bombenanschläge und die Verschwörung dahinter aufgeklärt werden. Zudem möchte man die Macht des privaten Sicherheitsdienstes Albion brechen, der im Auftrag der Regierung für Ordnung sorgen soll – und dabei auch auf die Hilfe des Kelley-Clans setzt. Das ist das einzig verbliebene Verbrechersyndikat. Zudem gibt es noch eine Reihe von undurchsichtigen Technologie-Unternehmen, die von den Zuständen im Post-Brext-London profitieren. Das sind viel zu viele Aufgaben für nur einen Agenten. Und darum kann der Spieler Londoner für „DedSec“ rekrutieren.

Um die Frage zu beantworten: Man kann tatsächlich jeden Londoner für die eigene Sache gewinnen und mit ihm weiterspielen. Man scannt mit dem Smartphone eine Figur, der man begegnet, und erhält ein Profil. Daraus kann man die Fähigkeiten, den Beruf, diverse Vorlieben und Abneigungen sowie den Verdienst ablesen – und wie leicht die Person rekrutiert werden kann. Denn manche haben starke oder sehr stark Vorbehalte gegenüber „DedSec“.

Anfangs macht man da schnell den Fehler, so ziemlich jeden als potenziellen Rekruten zu speichern. Mit der Zeit lernt man, die Angaben zu gewichten und tatsächlich jene Charaktere herauszufiltern, die einem weiterhelfen können. Ärzte beispielsweise können nicht nur dafür sorgen, dass die Mitglieder des Teams schneller heilen. Sie kommen auch in Krankenhäuser und Kliniken, ohne dass jemand Verdacht schöpft. Das wiederum kann bei bestimmten Missionen nützlich sein. So stellt man langsam eine Gruppe zusammen mit unterschiedlichen Fähigkeiten.

Und Ubisoft hat es tatsächlich geschafft, die vielen Londoner zu Individuen zu machen. Man erkennt zwar mit der Zeit einige Grundtypen. Dennoch unterscheiden sich die Figuren in ihrem Aussehen, der Kleidung, dem Alter, dem Geschlecht, der Hautfarbe, der Herkunft, den Fähigkeiten – und in ihrer Stimme samt dem Akzent. Wir empfehlen darum unbedingt die englische Sprachversion. Das verstärkt die Immersion und sorgt für eine dichtere Atmosphäre. Wir wissen zwar noch nicht, ob wir jemals in „Watch Dogs: Legion“ Klonen der Figuren begegnen werden. Aber in unseren ersten 20 bis 30 Stunden ist uns keiner über den Weg gelaufen.

Um nun einen Londoner zu rekrutieren, muss man der Person helfen oder ihr einen Gefallen tun. Je größer die Abneigung gegenüber „DedSec“ ist, desto aufwendiger wird das. Das ist verbunden mit kleinen Geschichten, die uns die Figuren näherbringen. Keine davon ist so ausgearbeitet, dass sie wie echte Persönlichkeiten wirken. Aber sie haben einen eigenen Charakter. Sie kommentieren die Welt und die Ereignisse um sie herum auf ihre eigene Weise. Das Autoren-Team hat mehrere Tausend Dialog-Zeilen geschrieben. Und das zahlt sich aus. Manche Figuren wachsen einem mit ihrer Art und ihren Kommentaren tatsächlich ans Herz.

Die grundlegenden Skills der diversen Rekruten sind dabei gleich: Jeder hat ein Smartphone, mit dem man Sicherheitskameras oder einfache Drohnen hacken kann. Dazu kommt ein Taser, um Menschen zu betäuben und ein kleiner „Spiderbot“, den man steuern kann – um schwer zugängliche Bereiche zu infiltrieren oder auszukundschaften. Diese allgemeingültigen Fähigkeiten und Hilfsmittel lassen sich dann über Technikpunkte erweitern. Diese Punkte findet man überall in der Stadt und auch während der Hauptmissionen. Worin sich die Rekruten indes unterscheiden, sind Fähigkeiten oder Boni – die an die eine Figur gebunden sind. Wir sind beispielsweise recht früh und durch Zufall einem Waffenexperten über den Weg gelaufen. Der ließ sich zudem leicht überzeugen, sich uns anzuschließen. Danach sind wir nie wieder einer Figur begegnet, die mit einem Granatwerfer ausgerüstet ist und weniger Schaden in Feuergefechten nimmt.

Das wiederum kann je nach Spielweise hilfreich in bestimmten Missionen sein. Die sind in der Regel ähnlich aufgebaut: Man muss einen überwachten Bereich oder ein feindlich kontrolliertes Gebäude infiltrieren. Das kann beispielsweise eine Polizeiwache sein, ein Logistikzentrum der Schutz-Organisation Albion oder ein Lager des Kelley-Clans. Dort muss man dann etwas hacken oder klauen, etwas sabotieren, Daten herunterladen oder löschen, Personen finden oder sogar befreien. Der Schwierigkeitsgrad variiert. Und man kann unerkannt bleiben oder geht mit brachialer Gewalt vor. Das ist dem Spieler überlassen. Die Deckungs-Shooter-Mechanik funktioniert ebenso wie der geduldige Hacker-Angriff, bei dem man zu Sicherheitskameras springt – um für Ablenkung zu sorgen oder um Fallen zu stellen.

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Trotz des ernsten Themas macht es so einen Heidenspaß, schrittweise hinter die diversen Verschwörungen zu kommen – und den Mächtigen immer wieder Steine in den Weg zu legen. Es bleibt tatsächlich abwechslungsreich. Und der Schwierigkeitsgrad hält sich meistens in Grenzen, wenn man sein Vorgehen plant und geschickt vorgeht. Dennoch kann es zu unvorhergesehen Ereignissen kommen – oder Taten Konsequenzen haben. Bei unserer ersten Rekrutierungsmission mussten wir einen Wagen vom Clan Kelley klauen. Wir hatten aber zu spät die Maske aufgezogen. Später dann wurden wir plötzlich von Mitgliedern der Verbrechensorganisation samt ihren Drohnen angegriffen, weil sie nach uns in London gesucht und am Ende identifiziert hatten. So lernt man es auf die harte Tour.

Aber das sorgt für Atmosphäre. So wie die gesamte Stadt. Das fiktive London ist grandios inszeniert und überaus abwechslungsreich. Die Stadt wirkt echt und lebendig. Das war in „Watch Dogs 2“ einer unserer Kritikpunkte gewesen: Das virtuelle San Francisco sah steril und künstlich aus. Nun lohnt es sich, einfach mal durch London zu schlendern und Sachen zu entdecken. Man kann auch mit dem Auto oder Motorrad unterwegs sein. Das sind wir aber bei einem der Kritikpunkte. Das Fahren ist genau so schlecht wie in den anderen Watch-Dogs-Teilen umgesetzt. Wir mussten die Controller-Empfindlichkeit in den Einstellungen auf 0 setzen, damit es machbar ist. Die Reihe ist sich in dem Punkt leider treu geblieben. Was uns ebenso aufgefallen ist: Wir haben „Legion“ auf der PS4 Pro angespielt. Und da gibt es lange Ladezeiten beim Start, beim Wechsel von einem Rekruten zum anderen oder bei der Schnellreise. Das Spiel wird von der neuen Konsolengeneration ungemein profitieren. Hoffentlich ebenso bei der Dichte des Straßen-Verkehrs. Auf der PS4 Pro sind nicht so viele Autos unterwegs, wie es aus unserer Sicht in London sein sollten. Das ist nicht entscheidend, aber es ist uns aufgefallen.

Was indes ein großer Fortschritt gegenüber den anderen Teilen ist: Endlich hat das fiktive Leben als Hacker einen Sinn. Es geht darum, die Großen und Mächtigen zu stürzen – die uns manipulieren und kontrollieren wollen. Bisweilen aus ganz profanen Gründen: beispielsweise um ihren Profit zu steigern. Die Story ist gut erzählt. Und nebenbei bringt uns das Spiel bei, wie Faschismus, Macht und Manipulation im 21. Jahrhundert funktionieren. Über die Story, aber vor allem aber über Aufzeichnungen von Podcasts und Radiosendungen. Der Brexit selbst ist dagegen bloß allgegenwärtig mit einigen wirtschaftlichen Verwerfungen. Als die Idee zum Spiel im Jahr 2015 aufkam, war der britische EU-Ausstieg nur eine unwahrscheinliche Möglichkeit. Es eignete sich darum als fiktives Setting. Die Realität hat das Spiel eingeholt. Und die Autoren haben darauf reagiert: Sie diskutieren nicht die Natur des Brexits. Vielmehr fragen sie, was überhaupt dazu geführt hat.

Am Ende ist „Watch Dogs: Legion“ so das beste Spiel der Reihe, dem es gutgetan hat, um einige Monate verschoben zu werden. Es macht Spaß, zum Widerstand zu gehören und durch London zu streifen. Stellenweise wird es sogar tiefsinnig und beklemmend. Vor allem, wenn man die Parallelen zur realen Welt zieht.