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So gut ist Ghost of Tsushima auf der Playstation

Playstation Exklusivtitel : Ghost of Tsushima im Test

Das US-Studio „Sucker Punch“ hat einen Überraschungsschlag gelandet: Am Freitag erscheint der Playstation-Exklusivtitel „Ghost of Tsushima“. Das Spiel ist episch, spannend und eine tiefe Verbeugung vor Filmklassikern. Die Review ist nahezu spoilerfrei.

Man spürt es schon in der ersten Minute: Auf dem Weg in die Schlacht gegen die mongolischen Invasoren flattern die Banner der Samurai im Wind. Das sieht nicht nur überaus beeindruckend aus. Es ist das erste Zeichen dafür, wie viel Herzblut die Entwickler von „Sucker Punch“ in ihr neues Werk „Ghost of Tsushima“ gesteckt haben. Und der erste Eindruck täuscht nicht. Vielmehr sieht man die Liebe zum Detail in jeder virtuellen Ecke: Da fliegen gelbliche Blätter vorbei, die vom Wind getragen werden. Oder rote Blüten durchbrechen die Wälder. Hügel und Berge wechseln sich mit Tälern ab. Man reitet durch matschige Sümpfe und erklimmt schneebedeckte Gipfel. Und wenn der bleiche Mond nachts durch die Baumkronen scheint oder sich ein Gewitter ankündigt, taucht man immer tiefer in die mittelalterliche japanische Welt des Jahres 1274 ein.

Das mongolische Reich unter Kublai Khan hatte tatsächlich bereits 1266 einige Botschaften an die japanische Führung geschickt. Darin hatte er mehr oder weniger offen, die freiwillige Unterwerfung gefordert – nachdem der Khan bereits weitgehend die Kontrolle über China und Korea hatte. Japan reagierte indes nicht darauf – und so kam es zur versuchten Invasion im Jahr 1274. Und anfangs sah es schlecht für die Japaner aus. Die Samurai konnten der modern ausgerüsteten, gut organisierten und erfahrenen mongolischen Armee wenig entgegensetzen. Und da beginnt dann auch das Spiel. Jin Sakai ist einer der wenigen überlebenden Samurai nach der Landung der Mongolen – und er führt einen neuen Kampf gegen die Invasoren.

Trotz des Detailreichtums ruckelt das Spiel dabei auf unserer PS4 Pro mit 2 TB SSHD nur höchst selten in den mehr als 60 Stunden. So lange dauert es etwa, wenn man sich Zeit lässt und nicht durch die Hauptstory rast. Doch warum sollte man das auch tun? Viel zu schön und abwechslungsreich ist die Insel auf der Playstation umgesetzt.

Oft haben wir noch nicht einmal gemerkt, wie viel Zeit wir verbracht und wie viele Kilometer wir zurückgelegt haben. Denn Tsushima wirkt gefühlt sehr viel kompakter, als es tatsächlich ist, weil es so viel zu entdecken gibt. Man stolpert immer wieder über etwas Interessantes oder verfolgt den Flug der Vögel, die einen zu interessanten Orten lotsen. Nichts davon ist überflüssig oder fühlt sich wie sinnfreier Inhalt an, der die offene Welt füllen soll: In heißen Quellen kann unser Held Jin Sakai nicht nur baden. Er denkt über Personen oder Geschehnisse nach und verbessert dabei auch seine Gesundheit. Entdeckt man Fuchsbauten, führen einen die Tiere zu Schreinen der Göttin Inari: Hat man ausreichend von ihnen gefunden, erhält man Talismane. Die wiederum verbessern Fähigkeiten des Charakters. Bambusstände erhöhen die Entschlossenheit, die man in Kämpfen in rasche Heilung oder spezielle Moves investiert – wenn man es schafft, bestimmte Tastenfolgen schnell genug zu drücken. An anderen Stellen kann man Haikus verfassen – was wiederum Stirnbänder beschert. Die sind zugegeben nur Kosmetik, aber es macht Spaß am Erscheinungsbild unseres Geistes zu feilen. Zumal diverse Outfits und Rüstungen tatsächlich Eigenschaften verleihen, die für bestimmte Missionen und Spielweisen besser geeignet sind als andere.

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Anfangs wirkt die Steuerung ein wenig sperrig. Nach einer halben Stunde etwa kommt man immer besser in das Spiel hinein. Allerdings nehmen die Möglichkeiten und die Zahl der einsetzbaren Gerätschaften im Laufe des Spiels noch deutlich zu. Dennoch ist es Sucker Punch gelungen, alles recht intuitiv in das Spiel zu integrieren. Seien es die diversen Kampfhaltungen und Angriffsmöglichkeiten gegen die verschiedenen Gegnertypen – oder Kurz- und Langbogen, diverse Pfeiltypen, Hilfsmittel wie Rauch- und Schwarzpulverbomben, Wurfhaken, Blasrohr und noch vieles mehr.

Zusammen mit den exzessiven Kletterpartien auf der Suche nach den großen, alten Shinto-Schreinen erinnert das sehr an die Assassin’s-Creed-Spiele von Ubisoft. Und es ist nicht zu übersehen, dass sich Sucker Punch von der Reihe des französischen Konzerns hat inspirieren lassen. Man hat aber dann doch einen eigenen Dreh gefunden, der tatsächlich fast schon besser funktioniert als bei dem Vorbild und abwechslungsreich bleibt. Und es wird niemals langweilig, als Samurai seine Gegner einfach herauszufordern oder als „Geist“ Attentate zu verüben. Vor allem dann nicht, wenn man lernt, wie man dabei gleich mehrere Feinde hintereinander erledigt. Beide Varianten sind so großartig in Szene gesetzt, dass man sich daran nicht sattsehen kann. Zumal wir uns dabei ziemlich mächtig und wie große Schwertmeister fühlen.

„Samurai“ und „Geist“ sind dabei die zwei Spielweisen, die indes in „Ghost of Tsushima“ nicht scharf voneinander abgegrenzt sind. Tatsächlich reißt einen das Spiel immer wieder aus der Komfortzone eines favorisierten Gameplays raus. An bestimmten Stellen muss man sich auch als „Geist“ in Duellen beweisen. Wer es indes vorzieht, als Samurai in Gefechte zu rennen, muss bisweilen ungesehen zum Ziel kommen. Die Schleichmechanik funktioniert dabei ziemlich gut.

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Sucker Punch hat sich sehr viel Mühe gegeben, die Missionen abwechslungsreich zu gestalten. Sie folgen nicht immer nur einem Muster und nicht jede Wendung ist voraussehbar. Das setzt sich auch in den Nebenmissionen fort – oder in den Storys von Nebencharakteren, die ihre eigenen Ziele verfolgen und die man optional begleiten kann. Niemals kam in den mehr als 60 Stunden Langweile auf oder das Gefühl, schon wieder das Gleiche tun zu müssen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Charaktere, auf die man trifft, nicht platt oder oberflächlich sind. Selbst der Hauptgegner, Khotun Khan, hat ein gewisses Charisma und ist mehr als nur ein Klischee. Zumal das Spiel bisweilen sehr feinfühlig mit den Figuren und bestimmten Situationen umgeht. An einigen Stellen können da auch die Augen feucht werden.

Und dennoch ist nicht alles perfekt. So abwechslungsreich die Missionen sind, manche sind eben besser als andere. Es dauert auch etwas, bis das Waisenkind Jin Sakai ein eigenständiger Charakter wird und sich von seinem prägenden Onkel löst. Der wiederum spricht davon, dass ein Samurai seinem Gegner stets in die Augen sieht. Nur Feiglinge würden aus dem Schatten zuschlagen. Damit ist Jins Onkel aber eher der Vertreter einer romantisierten, westlichen Idee der Neuzeit von den Samurai. Der komplizierte Ehrbegriff der Kriegerkaste drehte sich mehr um Loyalität und Pflicht. Weniger darum, wie und mit welchen Mitteln die Ziele erreicht werden. Später im Spiel kommt dann noch ein politischer Faktor hinzu, der leider etwas nebensächlich bleibt – aber weitaus überzeugender ist als die Ansichten des Onkels. Die Story nimmt es mit der historischen Wahrheit zudem auch nicht ganz so genau. Das Katana beispielsweise ist allgegenwärtig. Nur: Ein Samurai nutzte 1274 kein Katana, das erst später in Mode kam. Sie trugen das längere und stärker gebogene Tachi.

Andererseits: Das Spiel ist keine Geschichtsstunde, sondern Unterhaltung. Und Ghost of Tsushima ist große Unterhaltung. Mit einem epischen, berührenden Finale. Das Spiel ist gerade an solchen Stellen auch eine Hommage an Meisterwerke des Kinos. Man erkennt Einflüsse von „The Last Samurai“ mit Tom Cruise oder des großartigen japanischen Films „13 Assassins“, der vor allem in der zweiten Hälfte mit grandios choreografierten Kampfszenen brilliert. Und vor allem erinnert das Spiel an der einen oder anderen Stelle an Klassiker des großen Regisseurs Akira Kurasawa wie „Yojimbo“, „Die sieben Samurai“ und „RAN“. Wer mag, kann das Spiel sogar komplett in Schwarz-Weiß spielen – im sogenannten Kurasawa-Modus. Eine tiefe Verbeugung vor dem Meister.

Der Schwierigkeitsgrad hält sich indes in Grenzen, wenn man die Steuerung gemeistert hat. Wir hatten auf der Schwierigkeitsstufe „Mittel“ keine größeren Probleme. Nur die Duelle waren etwas herausfordernder und verlangten manchmal mehrere Anläufe, weil man da keine Hilfsmittel einsetzen kann – außer den eigenen Kampffähigkeiten.

Unser Fazit: Ghost of Tsushima bietet eine abwechslungsreiche, offene Welt, die nicht nur groß um der Größe Willen ist. Das Spiel wird nie langweilig, die Story wird gut erzählt, es gibt eine Reihe interessanter Charaktere und die Hauptfigur wächst im Laufe der Geschichte. Die Grundlage für eine neue Spielereihe ist gelegt. Und Möglichkeiten für eine Fortsetzung gibt es mehr als genug.