Kojima-Spiel "Death Stranding“ im Test - der Weg ist das Spiel

Dieses Computerspiel polarisiert : „Death Stranding“ im Test - der Weg ist das Spiel

Man liebt es oder hasst es. Was auf Koriander, Lakritze und die Band Nickleback zutrifft, gilt auch für das neue Kojima-Spiel „Death Stranding“. Ein Ritt zwischen „unspielbar“ und „Spiel des Jahres“.

Spiele-Entwickler Hideo Kojima genießt unter Videospielern einen gewissen Kultstatus. So verwundert auch kaum der Hype um „Death Stranding“, das jüngste Werk des auch mal als „Tarantino der Spieleentwickler“ bezeichneten „Metal Gear“-Erfinders.

Kojima steht für abgedrehte Geschichten, dick aufgetragenen Pathos und pseudo-wissenschaftlich angehauchte Story-Elemente. Vor drei Jahren wurde „Death Stranding“ angekündigt. Bis zum Sommer dieses Jahres war aber völlig unklar, was in seinem neuen Spiel überhaupt zu tun ist. Ist es Adventure, Shooter, Open-World-Sandbox?

Die Antwort ist, sehr verkürzt: Man spielt einen Lieferanten und liefert Dinge von A nach B. Hauptfigur Sam Porter Bridges, verkörpert von „The Walking Dead“-Star Norman Reedus, bekommt einen wichtigen Auftrag. Er soll die wenigen verbliebenen Städte in einem postapokalyptischen Amerika wieder miteinander verbinden.

Hochkarätige Besetzung für ein Videospiel: Schauspielerin Léa Seydoux leiht Spielfigur „Fragile“ ihr Gesicht. Foto: dpa-tmn/Sony

Geisterwesen, mysteriöse Babys und viele Andeutungen

Irgendetwas - wir verraten an dieser Stelle mal nicht zu viel - hat die Welt der Lebenden mit der Welt der Toten zusammengebracht und dabei Großteile des menschlichen Lebens vernichtet. Außerhalb der verbliebenen Städte bewegen sich unsichtbare, geisterartige Wesen, die Menschen angreifen, wenn sie ihnen zu nahe kommen.

Aber Sam ist gut gerüstet: Er ist ein sogenannter Wiederkehrer und kann nach dem Tod wieder ins Leben zurückkehren. Dazu kann er die Anwesenheit der Geisterwesen spüren und sich so von deren Zonen fernhalten. Recht früh im Spiel bekommt Sam außerdem ein sogenanntes BB - ein „bridge baby“. Das ist, sehr verkürzt: ein Fötus einer hirntoten Mutter in einem tragbaren Tank, der durch eine Verbindung mit der Mutter und der Hilfe eines weiteren Geräts die Geisterwesen für Sam sichtbar machen kann.

Spiel mit dem Baby

Sam bekommt auch recht früh gesagt, dass er bloß keine persönliche Bindung zu dem Fötus aufbauen solle - eine der vielen, vielen bedeutungsschwangeren Ankündigungen, die den weiteren Verlauf des Spiels vorzeichnen. Keineswegs bleibt das BB einfach nur ein Gegenstand, den Sam mit sich herumträgt und benutzt, was auch Spieler zu spüren bekommen.

Kurier Sam wird verkörpert von Schauspieler Norman Reedus (“The Walking Dead“). Foto: dpa-tmn/Sony

Denn BB kann Angst haben, sich erschrecken oder weinen. Dessen Geräusche kommen dabei direkt über den Controller, was zu einer viel intensiveren Verbindung zwischen Spieler und BB führt, als wenn dessen Schreie über den Fernseher ausgegeben würden. Um das Baby zu beruhigen, müssen Spieler dann den Controller in der Hand wiegen, während Sam beruhigende Worte spricht. Abgedreht genug?

Monotonie in neuer Form

Das ist nur eins der Elemente, die den Reiz von „Death Stranding“ ausmachen. Auf der anderen Seite steht zum Beispiel eine sehr eintönige Missionsstruktur. Nervige „bringe Gegenstand X von A nach B“-Aufgaben kennt man zur Genüge von Open-World-Spielen.

In „Death Stranding“ sind sie Hauptinhalt. Allerdings bringt Kojima interessante Mechaniken mit. Spieler müssen genau überlegen, wie sie Sam bepacken: Auf dem Rücken, an Arme oder Beine geschnallt oder in den Händen tragend. Je nachdem, wie der Lieferant beladen wird, ändert sich dessen Balance, wenn er über die zunächst grünen Wiesen und Hügel der postapokalyptischen USA wandert. Das wirkt fast schon wie eine Parodie auf die vielen Rollenspiele, in denen die Protagonisten quasi endlose Taschen haben.

Gleichzeitig muss Sam an Geisterwesen vorbeischleichen und menschlichen Gegnern - darunter auch verrückt gewordene andere postapokalyptische Postboten - aus dem Weg gehen. Was zunächst intensive Herzklopf-Momente entstehen lässt, nach einiger Zeit aber nur noch zu einem lästigen Hindernis wird.

Die faszinierende Welt gibt es häppchenweise

Bis zum dritten Akt ist Sam dabei fast nur zu Fuß unterwegs und hat auch sonst wenige Hilfsmittel. Weswegen man als Spieler versuchen sollte, möglichst schnell in den dritten Akt zu kommen. Dann eröffnen sich neue Möglichkeiten der Fortbewegung und neue Missionsarten. Man könnte auch sagen: Das Spiel geht erst dann richtig los - bis es einem diese Möglichkeiten wieder nimmt oder unnötig kompliziert macht, wie beispielsweise das Schnellreise-System.

Bis zum Ende verbringt man rund 50 bis 60 Stunden mit „Death Stranding“ - worauf am Ende eine rund zweistündige Videosequenz folgen soll. Diese Zeit kann für die einen ereignisreich und spannend sein - für die anderen eintönig und frustrierend.

In der Welt von „Death Stranding“ gibt es - kein Witz - nach Fracht süchtige Kuriere, die Kurier Sam das Leben schwer machen. Foto: dpa-tmn/Sony

Kojima und sein Team bauen eine faszinierende Welt auf, die sich Spielern nur in Häppchen preisgibt - ähnlich einer Mystery-Serie. Gleichzeitig nutzen sie Symbole wie mit der Brechstange: Ob der Mann mit der Maske vielleicht etwas Verborgenes im Schilde führt? Ob Sam eine Bindung zu seinem BB aufbaut, nachdem er davor gewarnt wurde? Dazu die unfassbaren Namen, die die Charaktere tragen: Die-Hardman. Deadman. Heartman. Die weiblichen Charaktere mit Ein-Wort-Namen heißen übrigens Fragile und Mama.

Energydrinks und Fernsehwerbung

Und dann gibt es da noch die Werbung. Hier reißt Kojima mit dem Hintern ein, was er zuvor an faszinierender Welt aufgebaut hat. Das einzige Unternehmen, das die Apokalypse überlebt hat, ist offenbar ein bekannter Energydrink-Hersteller mit monströsem Namen. Ein paar Dosen des Stoffs stehen immer in Sams Unterkunft. Mit ihnen kann er sich mehr Ausdauer antrinken - natürlich pompös mit Videosequenz in Szene gesetzt.

Geht Sam auf die Toilette, erscheint auf der Außenwand der Nasszelle ein großes Banner mit Werbung für Norman Reedus‘ neue Serie. Dass ein Spiel finanziert werden muss und Soundtrack-Mitwirkende wie „Bring Me The Horizon“, „Chvrches“ und „Major Lazer“ einen gewissen Betrag kosten, ist klar - aber so?

Auf jeden Fall schafft „Death Stranding“, was in der Welt der AAA-Spiele nur wenige schaffen: Es polarisiert. Und allein deshalb ist es ein wichtiger Beitrag im Spiele-Jahr 2019.

Wer sich unsicher ist, ob das Spiel wirklich Spaß bringt, sollte sich vielleicht zunächst eins der vielen Let's Plays ansehen - und dann entscheiden, ob man das Geld für den Vollpreis-Titel wirklich investieren will.

(csr/dpa)
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