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Fifa 21: Lohnt sich sie Fußball-Simulation?

Fifa 21 im Test : Ein letzter Kick auf der alten Playstation

Sechs Wochen vor dem Verkaufsstart der neuen Konsolengeneration begibt sich „Fifa 21“ ein letztes Mal vorrangig für die Playstation 4 und Xbox One auf den virtuellen Rasen. Visionäre Neuheiten bleiben im Jahr des Konsolenwechsels allerdings aus.

Auf der virtuellen Gamescom 2020 sagte uns Deutschlands Electronic-Arts-Geschäftsführer Jens Kosche noch, dass der Softwareriese Kostenpflichtiger Inhalt „den direkten Kontakt mit den Spielern” brauche. Die heftigen Reaktionen, die nur wenige Wochen später folgten, dürfte der 52-Jährige damit wohl kaum gemeint haben. Zum einen hagelte es die alljährliche Kritik zu den vermeintlich unrealistischen Spielerwerten, zum anderen ging eine an Kinder gerichtete Werbekampagne in einem Spielzeugmagazin viral. In der wurde explizit die Nutzung der kostenpflichtigen Ingame-Währung Fifa-Points beworben. Um es im Fußballsprech auszudrücken: Eine holprige Saisonvorbereitung für das so erfolgsverwöhnte Fifa.

Dass die Spieleserie zwischen den jährlichen Ablegern keine großen Sprünge macht, ist kein Geheimnis. So dünn wie Fifa 21 hat sich die marktführende Fußballsimulation jedoch noch nie gezeigt. Fast schon kränklich wirkt das neuste Werk von Electronic Arts (EA). Nicht nur wegen der Vorbereitung auf die neue Konsolengeneration, sondern auch wegen Covid-19. Dadurch mussten Rückschläge in der Entwicklung hingenommen werden. Der globale Fußball lag wochenlang still. Persönliche Kontakte wurden auch im Profisport reduziert. Entsprechend konnte das Entwicklerteam weder Scans von Spielern und Stadien durchführen, noch sich tiefgreifend mit den Spielerwerten beschäftigen. Zu allem Überfluss mussten auch die Entwickler plötzlich von zu Hause aus arbeiten. Selbst in der digitaldominierten Videospielproduktion keine leichte Aufgabe. Das hat auch Konkurrent Konami erkannt und sein Pro Evolution Soccer 2021 lediglich als Saison-Update statt als eigenständiges Spiel veröffentlicht.

Trotz all der Strapazen ist Fifa 21 schließlich erschienen. Einen Monat später als üblich und ohne vorangegangener Demo. Letztere veröffentlichten die Entwickler im Vorfeld immer gerne, um vorab Feedback zum Gameplay zu erhalten. Dafür blieb dieses Jahr keine Zeit. Doch es war auch nicht nötig. Gegenüber dem Vorgänger hat sich in Fifa 21 nur wenig getan. Zwar wirbt der Spielehersteller wie eh und je mit noch realistischeren Pässen, Laufwegen und Kollisionen, das allgemeine Spielgefühl bleibt sich selbst treu. Nichtsdestotrotz gibt es einige sinnige Neuerungen.

Da wären zum einen die neuen Steuerungsoptionen. Die kreativen Läufe etwa bringen mehr Taktik auf das Fußballfeld. Mittels kurzen Flickens des rechten Analogsticks kann im neuen Ableger die Laufrichtung eines Mitspielers bestimmt werden, um ihn für den kommenden Pass freizuspielen. Sehr hilfreich, wenngleich wir in unseren hitzigen Onlinepartien noch nicht die perfekten Laufwege gefunden haben. Besser lief es mit dem neuen agilen Dribbling, das mit Halten von R1/RB aktiviert wird und dabei hilft, mit blitzschnellen Bewegungen an der gegnerischen Defensive vorbeizupreschen. Dies ist besonders für E-Sportler interessant, die volle Kontrolle über ihre Spielfiguren haben möchten.

Die Entwickler haben zudem erneut an der Balance geschraubt und Kopfbälle wieder wirkungsvoller gemacht. In den vergangen zwei Jahren wurden die bewusst geschwächt, nachdem sie in Fifa 18 als zu stark galten. Wir haben die spektakulären Flankenläufe für Kopfballtore während unseres Testes sehr genossen und hoffen, dass EA am aktuellen Balancing festhält. Allerdings ist das Gameplay in Fifa kurz nach Veröffentlichung grundsätzlich immer nur als Momentaufnahme zu verstehen. Es ist daher gut möglich, dass EA hier den Tenor der Spielerschaft abwartet und in den kommenden Wochen noch Anpassungen vornehmen wird.

Fifa Ultimate Team einmal mehr im Fokus

Für die treue Anhängerschaft des Karrieremodus hat EA derweil den Weg zu mehr Kader-Management geebnet. So können in Fifa 21 die Trainingspläne auf Tagesebene angepasst werden, um die Spieler bestmöglich zu fördern und fit zu halten. Außerdem nehmen sie Einfluss auf den neuen Messwert „Bissigkeit“. Dessen Skalenniveau reicht von 0 bis 100 und bestimmt die Form der Spieler. Akteure erhalten bei hohem Biss (51-100) einen Fähigkeitenschub; bei wenig Biss (0-49) einen Malus auf ihre Attribute. Damit verhalten sich die Fähigkeiten der Kicker volatil. Am Spieltag ist also nicht mehr allein die Gesamtstärke für eine gute Leistung verantwortlich. Gemeinsam mit den bereits bekannten Aspekten Fitness und Moral ergibt sich ein Dreigespann, das es als Coach zu managen gilt. Damit wird der Karrieremodus in Fifa 21 hinsichtlich Kaderführung etwas komplexer; eine Konkurrenz zu etablierten Manager-Titeln wie Segas Football Manager baut EA an dieser Stelle jedoch nicht auf.

Dank interaktiver Spielsimulationen wird der Karrieremodus auch etwas dynamischer. Bisher gab es immer nur die Wahl zwischen dem Simulieren und dem Spielen einer Partie. In Fifa 21 kann man dagegen eine Begegnung simulieren und währenddessen rudimentär zwischen den Taktiken wechseln. Zudem kann zu jedem Zeitpunkt das Spiel pausiert werden, um dann live auf den Platz zu springen. Wir haben beispielsweise Partien simulieren lassen und sind nur bei Standards und Strafstößen eingestiegen. Das Feature verkürzt die Saison erheblich und erhöht zumindest in unserem Fall die Langzeitmotivation.

Das Herzstück von Fifa 21 heißt aber weiterhin Ultimate Team. Dem Modus mit den virtuellen Sammelkarten wurde einmal mehr viel Aufmerksamkeit geschenkt. Veteranen werden sich nicht nur über das aufgeräumte Interface sowie das Entfernen der Fitness-, Trainings- und Mitarbeiterkarten freuen. Ab sofort können Spieler auch ihr eigenes Stadion mit Dekorationen, Farben und Bannern schmücken. Die dafür benötigten Items werden in Packs gezogen. Besonders seltene oder schwer erreichbare Accessoires werden über Herausforderungen freigeschaltet. Diese dienen anderen Fifa-Spielern als prestigeträchtige Trophäen. Sehen und gesehen werden. Das funktioniert auch in der Sportsimulation.

Was wir grundsätzlich an Ultimate Team gut finden: Die Zeiten sind vorbei, in denen der Aufbau einer wettbewerbsfähigen Mannschaft künstlich erschwert wurde. Dank verschiedener Spielmodi und vielerlei Boni kann jeder ein gutes Team aufstellen - auch ohne hohes Zeit- oder Geldinvestment. Das gilt sicherlich nicht für den Aufbau von Mannschaften auf E-Sport-Niveau, für den durchschnittlichen Spieler reichen die regelmäßigen Belohnungen indes allemal. Dass die Abhängigkeit von Ingame-Transaktionen weniger stark ausgeprägt ist als früher, hängt mutmaßlich auch mit der Angst seitens EA vor der Justiz zusammen. In Belgien etwa hat der Spielehersteller seit 2019 den Verkauf seiner Ingame-Währung “Fifa Points” innerhalb der Spieleserie eingestellt. Vorangegangen war die staatliche Prüfung von Mikrotransaktionen in Videospielen wegen Verletzung gegen das Glücksspielgesetz. Solange der Eindruck erweckt wird, dass zusätzliche Echtgeld-Transaktionen nicht nötig für den Erfolg seien, gibt es auch keinen Druck seitens der Spielerschaft.

Fifa 21 hat gegenüber seinem Vorgänger nur kleine Verbesserungen parat. Ein großes neues Highlight bleibt in diesem Jahr aus. Logische Konsequenz mag man meinen. In Zeiten von Covid-19 sind abenteuerliche Features aus der Vergangenheit wie ein gänzlich neuer Storymodus oder die Straßenfußball-Romanze Volta-Football kaum umsetzbar. Dennoch: Sowohl die Grafik als auch die Inszenierung der Partien wurde nicht verbessert. Und das marginal veränderte Gameplay mit neuen Funktionen rechtfertigt wahrlich keinen Umstieg. Nur wer Stunden um Stunden im Karrieremodus oder Ultimate Team verbringt, sollte sich ernsthaft eine Anschaffung des Titels überlegen.