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"GTA V" durchgespielt: Die bitterböse Abrechnung

"GTA V" durchgespielt : Die bitterböse Abrechnung

Die halbe Welt scheint Grand Theft Auto V zu spielen. Die andere Hälfte wartet nur darauf, dass es wieder lieferbar ist. Mehr als eine Milliarde hat das Spiel bereits umgesetzt. Doch ist der Hype wirklich gerechtfertigt? Um es vorwegzunehmen: Ja!

Da sitzt man im Riesenrad und bewundert im Sonnenuntergang die Lichter der Großstadt Los Santos. Es ist ein atemberaubender Anblick und ein Moment der Ruhe, bevor man wieder in einem geklauten Auto jedes Tempolimit missachtet — auf der Flucht vor oder auf der Jagd nach irgendjemandem.

Willkommen in der GTA-Version von Los Angeles, das im Spiel Los Santos heißt — und doppelt so groß wie das echte Manhattan ist. Und es gibt viel zu sehen und zu entdecken in der virtuellen Stadt, die überaus lebendig wirkt.

Entwickler Rockstar hat dabei aus dem fünf Jahre alten Vorgänger GTA IV gelernt: Das Spiel hält sich dieses Mal nicht erst mit kleckern auf, sondern klotzt gleich von Anfang an — wenn es mit dem Banküberfall einer Verbrecherbande losgeht.

Michael ist einer jener Kriminellen, wird angeschossen, rettet sich über ein Zeugenschutzprogramm vor dem Gefängnis und befindet sich neun Jahre später in Los Santos mitten in der Midlife-Krise. Er führt dank der staatlichen Unterstützung zwar ein auf den ersten Blick angenehmes Leben. Seine Frau aber betrügt ihn fortwährend, seine Kinder verachten ihn.

Er selbst trauert der verlorenen Sportler-Karriere hinterher und fühlt sich leer, gelangweilt, bedeutungslos: ein Mann Mitte 40 auf der Suche nach einem Lebenssinn. Dann trifft Michael auf Franklin, einem der "Boyz 'n the Hood", der Jungs aus dem sozialschwachen Viertel, der von dem ganz großen Coup träumt. Einem, der ihm aus dem Ghetto bringt.

Und gemeinsam drehen sie auch die ganz großen Dinger, bei denen man die Wahl hat, wie man vorgehen möchte — brutal und mit der Brechstange oder clever und elegant. In beiden Fällen müssen die Raubzüge vorbereitet und Komplizen angeheuert werden. Wie gut die ihren Job erledigen, hängt davon, wie viel man ihnen von der Beute abgeben möchte: Top-Leute verlangen eben auch eine Top-Bezahlung.

Hollywood-Blockbuster sehen im Vergleich wie Kinderfilme aus

Jeder Raubzug verschafft Michael jenen Nervenkitzel, den er vermisst hat und mit dem er sich wieder lebendig fühlt. Dadurch aber trifft er auf Trevor, seinem alten Gang-Komplizen, der wenig von Körperhygiene hält und noch weniger von Gewaltfreiheit. Psychisch gestört, unsympathisch und cholerisch wirkt er wie der böse Bruder des Jokers aus Batman. Und gemeinsam hinterlassen die Drei eine Spur der Gewalt und Zerstörung in Los Santos.

Das ist die Welt von GTA V: Man begleitet drei Verbrecher, übernimmt im Spiel jeden von ihnen. Rockstar Games hat dabei ein Spiel geschaffen, das so abwechslungsreich und actionreich ist, dass es viele Hollywood-Blockbuster wie Kinderfilme aussehen lässt.

Recht schnell verfolgt man beispielsweise eine Jacht auf den Straßen der Stadt, lässt jemanden vom Mast in ein fahrendes Auto springen oder wirft Waffenlieferungen für ein Drogenkartell über dem Pazifik ab. Das Flugzeug kontrolliert man wie die Autos selbst, was aber bei der etwas schwammigen Steuerung manchmal schwierig ist.

Je nach Spielweise und der Menge der absolvierten Nebenmission, je nachdem, wie viel Zeit man in Hobbys wie Autorennen, Golf oder Tennis investiert, kann man schnell 60 Stunden und mehr in Los Santos verbringen. Und keine Minute davon ist langweilig. Das Einzige, was einen bisweilen verzweifeln lässt, ist der Schwierigkeitsgrad einiger Missionen. Wer aber dreimal scheitert, kann sie auch überspringen und erlebt sofort die Schlusssequenz.

Der Übergang von einer zur nächsten Haupt- oder Nebenmission, der Wechsel von einem Charakter zum anderen wirkt dabei niemals abrupt, sondern stets wie im Fluss. Das alleine würde GTA V in die Topriege der Computerspiele katapultieren. Doch es steckt noch mehr in Grand Theft Auto.

Die drei Charaktere wirken echt und sind komplex. Michael schleppt seine Probleme mit sich rum und nur sein gelangweilter Psycho-Therapeut hört ihm zu. Im Grunde beachtet er Michael aber genau so wenig wie seine Familie.

Franklins Traum vom großen Coup stößt auf Unverständnis bei seinen Ghetto-Freunden, die sich lieber im HipHop-Macho-Allüren beweisen — ohne jemals im Leben voranzukommen. Und Trevor entpuppt sich als rationaler und intelligenter als es zunächst scheint — wenn nur nicht seine ganze aufgestaute Wut wäre, die immer wieder durchbricht und überaus verstörend ist.

Brutale Inszenierung voller Gesellschaftskritik

Klar, Rockstar hat die Provokation und den Skandal angesichts der Brutalität einkalkuliert. Das alles ist sicher Masche, aber auch Teil der Gesellschaftskritik der Drehbuchautoren, die sie anders als beim Vorgänger nicht mehr subtil präsentieren, sondern mit dem Dampfhammer.

Alle drei Protagonisten reißen im oberflächlichen Los Santos nicht nur buchstäblich Fassaden ein. Das Spiel ist ein einziger böser und zynischer Kommentar auf eine Gesellschaft, die von Freiheit und Gerechtigkeit spricht, aber zu Folterexzessen im Regierungsauftrag fähig ist.

GTA V spart nicht mit Brutalität. Und es gibt Szenen, die tatsächlich nur schwer zu ertragen sind. Da bewegt sich das Spiel in Tradition der Filmemacher Quentin Tarantino und Robert Rodriguez. Doch niemals wird die Gewalt nur um des billigen Effekts willen eingesetzt.

Die Story ist ein Spiegel für eine Gesellschaft, die sich einen schönen Glamour-Schein aufgebaut hat, um nicht mehr hinsehen zu müssen. Dahinter aber sieht die Welt hässlich aus, ist sie grausam, gemein, amoralisch — und scheinbar verloren. Wenn da nicht Michael, Franklin und Trevor wären, die am Ende wie Musketiere füreinander einstehen und sich gegen das verlogene System stemmen. Sie stellen sich mit ihren eigenen Werten gegen die verkommene Gesellschaft. Damit aber hat GTA V eine zutiefst moralische Botschaft.

Wertung

Grafik 9,0 von 10


+ Los Santos und Umgebung sind wunderschön in Szene gesetzt

+ großartige Charakteranimationen

- manchmal Ruckler und aufpoppende Texturen

Sound 10 von 10

+ gelungener Soundtrack

+ GTA-typische Radiostationen mit Pop-, Rock- und HipHop-Hits oder -Klassikern

+ gute, passende Sound-Effekte

+ erstklassige US-Sprecher, gute deutsche Untertitel

Gameplay 9,5 von 10

+ intuitive Steuerung

+ gutes Deckungssystem

+ viele abwechslungsreiche, sehr gut inszenierte Missionen

- bisweilen sehr schwierige Missionen

- Kontrolle der Autos und Flugzeuge etwas schwammig

Story 10 von 10

+ bitterböse Gesellschaftskritik

+ spannend und erstklassig erzählt

+ kompromisslose Inszenierung (zurecht erst Freigabe ab 18!)

Gesamtwertung 9,8 von 10

Hier geht es zur Bilderstrecke: "GTA 5" - Screenshots aus dem neuen Spielehit

(jov)