“Atlas Fallen“ im Test Kommt der nächste Rollenspiel-Hit aus Deutschland?

Düsseldorf · Entwicklerstudios aus Deutschland haben seit dem Debakel um „Der Herr der Ringe: Gollum“ nicht den besten Ruf. Daran will Deck13 aus Frankfurt etwas ändern. Kann „Atlas Fallen“ deutschen Rollenspielen zu neuem Glanz verhelfen? Wir kennen die Antwort.

 “Atlas Fallen“ entführt den Spieler in eine Fantasy-Welt, die von zornigen Göttern, Dunkelheit und endlosen Sandwüstet geprägt ist.

“Atlas Fallen“ entführt den Spieler in eine Fantasy-Welt, die von zornigen Göttern, Dunkelheit und endlosen Sandwüstet geprägt ist.

Foto: Deck 13 / Plaion

Der Videospielstandort Deutschland ist in Verruf geraten. Nachdem „Der Herr der Ringe: Gollum“ mit einem Metascore von 34 abgestraft und von der Community zerrissen wurde, müssen deutsche Entwickler dringend nachlegen. Das Frankfurter Studio Deck13 wagt den ersten Schritt und veröffentlicht mit „Atlas Fallen“ ein klassisches Action-Rollenspiel, das mit innovativen Bewegungselementen punkten will. Damit kann man erst mal nicht viel falsch machen. Oder doch? Wir haben das RPG gründlich. unter die Lupe genommen.

Von dunklen Göttern und Wüstenstürmen

Die Geschichte von „Atlas Fallen“ haut einen in den ersten Spielstunden nicht unbedingt vom Hocker. Namenloser Held trifft auf alten Gott und bekommt Unterstützung von einem sprechenden Handschuh. Das klingt nicht sonderlich originell und ist auch nicht wirklich neu. Schon das Fantasy-Rollenspiel „Forspoken“, das im Januar 2023 veröffentlicht wurde, setzte auf ein sprechendes Schmuckstück. Glücklicherweise ist der Handschuh, der uns im RPG von Deck13 begleitet, nicht ganz so nervig wie sein Gegenstück von Square Enix. Die Betonung liegt jedoch auf „nicht ganz“...

 Das mysteriöse Wesen Nyall stattet unsere namenlose Heldin zu Beginn des Spiels mit mächtigen Fähigkeiten aus.

Das mysteriöse Wesen Nyall stattet unsere namenlose Heldin zu Beginn des Spiels mit mächtigen Fähigkeiten aus.

Foto: Deck 13

Zurück zur Geschichte: Im Vorspann erfahren vom dunklen Gott Thelos, der alle Essenz an sich gerissen hat. Nachdem sich die Sonne über der Spielwelt verdunkelt hat, erwachen wir im Körper eines namenlosen Helden. Um uns herum bedrohen fiese Monster - Phantome genannt - die Bevölkerung. Auch wir wären ihnen schutzlos ausgeliefert, wäre da nicht die Begegnung mit dem magischen Handschuh Nyall. Er verwandelt sich nicht nur in eine mächtige Nahkampfwaffe, sondern verleiht uns auch die Fähigkeit, Sand zu manipulieren.

Rollenspiel mit Abstrichen

Bevor wir an der Seite von Nyall in den Kampf ziehen, dürfen wir unseren Charakter optisch anpassen. Der Editor ist umfangreich und bietet ausreichend Möglichkeiten, seinen ganz persönlichen Helden zu erschaffen. Frisur, Haarfarbe und Gesichtszüge lassen sich individuell einstellen. Für begeisterte Rollenspiel-Fans ein klarer Pluspunkt. Leider fällt schon an dieser Stelle auf, dass die Gesichter im Spiel nicht sehr detailliert gestaltet wurden. Aber dazu später mehr.

Der Charakter-Editor ist solide und erlaubt zahlreiche Anpassungen an Gesicht, Frisur und Stimme des Helden.

Der Charakter-Editor ist solide und erlaubt zahlreiche Anpassungen an Gesicht, Frisur und Stimme des Helden.

Foto: Deck 13

Nachdem wir uns durch ein kurzes Tutorial gekämpft haben, starten wir im ersten Gebiet des Spiels. Und stellen begeistert fest, dass es in Gesprächen mit den NPCs häufig mehrere Antwort-Optionen gibt. Wer jetzt aber an Rollenspiel-Klassiker wie „Mass Effect“ oder „Dragon Age“ denkt, wird schnell enttäuscht. Was und in welcher Reihenfolge wir antworten, hat so gut wie keinen Einfluss auf die Handlung. Und so klicken wir uns irgendwann nur noch lustlos durch die Dialoge. Gut gefallen haben uns hingegen die professionellen Synchronsprecher der Hauptcharaktere. Wusstet Ihr beispielsweise, dass Nyall von Edward Nortons deutscher Synchronstimme gesprochen wird?

Schnetzeln mit Stil

Das Kampfsystem von „Atlas Fallen“ ist relativ übersichtlich. Standardattacken nutzen wir auf der PlayStation 5 mit Quadrat und Dreieck, für Spezialangriffe nehmen wir die Schultertasten dazu. Auch das Springen und Sprinten ist schnell erklärt und fühlt sich intuitiv an. Stellenweise erinnern uns die Kämpfe an Action-Adventures wie „Devil May Cry“ und weniger an klassische Rollenspiele. Im Gegensatz zur Capcom-Reihe fehlt es „Atlas Fallen“ aber leider an Dynamik. Die Bewegungen unseres Helden wirken steif und hölzern und so geraten wir in den ersten Spielstunden häufiger in brenzlige Situationen.

 Das Kampfsystem basiert auf der Momentum-Leiste, die mit jedem Angriff wächst und uns mehr Angriffskraft verleiht.

Das Kampfsystem basiert auf der Momentum-Leiste, die mit jedem Angriff wächst und uns mehr Angriffskraft verleiht.

Foto: Deck 13

Das Momentum-System ermöglicht uns, mit jedem Angriff Energie zu sammeln und unsere Attacken so zu verstärken. Allerdings werden unsere Gegner dabei ebenfalls stärker. Und so müssen wir uns immer wieder überlegen, wie wir mit unserer Energie haushalten. Glücklicherweise verleihen uns die aufgeladenen Attacken nicht nur mehr Angriffskraft, sondern auch größere Reichweite. Das macht das Kampfgeschehen deutlich entspannter.

Dank der Essenzsteine, die wir bei Gegnern finden können, lässt sich unsere Held weiter verstärken. Je nach Spielstil können wir mit ihnen unsere Angriffsstärke oder Verteidigung erhöhen. Wenn die Momentum-Leiste anwächst, aktivieren sich die Verstärkungen automatisch. Das ist nicht nur angenehm, sondern auch dringend nötig. Denn oft ist das Kampfgeschehen chaotisch und die hektische Kameraführung trägt dazu bei, dass wir immer mal wieder die Übersicht verlieren.

Das Sandgleiten gehört zu den besten und spaßigsten Elementen des Spiels.

Das Sandgleiten gehört zu den besten und spaßigsten Elementen des Spiels.

Foto: Deck 13

Everybody‘d be surfin‘

Kommen wir zur großen Stärke von „Atlas Fallen“. Was den Kämpfen an Dynamik fehlt, macht das Sandgleiten wieder wett. In allen Bereichen des Spiels können wir uns damit blitzschnell über den Sand bewegen und so lange Strecken entspannt zurücklegen. Selbst in Höhlen und geschlossenen Bereichen lässt sich das Sandgleiten aktivieren. Das macht nicht nur Spaß, sondern bietet auch eine kreative Alternative zu Reittieren oder der klassischen Schnellreise.

Auch im Kampf können wir unsere Macht über den Sand nutzen. Wenn unsere Gegner rot leuchten, setzen sie ihre Spezialfähigkeiten ein. Das ist der perfekte Zeitpunkt, um den Sandschild zu aktivieren. Im Laufe des Spiels erhalten wir außerdem weitere Fähigkeiten, die es uns erlauben, die Umgebung zu unserem Vorteil zu nutzen. So erklimmen wir beispielsweise versteckte Bereiche, indem wir mit dem Sand Plattformen bewegen oder per Luftsprint Schluchten überwinden.

Die Spielwelt ist riesig und lässt sich dank des Sandgleitens schnell erkunden. Leider gibt es dort wenig zu entdecken.

Die Spielwelt ist riesig und lässt sich dank des Sandgleitens schnell erkunden. Leider gibt es dort wenig zu entdecken.

Foto: Deck 13

Unendliche (und menschenleere) Weiten

Die Spielwelt von „Atlas Fallen“ sieht wunderschön aus, ist aber weitestgehend verlassen. Zwar macht es Spaß, durch die riesigen Wüsten zu gleiten, aber es gibt wenig Anreiz für Zwischenhalte. Hier und da sammeln wir unterwegs Kristalle und Pflanzen ein, aber ansonsten ist in der riesigen Welt nichts los. NPCs treffen wir nur selten und neben versteckten Artefakten gibt es wenig zu entdecken. Dabei bietet die riesige Weltkarte durchaus Potenzial für mehr. Also warum nicht mehr Höhlen, versteckte Lager und optionale Bosse einbauen?

Auch die Optik unseres Helden und der Nebencharaktere lässt zu wünschen übrig. Die Bewegungen sehen hölzern und unrealistisch aus, Sprünge dauern überraschend lange und die Mimik der NPCs wirkt unbeholfen. Rüstungen und Gesichter erinnern uns an PlayStation 3-Klassiker wie „Dragon Age“. Und so sehr wir die BioWare-Reihe auch lieben - das ist kein Kompliment.

Die Landschaften in „Atlas Fallen“ sind optisch sehr gut gelungen. Leider wirken die Charaktermodelle steif und wenig detailliert.

Die Landschaften in „Atlas Fallen“ sind optisch sehr gut gelungen. Leider wirken die Charaktermodelle steif und wenig detailliert.

Foto: Deck 13

Fazit

„Atlas Fallen“ ist ein solides Fantasy-Rollenspiel. Als Projekt eines kleinen Entwicklerstudios sollte es auf keinen Fall mit Genre-Größen wie „Elden Ring“ oder „Baldur’s Gate“ verglichen werden. Das Sandgleiten macht Spaß und verleiht dem Spiel einen besonderen Charme. Dennoch hat uns die hölzerne Grafik enttäuscht und auch von der Spielwelt hätten wir mehr erwartet. Wer auf epochale Fantasy-Rollenspiele und Hochglanz steht, wird hier nicht fündig. Für den kurzweiligen Zeitvertreib ist „Atlas Fallen“ mit 15-20 Stunden Spielzeit aber wunderbar geeignet.

„Atlas Fallen“ erscheint am 10. August für PlayStation 5, Xbox Series und PC. Hier geht es zum offiziellen Trailer.

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