Ubisoft verleiht Watch Dogs mit Legion neuen Glanz

Preview : Watch Dogs Legion: Rebellen im Post-Brexit-Chaos

Die Watch-Dogs-Reihe startete als Alternative zu „Assassin’s Creed“ mit einem modernen statt historischen Setting. Bislang litten die Titel aber unter mangelndem Tiefgang. Der dritte Versuch mit Legions könnte das im nächsten Jahr endlich ändern.

Hallo London, alles klar nach dem Brexit? Das werden wir in der realen Welt erst in ein paar Monaten oder Jahren wissen. In der virtuellen Welt aber gibt der französische Konzern Ubisoft darauf eine Antwort. Mit „Watch Dogs Legion“. Das spielt in der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs. Jahre nach dem Ausstieg aus der Europäischen Union. Und London hat sich nicht zum Positiven entwickelt. Die Regierung will dem Post-Brexit-Chaos mit ständiger Kontrolle und Überwachung Herr werden. So ganz scheinen Konzerne dem indes nicht zu trauen: Sie haben zusätzlich private Sicherheitsdienste engagiert. Und die sind auch dringend notwendig. Denn unter der Oberfläche Londons haben Banden ihr kriminelles Netzwerk ausgebaut. Auf den ersten Blick scheint sich in der britischen Hauptstadt kaum etwas geändert zu haben. Auf den zweiten aber hat man sich weit von einer freien, weltoffenen Stadt entfernt. Jeder lebt sein Leben und will nur nicht auffallen unter der ständigen Beobachtung von Kameras, Drohnen, Sicherheitsleuten oder Verbrechern. Die Bewohner der Stadt sind zu Gefangenen des Post-Brexit-Systems geworden. Auch wenn der französische Konzern Ubisoft nach eigener Aussage keine politischen Spiele veröffentlicht: Die Botschaft ist recht eindeutig.

Als Spieler bewegt man sich Jahre nach dem EU-Ausstieg durch die europäische Metropole, die zu ersten Mal in einem Watch-Dogs-Spiel sich so lebendig und echt anfühlt wie in den Assassin’s-Creed-Titeln. Bei der Gamescom und bei einem Event des Grafikkarten-Herstellers Nvidia hatten wir die Gelegenheit, Watch Dogs Legion anzuspielen – das erst am 6. März 2020 erscheint. Und nach einigen Minuten wird klar: Es gibt nun endlich ein größeres Ziel, auf das man hin arbeitet. Im ersten Teil stand im Prinzip nur Rache im Mittelpunkt, das zweite Spiel wollte einfach unterhalten und wirkte so tiefgründig wie eine Sitcom. In "Legion" aber geht es gleich Mal um alles: Freiheit, das Ende der Überwachung und eine Rebellion. Denn die möchte man in in London anzetteln. Als das Hacker-Kollektiv „DedSec“, das bereits in den beiden Vorgängern etabliert und nun deutlich politisiert worden ist.

Am Prinzip der Reihe hat sich indes zunächst nichts geändert: Man hackt Smartphones und Datenbanken, um etwas über die Menschen um einen herum zu erfahren. Das indes dient nicht mehr nur einem schrägen voyeuristischen Zweck: Denn nun geht es neben den persönlichen Infos vor allem darum, wie sehr jemand „DedSec“ zu- oder abgeneigt ist – und ob man etwas tun kann, um sie noch mehr von den eigenen Zielen zu überzeugen. In unsere Anspielsession trafen wir so auf Personen, die erpresst werden. Löst man dieses Problem, sind sie sehr viel eher bereit, sich uns anzuschließen. In einem anderen Fall machte sich jemand Sorgen, über peinliches, kompromittierendes Daten-Material. Löscht man das auf einem gesicherten Server, lässt sie sich für die eigenen Ziele gewinnen und vom Spieler übernehmen.

In unseren Sessions haben wir eine Polizeiwache überfallen. Mit einem mehr als 70 Jahre alten Ex-Soldaten, der Rückenprobleme hat. Tatsächlich kann er sich nur langsam und gebeugt bewegen, aber dafür ist er immer noch geschickt im Umgang mit Waffen. Das heißt: wenn man ihn vor Feuergefechten rechtzeitig in Deckung gebracht hat. Und ja, es sieht so skurril aus, wie es klingt. Da zeigt sich indes noch eine Mechanik: Wer zu viele Figuren im Spiel tötet, wird mit der Zeit Probleme haben, neue Rekruten zu gewinnen. Die Bewohner Londons reagieren wie echte Menschen: Wenn der Widerstand ihre Verwandten tötet, sind sie nicht bereit, sich „DedSec“ anzuschließen.

Grundsätzlich gibt es drei Grundtypen, die man rekrutieren kann: Hacker, die sich - wenig überraschend - in Systeme hacken. Infiltrator, die sich versteckt durch Gefahrenzonen schleichen und zur Ablenkung von Wachen nutzen, was sie finden. Und die Enforcer, die auf Waffen setzen und Probleme mit Gewalt lösen. Jeder dieser drei Klassen sind zwar viele unterschiedliche Perks zugeordnet. Doch jedem Charakter im Spiel steht davon nur eine begrenze Auswahl zur Verfügung. Man muss darum diverse Spezialisten rekrutieren, die unterschiedliche Fähigkeiten haben und die man je nach Mission oder Spielweise einsetzt.

Keine der Figuren ist vermutlich sonderlich tiefgründig ausgearbeitet. Das ist auch nicht schlimm, weil weder Aidan Pearce noch Marcus Holloway aus den vorherigen Teilen einen besonderen Eindruck hinterlassen haben. Dafür stehen einem nun fast alle Bewohner London zur Verfügung, um den Kampf gegen das System aufzunehmen. Und vermutlich wächst einem die eine oder andere Figur mit der Zeit auch ein wenig ans Herz, die man über Kleidung und Masken personalisieren kann. Doch zu sehr sollte man nicht an ihnen hängen: Wenn sie im Spiel sterben, gibt es keinen Restart. Dann sind sie wie beim Strategie-Klassiker „XCOM“ tot und verschwinden aus Legion. Egal, wie viel Zeit man in sie investiert hat. Ihre Aufgabe muss dann ein anderer Rekrut übernehmen. Allerdings können sie sich auch ergeben und im Gefängnis landen. Für eine recht lange Spielzeit. Es sei denn: Man rekrutiert einen Strafverteidiger, der die Freilassung beschleunigt. Oder man erobert die Haftanstalt. Das war zumindest die Aussage eines Entwicklers.

Ubisoft übernimmt so die spielerische Freiheit aus den Vorgänger-Teilen, die aber nun endlich ein Ziel hat. Bislang wusste man nicht genau, was man eigentlich in der virtuellen Chicago oder San Francisco anfangen sollte. Das ist nun anders. Die beiden Städte wirkten zudem nicht lebendig. Das virtuelle London ist da ganz anders. Zumal die Stadt wunderschön in Szene gesetzt wurde. Erst recht mit zusätzlichem Ray Tracing auf dem PC. Davon konnten wir uns beim Nvidia-Event überzeugen. Ubisoft hat die Fehler der ersten beiden Teile erkannt. Das Setting, die Aufgabe, die Möglichkeiten, der Look von Legion: Das alles überzeugt bislang. Und je nach Charakter und Typ spielt es sich tatsächlich in den 20 und 60 Minuten langen Sessions anders. Die Frage ist nun, wie abwechslungsreich das Spiel auf Dauer ist und wie unterschiedlich die Figuren sind. Es wäre schade, wenn man nach nur zehn Stunden bereits alles gesehen hätte.

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