Strategiespiel um die Auflehnung gegen Adolf Hitler

„Through the Darkest of Times“ : In diesem Spiel kämpfen Sie gegen die Nazis

Zwei Berliner Entwickler arbeiten an einer Simulation des Widerstands gegen das Nazi-Regime. Erstmals in Deutschland werden in ihrem Spiel Hakenkreuze zu sehen sein, doch darauf wollen sie sich nicht reduzieren lassen. Zu Recht. Denn in ihrem Spiel geht es um das Bewahren von Menschlichkeit in finsteren Zeiten.

Die Grafik ist gemessen an Toptiteln in der Spielwelt eher zurückgenommen, dafür aber auch sehr eindringlich. „Through the Darkest of Times“ (Durch die dunkelste aller Zeiten) nimmt sich selbst zurück und lässt dafür auch Illustrationen sprechen – angelehnt an Fotografien aus jener Zeit, als die Nazis Deutschland beherrschten. Hinter dem Strategiespiel oder der Simulation – je nachdem, wie man es sehen möchte – stehen Jörg Friedrich (42) und Sebastian Schulz (46). Mit „Ihr seid durch die Hakenkreuz-Debatte jetzt sehr bekannt geworden...“, beginnt das Gespräch. Sebastian Schulz atmet tief durch. „Zum einen freut uns diese plötzliche Popularität, ja“, sagt er. „Aber wir sind kein ‚Hakenkreuz-Spiel’, sondern ein Spiel mit dem Hakenkreuz.“

Dieses Symbol der Nationalsozialisten ist in Deutschland verboten. Ausnahmen gibt es nur für Bildungszwecke oder für Kunstgüter: In bestimmten Filmen oder Serien darf es darum gezeigt werden. Für Computerspiele aber galt das nicht. Bis jetzt. Erstmals hat die Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle USK eine Ausnahme erlaubt. Für „Through the Darkest of Times“, das damit als Spiel auf einer Ebene steht mit anderen Kunstformen – auch weil es eben mehr als bloße Unterhaltung ist.

Und worum geht es? Es beginnt mit der Machtergreifung Hitlers 1933. Der Spieler übernimmt die Rolle eines Menschen, der sich auflehnt und versucht andere für den Widerstand zu gewinnen. Das heißt: Es müssen im Spiel schwere Entscheidungen getroffen werden. Was mache ich gegen das Regime? Wie weit kann ich gehen, ohne verhaftet oder hingerichtet zu werden? Wem kann ich vertrauen? Welche Möglichkeiten bieten mir meine Kontakte? Und habe ich das Recht, sie für ein höheres Ziel in Gefahr zu bringen?

Mit der Zeit wird das Spiel schwieriger, weil die Machtstrukturen der Nazis sich etablieren. Gleichzeitig wird die Widerstandsgruppe größer. Nur wie hält man die Moral aufrecht, wenn der Gegner übermächtig scheint? Und wie bringt man unterschiedliche Meinungen unter einen Hut? Die einen wollen maximal verdeckt den Widerstand unterstützen. Andere setzen auf eine sehr viel aggressivere Vorgehensweise. Diese Dynamik und diese Konflikte in einer heterogenen Gruppe zu simulieren – das war die Grundidee für „Through the Darkest of Times“, erklärt Jörg Friedrich. Der Spiele-Entwickler, der bereits an diversen Großproduktionen und Toptiteln beteiligt war, hatte dazu ein Konzept entworfen. „Aber das war noch in keiner Ära angesiedelt oder hatte eine politische Dimension. Es steckte alles noch in den Anfängen.“

Doch dann passierten einige Dinge rund um den Jahreswechsel auf 2017: Donald Trump wurde trotz, wenn nicht gar wegen fremdenfeindlicher und rassistischer Aussagen zum US-Präsidenten gewählt, die AfD war in Deutschland im Aufwind, in Frankreich drohte die rechtspopulistische Front National mit Marine Le Pen die nächste Präsidentin zu stellen. „Was ist auf einmal los und in welchen Zustand ist unsere Welt?“, fragte sich Friedrich. Und da kam ihm die Idee, sein Konzept in der Zeit der Nazi-Diktatur anzusiedeln und zivilen Widerstand gegen Faschisten zum Thema zu machen.

Soll man das Schild beachten? Oder soll man sich öffentlich widersetzen? Solche Fragen spielen eine Rolle in dem Spiel. Der Screenshot zeigt noch kein Hakenkreuz. Foto: Paintbucket Games

„Wenn Spiele ein Kulturgut sind, wenn sie ein mächtiges, einflussreiches, erzählerisches Medium des 21 Jahrhunderts sind, das viele Millionen quer durch alle Altersgruppen erreicht, dann können sie auch etwas bewirken“, sagt Friedrich. „Das klingt jetzt vielleicht etwas hochtrabend“, gibt er zwar selbst zu. Aber „Through the Darkest of Times“ ist tatsächlich auch ein Statement zur Lage der Welt und will zeigen, dass man sich dem Hass und dem Bösem nicht ergeben muss – sondern sich immer für Menschlichkeit einsetzen kann. Gleichzeitig will es aber auch aufklären: In vielen anderen Spielen, die im Zweiten Weltkrieg angesiedelt sind, „werden die Nazis nur als eine Fraktion, eine Gegnergruppe dargestellt, die man besiegen muss“. Und wenn sie besonders starke Feinde sein sollen, „sind es SS-Truppen, die so zum Teil auch schon fast heroisiert werden“.

Was aber oft fehle, sei eine Einordnung und Erklärung, für welche menschenverachtende Ideologie das Hakenkreuz und die Buchstaben „SS“ standen. Sie sind Symbole für Rassismus, Diktatur, Unterdrückung, Folter, Konzentrationslager, Gaskammern, brutale Zwangsarbeit und einen Krieg, der viele Millionen Menschenleben kostete.

Als Friedrich den Entschluss fasste, den Widerstand gegen die Nazis im Spiel zu thematisieren, sprach er den Grafikdesigner Sebastian Schulz an, mit dem er bereits an mehreren Großprojekten gearbeitet hatte. „Wir kannten uns und Jörg fragte mich eigentlich nur nach Ideen und meiner Meinung‘“, sagt Schulz. „Und ich habe fast sofort gesagt, dass ich da mitmache.“ So ist aus den beiden unter den Namen „Paintbucket Games“ ein Team geworden, das recht schnell erkannt hat, dass ihr Spiel noch eine andere Aussage hat. „Wir reden über die Hitler und die Nazis oft so, als ob die vom Himmel gefallen und plötzlich da waren.“ Das macht sie wütend. „Wenn man davon spricht, dass da plötzlich eine Diktatur war, nimmt man alle aus der Verantwortung“, sagen beide. „’Da konnte ja niemand etwas machen, das war dann so.’ Unausweichlich.“ Mit ihrem Spiel wollen sie zeigen, wie sich Deutschland nach 1933 verändert hat und dass es durchaus Wege gab, Widerstand zu leisten.

Stand jetzt endet „Through the Darkest of Times“ zwangsläufig im Mai 1945 mit der Kapitulation des Deutschen Reichs. Der Erfolg des Spielers ist es, tatsächlich die ganzen Jahre über verdeckt Widerstand geleistet zu haben, ohne verhaftet worden zu sein. Bei Diskussionen mit Historikern kam dann aber eine andere Frage auf: Warum muss das Spiel erst dann enden? Schnell kamen Gedankenspiele auf, was alles und zu welchen Zeitpunkt zum Sturz Hitlers hätten führen können. „Wir wissen noch nicht genau, wie wir das einbauen werden“, gibt Friedrich zwar zu.

„Aber geschickte und sehr gute Spieler sollen damit belohnt werden, dass sie die Geschichte verändern. Sie sollen Adolf Hitler und die Nazis aufhalten.“ Das würde das Spiel auch authentischer machen. Die Geschichte sei nur in der Rückschau etwas Festgefügtes. „Die Menschen, die in jener Zeit lebten, konnten aber nicht wissen, was morgen passiert und wie lange Hitler an der Macht sein wird. Sie hatten Hoffnung.“ Und das soll auch das Spiel transportieren.

Fertig ist das indes noch nicht. Die Entwickler rechnen damit, dass sie noch etwa ein Jahr brauchen werden. „Wir sind nur ein Zwei-Mann-Team, das ab und an Freischaffende engagiert“, sagt Schulz. Und erst seit drei Monaten arbeiten die beiden tatsächlich in Vollzeit an dem Spiel. „Davor haben wir das in unserer Freizeit neben unseren eigentlichen Berufen gemacht.“ So haben sie aber zumindest einen Prototypen fertiggestellt, der vergangenes Jahr die Medienförderung Berlin Brandenburg überzeugt hat: „Through the Darkest of Times“ wird mit einem Darlehen in Höhe von 70.000 Euro unterstützt. „Sonst könnten wir uns nicht in Vollzeit auf unser Studio Paintbucket Games und das Spiel konzentrieren.“ Allerdings hat es auch einen Haken: Die beiden Entwickler müssen auch einen Eigenanteil in Höhe von mehreren zehntausend Euro aufbringen. Weil die aber keiner von beiden hat, gehen sie einen anderen Weg. „Wir zahlen uns selbst meist kein, und nur wenn es nicht anders geht ein minimales Gehalt. Ansonsten greifen wir auf unsere Reserven zurück.“

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