Gamescom 2018 in Köln: Ist Deutschland ein Entwicklungs- oder ein Entwicklerland?

Gamescom 2018 : Ist Deutschland ein Entwicklungs- oder ein Entwicklerland?

Deutschland ist ein Entwicklungsland. Zumindest wenn es um Computerspiele geht. Die Bundesregierung will nun prinzipiell Fördergelder bereitstellen. Aber wie das genau aussehen soll, steht noch nicht fest. Entwickler hoffen auf eine Stellungnahme zur Spielemesse Gamescom in Köln, die am 21. August eröffnet wird.

Es ist erfolgreicher als jeder Film im Kino und verkauft sich fünf Jahre nach der Veröffentlichung wie geschnitten Brot: das Computerspiel „Grand Theft Auto V“, in dem man in die Rolle von drei Verbrechern schlüpft. Weit mehr als fünf Milliarden Euro Umsatz hat das Entwickler-Studio „Rockstar Games“ seit 2013 damit generiert. Aber „Rockstar Games“ hat seinen Hauptsitz in New York, USA. Und das ist kein Einzelfall: Die erfolgreichsten Computerspiele weltweit kommen jedes Jahr aus den Vereinigten Staaten, Japan, Kanada, aber auch aus Großbritannien oder dem Nachbarland Frankreich. Weltweite Erfolge aus Deutschland sind dagegen rar gesät. Und das, obwohl der Umsatz hierzulande mit Computerspielen (ohne Hardware) nach Angaben des Branchenverbandes „Game“ 2017 erneut gewachsen ist – um 10,4 Prozent gegenüber 2016 auf 2,22 Milliarden Euro.

Der Markt ist also da, aber das ist auch ein Teil des Problems. Jedes Jahr liegt Deutschland beim Umsatz mit Computerspielen unter den vorderen fünf Plätzen. Und das verführt dazu, sich nur auf den heimischen Markt zu konzentrieren oder Nischen zu besetzen. Dabei gibt es Erfolgsgeschichten: die komplexen Bus- und Landwirtschafts-Simulationen von Astragon in Mönchengladbach, die Rollenspiele von „Piranha Bytes“ in Essen oder „Deck13“ in Frankfurt am Main sowie die aufwendigen Strategie- und Aufbau-Spielen wie die Anno- oder Siedler-Reihe von Ubisoft Blue Byte. Was fehlt also zum weltweiten Erfolg?

„Es gibt gute Leute in Deutschland und aus meiner Erfahrung heraus kommen auch exzellente Leute aus dem Ausland gerne zu uns“, sagt Benedikt Grindel, Studioleiter des deutschen Entwicklers Ubisoft Blue Byte mit Sitz in Düsseldorf – das zum französischen Spiele-Unternehmen Ubisoft gehört. „Und es gibt viele gute Ideen.“ Woran es mangelt, ist etwas, was andere Länder bereits vorgemacht haben. Seit Jahrzehnten gibt es beispielsweise in Kanada massive Steuervergünstigungen bei Lohnkosten für Spiele-Entwickler. Im Nachbarland Frankreich gibt es ein spezielles Förderprogramm. Eine Erhebung dort kam zum Schluss, dass mit jedem Euro an staatlichen Zuschüssen zusätzliche 1,80 Euro an Steuern sowie acht Euro an Investitionen generiert wird.

Benedikt Grindel ist Studioleiter bei Ubisoft Blue Byte. Foto: Ubisoft Blue Byte

„Wenn es sich nicht auszahlen würde, gäbe es diese Programme nicht in den anderen Ländern“, sagt Grindel. Tatsächlich kommen aus Kanada und Frankreich jedes Jahr audiovisuell umwerfende Spiele-Produktionen, die zu Verkaufsrennern werden – und die den Spieleumsatz auch bei uns antreiben: bereits im ersten Halbjahr 2018 um 17 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro. Nur dass Deutschland davon nicht profitiert, sondern Entwickler in anderen Ländern. Trotz steigender Umsätze ist laut dem Branchenverband „Game“ der Marktanteil deutscher Spiele von 6,4 Prozent (2016) auf 5,4 Prozent im Jahr 2017 gesunken. Das spiegelt sich auch in Beschäftigungszahlen wieder: Im Mai dieses Jahres waren hierzulande 11.705 Angestellte bei 524 Unternehmen mit der Entwicklung und dem Vertrieb von Computer- und Videospielen beschäftigt: mehr als im Jahr zuvor, aber deutlich weniger als 2015 (12.726) und 2016 (12.839).

Um dem entgegenzuwirken, ist für Grindel und dem Branchenverband „Game“ klar: Auch in Deutschland muss es eine Förderung geben. Dem Verband schwebt ein „Deutscher Game-Fonds“ vor, der zunächst mit 50 Millionen Euro jährlich im Förder-Topf starten soll. Damit sollen Spiele-Prototypen, aber auch ganze Produktionen unterstützt werden – in einem abgestuften Verfahren: Je höher die Entwicklungskosten, desto geringer der Zuschuss. So möchte man auch große Studios unterstützen, aber vor allem kleine Teams fördern. Denn es müssen nicht immer „Blockbuster“ sein, die den weltweiten Erfolg bedeuten. Manchmal sind es Spiele unabhängiger, kleiner Studios, die mit Witz und neuen Ideen weltweit begeistern können. Und Programmierer sollen nicht Haus und Hof verpfänden müssen, um ihre Vorstellungen umzusetzen. „Solche Geschichten kenne ich leider auch“, sagt Grindel. Ein Förderprogramm könne das verhindern und so Innovationen vorantreiben.

Die Bundesregierung scheint das Problem erkannt zu haben. Zumindest wurde im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD festgeschrieben, dass es eine Game-Förderung auf Bundesebene geben soll. Und die soll „zeitnah“ kommen, kündigte die Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) noch im Juni in Berlin an. Ob es sich dabei um das favorisierte Konzept des Branchenverbandes handeln wird oder ein anderes Modell zum Tragen kommt, blieb indes vage.

Benedikt Grindel bleibt dennoch vorsichtig optimistisch. Es habe sich viel getan in den vergangenen Jahren: Statt Spiele zu kritisieren, denke man über Unterstützung nach. Über die Film- und Medienstiftung gebe es in NRW schon jetzt Möglichkeiten für Spiele-Entwickler. Die Landesregierung unterstütze das Mediennetzwerk, über das große und kleine Studios oder Programmierer sich finden oder austauschen können. Und mit einer Förderung „können weltweit erfolgreiche Titel in ein paar Jahren auch aus Deutschland kommen“, glaubt Grindel. Schließlich „müssen wir bei jährlich wachsenden Umsätzen nicht mit anderen Ländern konkurrieren. Wir können von der Entwicklung profitieren“.

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