Death Stranding: Ist Hideo Kojima tatsächlich genial

Gamescom 2019 : Death Stranding: Gestrandet an wirren Gestaden

Der japanische Spiele-Entwickler Hideo Kojima wurde bei der Gamescom für sein neues Spiel „Death Stranding“ in den Himmel gelobt und mit Applaus gefeiert. Wenn man das aber Gezeigte nüchtern betrachtet, weiß man nicht so genau, was man davon halten soll.

Endlich gab es Eindrücke zum Gameplay von Death Stranding. Und es beginnt damit, dass Sam „Porter“ Bridges (Norman Reedus) aufwacht – und sich erst einmal erleichtert. Gelächter im Publikum, alle feiern es. Aber sehr viel als das sieht man am Ende dann nicht: Porter geht über eine Wiese, fährt eine Leiter aus und klettert auf eine Anhöhe. Das kennt man aus Trailern. Später dann fällt er über einen Abhang. Sein wenig kreativ genanntes „Bridge Baby“ weint. Und mit der Hilfe der integrierten Bewegungssensoren im Dualshock-Controller der Playstation muss man das Kind wiegen und beruhigen. Der Saal explodiert vor Begeisterung.

Was genau haben wir da gesehen? Und was daran muss so frenetisch gefeiert werden? Wenn ein unbekannter Entwickler da gestanden und das gezeigt hätte, wäre er so euphorisch empfangen worden? Oder hätte ihn kopfschüttelnd gefragt, ob das ernst gemeint sei?

Es hängt viel an den Namen Hideo Kojima, der durch die Metal-Gear-Reihe groß geworden ist. Und mit ihm wurden viele Spieler erwachsen, die Games dank Kojima als etwas anderes erlebt haben als nur simple Reaktionstests oder Klischee beladene Stories. „Metal Gear“ besticht durch seine Fantasie, die Inszenierung, die Komplexität. Aber vor allem auch durch seine Unverständlichkeit und teils absurden Gameplay-Elemente. Ja, wir schauen dich an Pappkarton und nackter Raiden. Die Verehrung wird getragen von Nostalgie und Verklärung, die zu übergroßem Respekt und reflexhafter Bewunderung gewachsen sind. Nüchtern betrachtet sieht Death Stranding bislang zwar sehr gut aus, aber es bleibt unverständlich, wirr und konzentriert sich auf absurde Gameplay-Elemente.

Da hilft auch die zusätzliche Präsentation während der Gamescom nicht weiter, bei der man eine Briefing-Szene sieht. In der wird Porter Bridges von der Tochter der US-Präsidentin angeworben. Oder zumindest wird versucht, ihn anzuwerben. Was passiert ist, wissen wir immer noch nicht. Aber die Städte in den USA sollen über ein Netzwerk verbunden werden mit dem phantasievollen Namen „Chiral Network“, das vermutlich weit über das gewöhnliche Internet hinausgeht. Chiral ist ein Begriff aus der Chemie und Geologie. Dahinter steckt eine Eigenschaft bestimmter Moleküle und Kristallen: Ihr Spiegelbild deckt sich nicht mit dem Original. Das klingt kompliziert, aber es gibt ein einfaches Beispiel: Das Spiegelbild der rechten Hand sieht immer aus wie eine linke Hand, aber niemals wie eine rechte. Und was heißt das für Death Stranding? Keine Ahnung.

Aber die Szene besticht erneut durch ihre perfekte Optik. Irritierend wird es, wenn eine Holo-Karte eingeblendet wird. Auf der wird gezeigt, was wo passiert ist. Aber in einer Art Retro-Acht-Bit-Animation. Die Tochter der US-Präsidentin, der Porter offenbar sehr nahe stand, ist auch nur eine Holo-Projektion. Tatsächlich wird sie von Terroristen gefangen gehalten, die einen Ausbau des „Chiral Networks“ verhindern wollen. Sie darf aber frei kommunizieren. Das hat die Terror-Gruppe erlaubt. Eins muss man Kojima lassen: Sehr schnell wird es wieder sehr wirr. Dafür präsentiert er seine politische Botschaft recht klar. Nicht subtil, sondern mit der Dampframme: Wenn die USA gesund seien, sei die gesamte Welt gesund. Und man müsse Menschen verbinden und zusammenbringen, um zu überleben. Noch direkter und platter in Richtung des US-Präsidenten Donald Trump geht es nicht mehr. Vielleicht war schon die Metal-Gear-Reihe nicht auf höchstem Erzähl-Niveau. Vielleicht haben nur Nostalgie und Verklärung Hideo Kojima auf ein Podest gehoben und ihn zu der Legende gemacht, an die er mittlerweile selbst glaubt. Und andere auch. So wie Playstation:

Denn sonst hätte man erkannt, dass die Idee der „Bridge Babies“ eine Steigerung von absurd ist: Die Kinder hirntoter Frauen haben durch den Zustand ihrer Mütter eine besondere Beziehung zur Dimension der Toten. Dadurch aber eignen sie sich in ihren künstlichen Gebärmuttern dafür, die „Gestrandeten“ zu erkennen: Manifestationen aus der Dimension der Toten. Wenn man versucht, das jemanden außerhalb des Gaming-Universums zu erklären, gibt es zwei Reaktionen: Man wird mitleidig angeschaut, weil man sich weit von der Realität entfernt hat. Oder die Hand macht den Scheibenwischer vorm Gesicht.

Vielleicht sind wir schlauer, wenn Mitte September Hideo Kojima auf der Tokyo Game Show zum Publikum spricht. Dort möchte er mehr zum Gameplay zeigen. Vielleicht wird der Autor dann diese Zeilen bereuen. Aber derzeit erscheint Death Stranding als ein wirres Werk, bei dem Hideo Kojima alle seine verrückten Ideen verwirklicht. Ohne Hemmungen oder Beschränkungen. Damit aber wird das Spiel auch zum Prüfstein für den legendären Spiele-Entwickler: Ist er das Genie, für das ihn so viele halten? Oder ist er ein Exzentriker, der nur schlecht Geschichten erzählen kann und das mit Absurditäten tarnt? Natürlich werden nun Kojima-Fans wütend aufspringen. Aber vielleicht sieht jemand, der nicht mit „Metal Gear“ groß geworden ist, sondern mit dem C64 und dem Amiga auch nur, dass der Kaiser am Ende nichts an hat.

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