Cyberpunk 2077: Nach der Gamescom sind wir noch nicht überzeugt

Gamescom 2019 : Cyberpunk 2077: Wird es dem Hype gerecht?

Bei kaum einem anderen Spiel standen so viele Menschen an: Cyberpunk 2077 ist das neue Werk der polnischen Witcher-Macher von CD Projekt Red. Erscheinen soll es erst im April nächsten Jahres. Und die Erwartungen sind gewaltig. Kann das Spiel dem überhaupt gerecht werden? Wir sind noch nicht überzeugt.

Nur spärlich und wohldosiert lässt das polnische Studio CD Projekt Red Informationen zu seinem neuen Werk durchsickern. Nachdem bei der E3 in Los Angeles ein Trailer erschienen und mit Keanu Reeves als Darsteller eine kleine Bombe geplatzt war, gab es bei der Gamescom nun eine weitere Mission zu sehen. Unser Held oder wahlweise Heldin "V" benötigt die Hilfe einer Hackerin. Die wiederum leitet eine Gang: die Voodoo Boys. Und der müssen wir erst bei einem Problem helfen, bevor wir überhaupt in die Nähe der Anführerin kommen.

Die Mission findet im Stadtteil Pacifica statt: Der war einst als Urlaubs- und Vergnügungsparadies geplant. Nachdem aber Investoren abgesprungen waren, siedelten sich in den zum Teil nur halbfertigen Luxusgebäuden Gangs an. So wie die einflussreichen Voodoo Boys, deren haitianischen Wurzeln nicht zu überhören sind. Eine rivalisierende Gruppe, die Animals, haben nun ein ehemaliges Shopping-Center besetzt. Doch nicht aus eigenen Antrieb. Sie wurden von einer mächtigen Organisation angeheuert, um die Voodoo Boys auszuspionieren. Nun geht es darum, sich durch das Center zu bewegen sowie die „Animals“ und deren Auftraggeber auszuschalten.

Bei der Gamescom-Präsentation wurden dabei zwei Wege gezeigt, die Mission zu beenden. Als Hacker arbeitet man versteckt und aus dem Verborgenen heraus. Als Kämpfer macht man alles platt, was einem so im Weg steht. Beide Optionen funktionieren im Großen und Ganzen gut. Und im Vergleich zur Präsentation im vergangenen Jahr wirkt alles sehr viel polierter und hübscher, um nicht zu sagen: Cyberpunk 2077 scheint fast fertig. Zumal es bereits auf der Gamescom neben der englischen auch eine deutsche Fassung der Präsentation gab, die nach Aussage einiger Besucher ziemlich gut klang. Sogar der haitianische Akzent und die französischen Wortsprenkel seien überzeugend gewesen. Wenn man aber mit der Localization bereits begonnen hat, muss Cyberpunk 2077 sehr weit fortgeschritten sein. Als Release-Datum nennt CD Projekt Red den 16. April 2020. Angesichts des dicht gedrängten Veröffentlichungskalenders unter anderem mit den neuen Konsolen und vielen Exklusiv-Titeln gibt es auch kaum noch Ausweich-Termine, um das zu verschieben. Doch was ist nun unser Eindruck von der Gamescom-Päsentation? Unsere Meinungen dazu:

Christian Albustin: Veröffentlichung im April 2020 fraglich

Die Entwickler von CD Projekt Red verkaufen seit Jahren die Vision einer gigantischen, dystopischen Stadt in einer vom Cyberpunk bestimmten Zukunft, in der Spieler unbegrenzte Möglichkeiten haben. Und wer ihr letztes Spiel „The Witcher 3“ kennt, traut ihnen dieses Mammut-Projekt auch zu. Gute Geschichten schreiben, glaubhafte und bildschöne Welten bauen und beides dann mit unanständig vielen Details füllen, das können die Entwickler aus dem Nachbarland. Angesichts des offiziellen Release-Termins für „Cyberpunk 2077“ im April 2020 und des nun auf der Gamescom gezeigten Gameplays fällt es aber schwer, an das alles zu glauben. Nach unbegrenzter Freiheit sah das noch nicht aus, was den Medienvertretern vorgespielt wurde. Eher nach einem: Bitte nicht vom Weg abkommen, sonst ist das Holodeck zu Ende. Die gezeigte Vision ist nach wie vor immens, die demonstrierten Möglichkeiten werden vermutlich die Messlatte erneut ein gutes Stück höher setzen. Aber genau deshalb werden wir uns wohl noch ein Weilchen länger gedulden müssen als angekündigt.

Ludwig Jovanovic: Zweifel an der Story

Cyberpunk 2077 sieht sehr viel besser aus als der Genre-Klassiker „Deus Ex“. Aber zumindest in der Gamescom-Präsentation unterscheidet es sich dann doch zu wenig davon. Wir würden gerne sehen, wie die offene Welt implementiert ist. Zudem wirken die Voodoo Boys arg stereotyp. Gut fanden wir, dass es tatsächlich verschiedene Herangehensweisen gibt. Die Gameplay-Mechaniken scheinen zu funktionieren. Aber bisweilen hatte es den Eindruck, dass „V“ daneben schießt und trotzdem trifft. Dafür hat man zum Glück die „Trefferwolken“ abgeschafft, bei denen Hitpoints aufpoppten wie beim Flipper. Der Abschluss der Mission führt zu einer epischen Cutscene. In der Story geht es um Unsterblichkeit und Bewusstseine im virtuellen Raum. Das klingt cool und sieht auch so aus. Dennoch: Die Witcher-Reihe lebte von ihren Wendungen, Überraschungen und gut geschriebenen Charakteren. Nimmt man alle Trailer und Präsentationen zusammen, haben wir davon bislang kaum etwas gesehen. Und das weckt nagende Zweifel, ob das Spiel am Ende nicht zu vorhersehbar und zu Klischee beladen ist.

Christina Willems: Noch viel Verbesserungsbedarf

Eine offene Welt, keine Ladebildschirme und beeindruckende Grafik – damit hatte CD Projekt Red die Fans heiß auf Cyberpunk 2077 gemacht. Nach dem Erfolg des preisgekrönten "Witcher 3" waren die Erwartungen an das polnische Entwicklerstudio dementsprechend hoch. Kein Wunder also, dass der Titel für viele Gamescom-Besucher zu den Highlights der Messe gehörte. Wer sich die exklusive Gamescom-Präsentation anschauen wollte, musste mit knapp drei Stunden Wartezeit rechnen. Erst dann durften die Fans einen Fuß in die post-apokalyptische Stadt Night City setzen. Düster, dystopisch – aber leider auch ein wenig ernüchternd. Das gezeigte Areal Pacifica wirkte realistisch, aber so richtig wollte das Gefühl einer offenen Welt nicht aufkommen. Stattdessen schoss man sich durch Schlauchlevel, die gut aussahen, aber wenig Möglichkeit zur Erkundung boten. Die Kampf-Steuerung wirkte dabei wenig modern und machte einen starren und ungenauen Eindruck. Grenzenlose Freiheit? Fehlanzeige. An diesen Punkten müssen die Entwickler bis 2020 unbedingt schrauben, denn sonst gehen im bombastischen Night City schnell die Lichter aus …

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