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"Papo & Yo" im Games-Test: Das Monster im Vater

"Papo & Yo" im Games-Test : Das Monster im Vater

Spiele werden dann zu etwas Besonderem, wenn man nach dem Abspann noch lange über sie nachdenkt. Das Independent-Game "Papo & Yo" des Entwicklers Minority zählt zu dieser seltenen Klasse. Und nachdem es vergangenes Jahr ein Überraschungserfolg im Playstation Network war, kommt der Titel nun auch überarbeitet per Steam für den PC heraus.

In der eigenen Fantasie-Welt wirkt kein Schrecken mehr so bedrohlich wie in der Realität. Wo Dunkelheit herrschte, übernehmen Farben das Zepter. Und kindliche Versatzstücke übertünchen das Grauen, dem man dort begegnet, wo man sich sicher fühlen sollte: Zu Hause und bei den Eltern.

So ist auch der kolumbianische Game-Designer Vander Caballero der Finsternis begegnet, die ihn jahrelang verfolgt hat. Papo & Yo (Papa und ich) ist das Spiel "für meine Mutter, Brüder und Schwestern, mit denen ich das Monster in meinem Vater überlebt habe". So heißt es gleich zu Beginn.

Im Spiel steht am Anfang die reale Welt, in der ein Junge sich voller Angst in einem Schrank versteckt, während davor ein bedrohlicher Schatten wütet. Plötzlich öffnet sich eine Pforte — in eine Fantasiewelt: Und die ist ein menschenleerer Ort, der an brasilianische Favelas erinnert.

Baracken mit Wellblechdächern sind in Berghänge gebaut oder türmen sich auf und wirken wie ein einziger großer Spielplatz. Dort ist der Junge nicht mehr Opfer, sondern hat die Macht, die Welt zu verändern. Er kann ganze Gebäude verrücken, mithilfe seines Spielzeugroboters fliegen und Treppen aus dem Nichts entstehen lassen.

Dort ist er stark genug, sich dem Monster zu stellen. Und das sieht auf den ersten Blick alles andere als bedrohlich aus. Groß wie ein Elefant mit einem Horn auf der Stirn wirkt die Kreatur eher schwerfällig, tumb und ein wenig wie ein zu groß geratener Teddy.

Mehr noch: Der Junge kann in seiner Fantasiewelt auf seinem Bauch hüpfen und jede Menge Spaß mit ihm haben. Eine Bedrohung sieht anders aus und ist auch nicht so verfressen: Mit Früchten kann man das Monster an bestimmte Stellen locken, was zur Lösung einiger Rätsel zwingend notwendig ist.

Das Verhältnis zum Monster bleibt ambivalent

Doch in dieser Welt gibt es noch giftgrüne Frösche. Und die findet die Kreatur sehr viel verlockender und spannender als jede Frucht oder das Spiel mit dem Jungen. Diese Frösche sind es aber, die aus dem Monster tatsächlich eine wilde Bestie machen, die in ihrer Zerstörungswut alles vernichtet, was sich ihr in den Weg stellt.

Buchstäblich flammender Zorn überkommt die Kreatur, die nur wenige Augenblicke zuvor so sanft wirkte. Klar, dass die Frösche für etwas anderes stehen: für den Alkohol, der das Monster schlagartig verändert.

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Im Spiel bewegt sich der Junge zwischen Nähe und Flucht, zwischen Liebe und Angst vor dem Begleiter, den das Kind heilen möchte. Darum sucht man nach dem Schamanen, der das Geheimnis eines Wundermittels kennt — das die Sucht des Monsters nach grünen Fröschen heilt.

Auf dem Weg zu dem "Medizinmann" muss man Logik- und Physik-Rätsel lösen: Schalter und Hebel werden gedrückt oder gezogen, um unter anderem ganze Häuser zu verschieben und ein Level abzuschließen. Oder aber man muss das Monster zu bestimmten Druckplatten locken. Und jederzeit können die grünen Frösche aus einen dreckigen Kanalrohr springen und aus der Kreatur eine Gefahr machen.

Der übermenschlich große Begleiter bleibt das ganze Spiel über unberechenbar, und das Verhältnis der beiden ist ambivalent. Selbst wenn das Monster voller Zorn wütet, hat man dennoch immer irgendwie Mitleid mit ihm — weil es in der kindlichen Fantasie krank ist.

Aufwühlendes Spiel um das Trauma des Gamedesigners Vander Caballero

Daran glaubt der Junge bis zum Schluss. Selbst dann, wenn die einzige Hilfe im Spiel, ein Mädchen, das den Weg weist, von dem Monster vor den Augen des Jungen verschlungen wird. Bis zum Ende löst man jedes der Rätsel — und hofft auf ein Happy End.

Zum Schluss steht man vor dem Schamanen, der aber nicht mehr ist als die eigene innere Stimme. Die ganze Spielwelt ist nur die Summe der verdrängten Erinnerungen an die Kindheit, in der alles Schlechte durch etwas Verspieltes, weniger Grausames ersetzt wurde.

Sicher gibt es Spiele, die mit sehr viel mehr Geld produziert worden sind. Sicher gibt es Spiele, die sehr viel herausfordernder sind. Doch selten gibt es Spiele, die fesselnder sind. Man will einfach wissen, wie es weitergeht — und ob der Junge das Heilmittel findet. Man hofft mit ihm und wünscht es sich sogar. Für beide. Doch im Leben gibt es eben nicht immer ein Happy End, sondern nur einen Abschluss.

Kalt lässt Papo & Yo nicht, vielmehr wühlt es auf. Und es zeigt, wozu ein Spiel mit einer neuen Idee, mit nonverbalen Storytelling und einem überaus gelungen Soundtrack in der Lage ist: Es zieht einen in eine traurige Geschichte, in der man mit dem Game-Designer Vander Caballero das Trauma seiner Kindheit aufarbeitet.

Nach dem Erfolg im Playstation Network kommt der Titel nun auch für den PC heraus — für ca. zwölf Euro über die Game-Plattform Steam. Dafür hat sich der Entwickler Minority den Titel noch einmal vorgenommen, die Texturen überarbeitet und das Gameplay an einigen Stellen geglättet. Tatsächlich sieht Papo & Yo nun eindrucksvoller aus als zuvor. An der emotionalen Intensität jedoch hat sich nichts geändert.

Da an dem Independent-Titel nicht die gleichen Maßstäbe gestellt werden können wie an Spiel-Blockbuster, wird auf Einzelwertungen in verschiedenen Kategorien verzichtet.

Darum gibt es nur eine Gesamtwertung: 8,0 von 10

Hier geht es zur Bilderstrecke: "Papo & Yo" - Bilder aus dem Spiel

(csr)