Sex-Szenen und Amokläufe „Die Inhalte haben uns schockiert“ – Spiele-Apps nicht immer kindgerecht

Düsseldorf · Handyspiele gehören für die meisten Kinder und Jugendlichen zum Alltag. Doch offenbar lauern innerhalb beliebter Apps wie Fortnite, Gardenscapes und Co. diverse Gefahren – von Gewaltszenen über sexuelle Inhalte bis zu Erwachsenen, die nach der Handynummer von Kindern fragen.

Spiele-Apps für Kinder und Jugendliche sind oft nicht so harmlos, wie sie auf den ersten Blick wirken.

Spiele-Apps für Kinder und Jugendliche sind oft nicht so harmlos, wie sie auf den ersten Blick wirken.

Foto: dpa/Annette Riedl

Ein Kind läuft mit einer Waffe in der Hand durch die Fußgängerzone. Es schaut einen Mann an, der schnell vorbeihastet. Als er dem Kind den Rücken zudreht, zielt es mit der Pistole auf ihn und schießt mehrmals. Blutend geht der Mann zu Boden. Das Kind dreht sich um, läuft dem nächsten Passanten hinter, lädt die Waffe und drückt nochmal ab.

Was klingt wie ein Amoklauf, ist eine Szene aus dem Handy-Spiel „Roblox – Blood Overhaul“, das ab 12 Jahren empfohlen wird. Es ist eine von 16 populären Android-Apps für Kinder und Jugendliche, die die Stiftung Warentest in drei Kategorien untersucht hat: Kindgerechte Inhalte, Spieledruck und Kaufdruck. Mit dabei waren unter anderem auch Fortnite, Gardenscapes, Brawl Stars, Subway Surfers und Pokémon Go. Dabei kam heraus, dass all diese Handy-Spiele nur so vor problematischen Inhalten strotzen – von Gewaltszenen wie dem Amoklauf bei Roblox über sexuelle Inhalte bis zu Erwachsenen, die die minderjährigen Nutzer innerhalb der Apps anschreiben können. Nur bei einem einzigen Spiel gab es kaum etwas zu beanstanden: Minecraft. Die Inhalte seien kindgerecht, der einmalige Kaufpreis von acht Euro in Ordnung. Alle anderen Apps fielen im Test durch.

Das sei für die Stiftung Warentest ein sehr ungewöhnliches Ergebnis, sagte Holger Brackemann, der die Untersuchungen leitete. Drei Monate lang spielten zehn fachkundige Tester alle 16 Spiele-Apps durch – denn um einen umfassenden Überblick über die Anwendungen zu bekommen, muss man bestimmte Fortschritte im Spiel erzielen. Die Inhalte hätten sie schockiert. Neben furchterregenden Monstern und Sexszenen seien sie auch immer wieder auf antisemitische und faschistische Gruppennamen wie „HeilAdolf“ gestoßen. Beim Spiel „Hay Day“ nannte sich eine Gruppe „Gegen Juden“. Und in „Clash of Clans“ bekamen sie mit, wie ein Erwachsener ein Kind aufforderte: „Schick mal Whatsapp“ – das ihm daraufhin seine Nummer gab. Außerdem äußerst befremdlich: Bei „Roblox“ wurde eine Oralsex-Szene am Pool gezeigt.

Doch die problematischen Inhalte sind nicht alles, was die Tester zu beanstanden hatten. Sie kritisierten auch die manipulativen Spieldesigns der Apps scharf: „Sie verleiten Kinder dazu, immer mehr zu spielen und immer mehr zu kaufen“, sagte Brackemann. Denn die Hersteller übten gezielt Druck aus, schickten täglich Erinnerungen mit traurigen Emojis, ließen Fortschritte löschen, sobald man 24 Stunden nicht gespielt hatte und ließen Gruppen scheitern, sobald sich ein Mitspieler ausklinken wollte.

Hinzu kommt, dass zwar 15 von 16 Apps erst einmal kostenlos sind, die meisten aber auf In-App-Käufe setzen. Das heißt: Gamer können virtuelle Waffen, Textilien oder Ressourcen wie Feenstaub und Edelsteine erwerben, müssen dafür aber viel Geld zahlen. Bis zu 240 Euro können pro Kauf anfallen – teilweise werde das auch durch eine Fantasiewährung verschleiert. Und: Obwohl die meisten Apps erst ab 12 Jahren zugelassen sind, konnten sich auch schon 10-Jährige dort anmelden.

Stiftung Warentest fordert nun „Kinderschutz by default“ (dt. standardmäßigen Kinderschutz), das bedeutet: Keine In-App-Käufe und keine Manipulationstaktiken innerhalb der Anwendungen. „Die Grundeinstellungen der Apps sollten so sein, dass sie von Kindern bedenkenlos genutzt werden können“, sagt Brackemann. Außerdem müssten jugendgefährdende Inhalte besser kontrolliert werden.

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Foto: Staedelsches Kunstinstitut und Staedtische Galerie

Doch wie können Eltern ihre Kinder schon jetzt schützen? Die Stiftung Warentest rät, über die Spiele-Apps und ihre Risiken zu sprechen. Kinder müssten verstehen, warum ihre Eltern sich Sorgen machten. In den Einstellungen sei es zudem möglich, In-App-Käufe zu verhindern und die Bildschirmzeit zu begrenzen. Hilfreich kann auch sein, die Kinder offline spielen zu lassen – so macht man es Fremden unmöglich, sie anzuschreiben. Und ganz wichtig: Alternativen im analogen Leben aufzeigen. Ein Ballspiel, Basteln oder ein Spielplatzbesuch bieten oft die besseren Abenteuer.

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