Weibliche Gesundheit „Der Schmerz von Frauen ist häufig unsichtbar“

Bochum · Wenn Frauen Menstruationsbeschwerden haben, werden sie von Ärzten häufig nicht ernstgenommen. Mit der Zyklus-App Clue soll das anders werden. Wie genau, hat Unternehmenschefin Audrey Tsang beim Ruhrsummit in Bochum erklärt.

 Beim Ruhrsummit 2024 ging es auch um die Gesundheit von Frauen.

Beim Ruhrsummit 2024 ging es auch um die Gesundheit von Frauen.

Foto: RuhrHub/Sarah Müller

Am Ende merkt man Audrey Tsang die Wut an. Dabei hatte die Chefin des Fruchtbarkeits-Start-ups Clue ihren Vortrag über Frauengesundheit so harmlos begonnen, witzelte über ihre Anfangsjahre in Berlin, als sie ein Passfoto machen wollte, aber nicht verstand, wie der Automat funktionierte. Zeigte in ihrer Präsentation einen Auszug von dem Fotostreifen – Tsang mit Sonnenbrille, Tsang, wie sie die Sonnenbrille langsam absetzt, Tsang, wie sie etwas verwirrt in die Kamera schaut. Das Publikum lacht zuerst. Aber am Ende nicht mehr. Die Anekdoten werden zu Statistiken, die Statistiken zu wissenschaftlichen Erkenntnissen – die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Wut.

Frauen werden in der Medizin benachteiligt, das zeigt der Gender-Health-Gap. Viele Medikamente werden beispielsweise nur an Männern getestet; die Symptome bei lebensbedrohlichen Erkrankungen wie dem Herzinfarkt unterscheiden sich von Geschlecht zu Geschlecht. Deshalb bekommen Frauen oft später Hilfe. Und das sind nur einige Beispiele. Aber Tsang möchte sich nicht nur daran stören – sie möchte etwas ändern.

Die Geschäftsführerin der Fruchtbarkeits-App Clue spricht auf dem neunten Ruhrsummit, einer großen Start-up-Messe in Bochum, darüber, wie häufig Frauen von ihren Ärzten nicht ernstgenommen werden. Wie häufig sie die Pille gegen Menstruationsbeschwerden verschrieben bekommen – ohne, dass jemand hinterfragen würde, woher ihre Beschwerden kommen. Wie lange es dauert, bis Betroffene die Diagnose Endometriose erhalten (im Schnitt siebeneinhalb Jahre!). Endometriose ist eine gynäkologische Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter wächst und große Schmerzen verursacht. „Wir sind bereit, etwas daran zu ändern“, sagte sie. „Und wir sind wütend genug, es auch zu tun.“ Vor allem Endometriose müsse besser erforscht werden, Frauen dürfe nicht ständig gesagt werden, dass sie eben „heftige Periodenschmerzen“ hätten, wenn doch mehr dahinterstecke. „Das alles passiert nicht nur in unserem Kopf. Es ist real“, sagte Tsang. Eine Umfrage unter 2000 Endometriose-Patientinnen und Nutzerinnen ihrer App Clue, mit der Frauen ihren Zyklus tracken und die fruchtbaren Tage bestimmen können ergab: 67 Prozent mussten mehr als drei Ärzte aufsuchen, um endlich ihre Diagnose zu erhalten. Fast die Hälfte (46 Prozent) bekam sie erst nach mehr als fünf Jahren voller Schmerz.

Das deckt sich auch mit Zahlen der Endometriose-Vereinigung. Sie hat erhoben, dass es vom ersten Symptom bis zur Diagnose im Schnitt siebeneinhalb Jahre dauert. Patientinnen mit Kinderwunsch erfahren es in der Regel nach etwa drei Jahren, Schmerzpatientinnen ohne Kinderwunsch nach bis zu zehn Jahren.

Wie real das alles ist, zeigt sich auch, als nach Tsangs Vortrag eine junge Frau aufsteht. Sie erzählt davon, dass sie jahrelang nicht wusste, was ihr fehlt. Wie sie unter starken Schmerzen litt, aber niemand sagen konnte, woran es lag. Seit sie von der Diagnose wisse, nutze sie eine Zyklus-App. Die helfe ihr, ihre Beschwerden besser einordnen zu können.

Tsang zählt ihr daraufhin die Vorteile von Clue auf. Natürlich ist das Werbung für sie. Doch auch dafür ist die Start-up-Messe Ruhrsummit da – damit junge Unternehmen sich und ihre Geschäftsideen präsentieren können. Obwohl Clue tatsächlich nicht mehr so jung ist. Das Unternehmen wurde 2012 von der Dänin Ida Tin gegründet. Im vergangenen Jahr machte es Schlagzeilen, weil Tin und Tsang nennenswerte Teile ihrer Belegschaft entlassen hatten. 31 von etwa 100 Beschäftigten mussten gehen. „Wie viele Unternehmen haben wir mehr Mitarbeiter eingestellt, als wir Umsatz gemacht haben, was im derzeitigen Umfeld nicht tragbar ist“, sagte Tin damals dem „Business Insider“.

Der Markt für Zyklus-Apps ist inzwischen riesig, Stiftung Warentest hatte zuletzt 21 von ihnen getestet – und keine besser als mit Befriedigend bewertet. Das lag vor allem an Datenschutzmängeln. Clue war nicht unter den getesteten Apps.

Dort soll laut Tsang alles anders sein – aber was sollte eine Chefin schon anderes über ihr Produkt sagen? Aussagekräftig ist das nicht, doch die gebürtige US-Amerikanerin beteuert, man halte sich an die europäische Datenschutz-Grundverordnung halten. Gleichzeitig erhebe Clue die anonymisierten Daten ihrer Nutzerinnen für Forschungszwecke. Das soll auch dazu beitragen, dass Frauengesundheit besser erforscht wird. „Der Schutz deiner persönlichen Daten hat für uns höchste Priorität. Wir verkaufen Daten nie“, heißt es auf der Internetseite. Man gebe nur Daten weiter, die für eine Forschungsfrage direkt relevant seien, und befolge strenge Protokolle, um sicherzustellen, dass die Daten anonymisiert würden und nicht auf einzelne Personen zurückgeführt werden könnten.

Im Playstore von Android wurde die App mehr als 50 Millionen Mal heruntergeladen, aktiv seien derzeit zehn Millionen. Zuletzt beschwerten sich allerdings mehrere in den Rezensionen darüber, dass die Werbung überhand nehme – und die App seit einem Update nicht mehr reibungslos funktioniere.

Tsangs Botschaft kommt aber trotz ihrer App-Werbung beim Publikum an. „Der Schmerz von Frauen ist häufig unsichtbar“, sagt sie zum Schluss. Jetzt sei es an der Zeit, ihn sichtbar zu machen.

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