Für die Info-Elite ist und bleibt die Zeitung unverzichtbar An die Spitze

Seit sechs Jahren stehen Ulrich Reitz und Horst Thoren gemeinsam an der Spitze der Redaktion der Rheinischen Post. Cordula Hupfer und Rainer Kurlemann sprachen mit Chefredakteur Ulrich Reitz über die Veränderungen in der Zeitungslandschaft.

Herr Reitz, zusammen mit ihrem Stellvertreter Horst Thoren haben Sie viel Energie in das veränderte Aussehen der Rheinischen Post investiert. Warum?

Reitz Die Menschen wollen stolz auf ihre Zeitung sein. Sie kaufen sich auch schöne Autos, schöne Schuhe. Die Leute haben einen Anspruch auf eine schöne Zeitung. Insofern ist Ästhetik durchaus ein Eigenwert, aber immer ein Diener des Nutzwertes.

Das Wichtigste an einer Zeitung bleiben also die Inhalte.

Reitz Das Wichtigste ist, dass die Inhalte auch gelesen werden. Derjenige, der Inhalt und dessen Vermittlung trennen will, ist altmodisch. Dahinter steht keine Stil-, sondern eine Marktfrage. Wer so denkt, verliert Marktanteile. Und da wir nicht der öffentlich-rechtliche Rundfunk sind, hängen wir vom wirtschaftlichen Erfolg ab.

Wie hat sich das Leseverhalten geändert und wie reagiert die Zeitung?

Reitz Ich bin froh und stolz, dass wir sehr viele Leser haben, die wirklich alles lesen. Das sind die Top-Informierten in dieser Gesellschaft. Aber es gibt immer mehr, die selektiv lesen. Neu-Einsteiger in eine Zeitung ­ nicht notwendigerweise nur junge Menschen ­ haben ein anderes Leseverhalten. Denen müssen wir ein Angebot machen: eine Zeitung, die das selektive Lesen erleichtert. Nun ist die RP in der Leserführung schon heute gut. Wir machen den Schritt von gut zu sehr gut und wollen damit in Deutschland Maßstäbe setzen.

Wie macht man Lesen leichter?

Reitz Wo der Leser früher 180 Zeilen an einem Stück hatte, bieten wir ihm auf demselben Platz mehr Information. Trotzdem hat er es leichter, sie zu konsumieren. Er kann sich entscheiden: Ich lese nur die Infobox oder nur die Grafik. Oder er kann sagen: Ich lese alles. Wenn er das macht, dann braucht er so viel Zeit wie früher, erfährt aber mehr.

Eine Tageszeitung wendet sich nicht nur an eine bestimmte Gruppe. Da gibt es Junge, Ältere, Singles, Familien...

Reitz Zeitung ist immer ­- und die Rheinische Post sowieso ­- eine Volkszeitung. Das heißt, sie muss verschiedene Gruppen integrieren. In dem Maße, wie sich gesellschaftliche Milieus zerfasern, unterscheiden sich auch Ansprüche an Zeitung. Umso wichtiger ist es, jedem etwas zu liefern. Wenn wir sagen würden, die Zeitung wird nur für die jüngeren Leser attraktiver, dann würden wir einen großen Fehler machen. Die Kunst besteht darin, eine Zeitung für Jüngere und Ältere attraktiver zu machen.

Wie sieht das konkret aus?

Reitz Ein Beispiel: unsere neue besser lesbare Schrift. Das bedeutet für ältere Leute: Sie können mit weniger Anstrengung lesen. Für Jüngere mit knapperem Zeitbudget bedeutet es, dass sie schneller fertig werden können. Oder die Seitenzahlen. So kann sich der Leser besser orientieren. Die Rheinische Post bekommt ein zeitgemäßes Navigationssystem.

Wissen Sie schon, wie die Zeitung in zehn Jahren aussehen wird?

Reitz Die Forschung belegt eindeutig: Die Lesefähigkeit in der Bevölkerung insbesondere bei Jüngeren geht zurück ­ und die Lesewilligkeit auch. Die "Generation Zapping” zappt sich durchs Internet und Fernsehen. Dadurch werden die Leute in Unruhe trainiert. Zeitung ist das Gegenteil. Sie setzt Ruhe voraus. Wenn aber die Leute in Unruhe trainiert werden, dann muss ich ihnen ein Angebot machen, das ihren Bedürfnissen eher entspricht. Deshalb wird sich die Zeitungslandschaft ändern müssen.

Welche Chancen hat Zeitung denn?

Reitz Die Verlage müssen sich überlegen, ob sie für Leser, die derzeit nicht erreicht werden, weitere Angebote machen. Zum Beispiel für junge Leute ­ mit Informationen über die angesagtesten Clubs, die besten Kurzzeitreisen, das passende Sportangebot.

Welche Rolle spielt dann die RP?

Reitz Sie ist nach wie vor Lokalmedium Nummer eins, Grundpfeiler in der Zeitungsgruppe "Rheinische Post”, aber die besteht womöglich aus mehreren, unterschiedlichen Produkten.

Welcher journalistischen Form gehört die Zukunft ­- Nachricht oder Reportage?

Reitz Es macht keinen Sinn, das Eine gegen das Andere auszuspielen. Wir verstärken nun den Stellenwert der Nachricht, indem wir eine eigene Schrift einführen: ohne Häkchen und Ösen, ohne Schnickschnack. Was würde besser zur Nachricht passen? Aber wir sind auch die Zeitung mit dem höchsten Autorenanteil in Deutschland ­ 95 Prozent unserer Redakteure schreiben.

Immer mehr Menschen informieren sich im Internet. Eine Konkurrenz?

Reitz Neue Medien sind eine Chance. Das Internet kann Sachen, die Zeitung nicht kann. Es schafft schnell Raum, in dem sich Leser über ein wichtiges Thema unterhalten, den Chat-Room. Das kann die Zeitung nicht. Aber sie kann durch die Rechercheleistung ihrer Redakteure ein Thema tragend aufarbeiten und dann die Interaktivität ins Internet verlängern.

Lesen denn Internetnutzer Zeitung?

Reitz Internet-User sind diejenigen, die sich gegen Fernsehen entschieden haben. Mehrheitlich. Aber viele lesen auch Zeitung. Insofern ist der Gedanke an neue Wege, beides zu verlinken, goldrichtig. So könnte ich mir vorstellen, dass wir den NRW-Ministerpräsidenten ­ erst Recht mit Blick auf die Landtagswahl ­ in den Chat-Room einladen, wo Leser mit ihm diskutieren. Das komplette Interview steht im Internet und ein von Redakteuren aufbereitetes Extrakt in der Zeitung.

Wir haben noch nicht über Spaß gesprochen...

Reitz Zeitung muss Spaß machen. Aber sie darf nicht Bestandteil der "Spaßgesellschaft” sein. Die Rheinische Post muss Unterhaltung bieten ­ auf hohem Niveau. So wie unsere neue Glosse "Links aussen”.

Klingt nicht unbedingt RP-typisch.

Reitz Ja, der Titel ist nicht frei von Selbstironie. Wir haben uns eine Organisationsform einfallen lassen, die ein Stück Anarchie ist. Sechs Redakteure mit unterschiedlichem Temperament karikieren ­ Habermas würde sagen: in einem herrschaftsfreien Diskurs ­ jeden Tag das Leben.

Reine Männersache?

Reitz Grundsätzlich braucht Zeitung viel mehr Frauen. Sie sind starke Autorinnen, die oft einen viel lebensnäheren Zugang zu Themen haben. Frauen organisieren sich extrem gut und können hart arbeiten. Wir brauchen mehr Frauen als Schreiber und auch in Führungspositionen.

In Zeiten knapper Kassen: dürfen Blattmacher noch Visionen haben?

Reitz Blattmachen ohne Vision ist ärmlich, um nicht zu sagen: erbärmlich.

(rm)
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