Serie: Wohnstile - Teil4 : Als das Wohnen hübscher wurde

Gummibaum und Häkeldecke – mit dem Wohlstand der 50er Jahre wuchs auch der Wunsch, sich zu Hause besonders einzurichten.

Nur die über 50-Jährigen werden sich an jene Jahre erinnern, als die Zeiten zu Ende gingen, in denen viele froh waren, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Mit dem Wohlstand der 1950er Jahre wuchsen neue Bedürfnisse – getreu dem Wilhelm-Busch-Spruch: „Ein Wunsch, wird er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge!“

Das stimmte auch beim Wohnen. Aber es waren erst einmal bescheidene Wünsche, die damals sprossen. Man muss schon ins Haus der Geschichte in Bonn gehen, die alten Folgen von „Ein Herz und eine Seele“ (Ekel Alfred) ansehen oder in betagten Fotoalben und Bildbänden blättern, um zu sehen, wie die Deutschen in den Zeiten des Wirtschaftswunders und bis in die 1970er gelebt haben. Aus heutiger Sicht würde man sagen: karg, eher rudimentär mit wenig Freude fürs Auge. Was man aber damals natürlich nicht als störend empfunden hat. Im Gegenteil – es war normal, weil man in den noch nicht so lange zurück liegenden schweren Zeiten hatte lernen müssen, mit wenig zufrieden zu sein. Und war es auch.

Die großen Möbelhäuser verkauften, ihrem Namen entsprechend, Sofas, Betten, Sessel, Schränke – und sonst hatten sie wenig im Angebot. Wer vom Dekorateur sprach, der meinte meist den Handwerker, der Stores anbrachte und Vorhänge, einige von ihnen waren auch für die – damals noch keineswegs üblichen – Teppichböden zuständig.

Aber sonst war kaum etwas los auf dem Markt für all die Dinge, die heute unter dem Stichwort Deko laufen. Längst sprengt das Angebot inzwischen jede Vorstellungskraft, der Markt für Accessoires ist gigantisch. Ganze Ladenketten leben davon, sämtliche großen Häuser – wie Schaffrath – bieten Deko-Artikel in enormer Breite und auf vielen Quadratmetern Verkaufsfläche an.

Das hätte man sich vor wenigen Jahrzehnten nicht vorstellen können. Bis auf einige wenige gut Betuchte, die schon damals opulent eingerichtet waren, lebte der weitaus größte Rest der Menschen bescheiden. Die Räume der Normalverbraucher waren zweckmäßig eingerichtet, im meist gänzlich schmucklosen Schlafzimmer standen ein Bett, je rechts und links daneben ein Nachttisch, dazu ein Kleiderschrank, wenn Platz da war noch eine Kommode mit Schubladen. Im Wohnzimmer gab es Stühle, Sessel und Sofa, seit Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre in der Blickrichtung gern Richtung TV-Gerät orientiert. Wer Blumen wollte, stellte Nelken in eine futuristisch anmutende Vase, Gummibäume oder Philodendron holten den Hauch ferner Länder ins Wohnzimmer.

Auf dem Fernseher oder dem Radio, beides gewaltige Kisten, lag oft ein rautenförmig arrangiertes Häkeldeckchen, darauf eine Vase mit – weil billiger: künstlichen – Blumen. Niedrige Beistell- oder Couchtische kamen erst später, der Tisch in der Mitte des Raumes hatte die normale Höhe eines Esstisches und wurde auch als solcher benutzt, die heute üblichen Essecken gab es nur vereinzelt. Ganz weit vorn lag man, wenn dieser Tisch mittels einer Kurbel (unter der Platte) in der Höhe verstellbar und durch geschickte Konstruktion ausziehbar, also zu vergrößern war. Dass die Dinger wirklich hässlich waren, sieht man erst heute – damals waren sie in vielen Wohnzimmern Standard. Auch den sehr dekorativen Effekt von Licht, gar an die Decke geflutet, entdeckten die meisten später. Eine in voller Kraft strahlende Deckenbeleuchtung war gängig, nach und nach kaufte man kleine Leuchten, die man neben oder hinter dem TV-Gerät drapierte, weil man meinte, damit das flimmernde Bild besser sehen zu können.

Aber sonst? Bilder an den Wänden, gern exakt mittig über dem Sofa, waren nicht selten, über die dargestellten Motive schweigen wir lieber. In den mittigen Glaselementen der Wohnzimmerschränke drapierte man Gläser, allerlei Nippes und das 20-bändige Lexikon, das einem der Vertreter eines Buchclubs aufgeschwatzt hatte. Wer es sich leisten konnte, präsentierte possierliche Hummel-Figuren, ein gut bestücktes Bar-Fach, diskret versteckt hinter einer weiteren Tür im Schrank. Es war beleuchtet und galt lange als sehr – heute würde man sagen: cool.