Serie Wohnkonzepte: Leben im Schuhkarton

Serie Wohnkonzepte : Leben im Schuhkarton

In Zeiten steigender Mieten und knappen Wohnraums sucht man nach Lösungen. Eine Möglichkeit: Leben auf minimaler Fläche.

Wer aber für längere Zeit, also für mehr als nur ein paar Tage, eine Unterbringung braucht, dem ist die Hotelrechnung irgendwann zu hoch, und man sucht nach Alternativen. Aus dieser Nachfrage entstand das Mikroapartment – ein Zimmer, das Schreibtisch, Bett, Küchenecke und – separat – ein Bad mit WC anbot.

Inzwischen ist die Nachfrage nach solchen Unterbringungen stark gestiegen, längst fragen nicht mehr nur Business-Leute danach, sondern vor allem auch Studenten. Der Grund dafür: Die jungen Leute finden an ihrem Studienort fast keine bezahlbaren Wohnungen oder WG-Plätze mehr, deshalb sind sie dankbar für Zimmer, die sie selbst einrichten können oder die komplett ausgestattet angeboten werden. In der Relation zu normal großen Wohnungen sind sie, auf den Quadratmeter bezogen, zwar deutlich teurer als andere Angebote, aber de facto für junge Leute oder deren Eltern bezahlbar. Das Angebot nimmt zu, denn Investoren haben erkannt, dass sie eine gute Rendite erzielen, wenn sie ihre Immobilie mit mehr Einheiten anbieten.

Vor allem junge Leute, gerade aus dem Hotel Mama ausgezogen, empfinden das Mikroapartment als perfekte Lösung – weil es sich kaum von dem unterscheidet, was sie bisher schätzten: alles auf engstem Raum, aber doch ausreichend. Nur, dass sie sich jetzt um die Füllung des Kühlschranks und die Wäsche selbst kümmern müssen.

In Appartements dieser Art wird die Fläche bis zum Äußersten genutzt. Heraus kommen Raumverhältnisse, die deutlich kleiner sind als das, was der Durchschnittsdeutsche gegenwärtig für sich beansprucht. Über Jahrzehnte hinweg ist die Wohnfläche pro Kopf stetig gestiegen. Im Schnitt belegte 2014 jeder Bundesbürger 46,5 Quadratmeter, inzwischen sind es noch ein paar mehr. Die Frage ist also nicht mehr, wie viel Platz hätte ich gern, sondern auf wie wenig kann ich – jedenfalls für eine gewisse Zeit – angenehm leben.

Die Antwort ist erstaunlich – die Winzlinge sind nicht selten nur um die 20 Quadratmeter groß, und es ist ausreichend. Allerdings wird jeder Quadratzentimeter durch Schnitt und passende Möbel konsequent genutzt. Daher sind bodentiefe Fenster nicht möglich, sondern es gibt immer Fensterbänke – hoch genug angesetzt, dass problemlos Sofa, Bett oder ein anderes Möbel drunter passt. Zudem bieten sie zusätzliche Ablagefläche. Die passende Einrichtung zu finden ist ebenfalls kein Problem: Aus der Couch wird abends das Bett, andere Stücke stehen auf Rollen und können leicht verschoben werden.

Billig ist das Ganze allerdings nicht. Je nach Angeboten (Fitnessraum im Haus, Hausmeisterservice, Dachterrasse oder ähnliches) liegen die Preise häufig deutlich über 20 Euro pro Quadratmeter. Bei der Bezeichnung sind die Anbieter ebenfalls sehr kreativ. Weil „Mikroapartment“ falsch verstanden werden könnte, spricht man auch gern vom „Smartment“ – das klingt irgendwie flott, modern, smart eben.

„Youniq, Smartments, Headquarter, The Flag und wie sie alle heißen, es klingt auf alle Fälle nicht nach kleinen Wohnungen für nicht so reiche Menschen‘“, sagt Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) in Berlin in einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Verkauft – oder besser: vermietet wird halt auch ein Stück Lifestyle, zumal die Mini-Butzen oft in angesagten Lagen angesiedelt sind. Aber nicht nur Studenten sind die Zielgruppe. Die Entwickler bieten ihre Miniwohnungen vor allem als Lifestyleprodukt für moderne Arbeitsnomaden an. Wissenschaftler mit befristeten Forschungsaufträgen oder IT-Spezialisten, die für mehrere Monate bei einem Unternehmen einen Auftrag erledigen, sind denkbare Kunden. Dazu kommt noch das Heer der Pendler, das nur unter der Woche am Arbeitsort wohnt. Experten schätzen die potenziellen Kunden auf eine zweistellige Millionenzahl.