1. Advertorial
  2. Nawrocki PR

„Die Länder brauchen Hilfe bei den Investitionen!“

Serie: Der Gesundheits-Check (6) : „Die Länder brauchen Hilfe bei den Investitionen!“

Viele Themen rund ums deutsche Gesundheitssytem beschäftigen derzeit nicht nur Politiker. Sie bewegen und beunruhigen auch die Menschen in ihrem Alltag. Im Interview gibt Erwin Rüddel, der für die CDU im Bundestag sitzt und Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit ist, seine Einschätzungen von Personalmangel in der Pflege bis zur Organspende wieder. Zu den gleichen Fragen äußert sich auch Frank Rudolph, Geschäftsführer vom Bundesverband Verrechnungsstellen Gesundheit e.V. (BVVG). Im Videointerview spricht zudem Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) zu den aktuellen Gesundheitsthemen.

Der Bundestag hat bei der Organspende gegen die Widerspruchsregelung gestimmt, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn durchsetzen wollte. Wie ist Ihre Haltung bei diesem Thema?

Erwin Rüddel: Ich fand den Diskussionsprozess im Bundestag sachlich und angenehm. Das Ergebnis spiegelt meine Überzeugung wider. Zunächst war ich für die Widerspruchslösung von Jens Spahn. Aber dann haben wir eine Delegationsreise nach Spanien gemacht und uns die dortigen Erfahrungen zeigen lassen. Das hat mich umgestimmt. In Spanien gibt es rein rechtlich die Widerspruchslösung, praktiziert wird aber vielmehr eine doppelte Zustimmungslösung. Klar ist: Wir brauchen mehr Spenderorgane. Viel wichtiger als das Zustimmungsverfahren ist dabei aber die Ablaufkette in den Krankenhäusern. In Deutschland bekommen die Kliniken erst seit kurzem eine Vergütung für die Entnahme der Organe. Dabei muss beispielsweise der Blutkreislauf eines toten Spenders aufrechterhalten werden. Das muss den Krankenhäusern finanziert werden. Man muss diese Prozesse optimieren. Und es braucht geschulte Leute, Transplantationsbeauftragte, die für ihre Aufgabe freigestellt werden von anderen Verpflichtungen. So kann man potenzielle Spender leichter ausmachen und ihre Angehörigen kompetent beraten. Das kann man von den Spaniern lernen. Die Zustimmungslösung reicht dann völlig. Trotzdem bin ich der Meinung, dass Jens Spahn alles richtig gemacht hat: Er hat die Diskussion angeschoben und ein Bewusstsein in der Bevölkerung geschaffen.

Frank Rudolph: Ich bin ehrlich gesagt persönlich vorsichtig bis irritiert. Ich glaube, dass der Bundestag nicht hilfreich entschieden hat. Und zudem an der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung vorbei. Die Widerspruchslösung wäre die bessere Variante gewesen. Jetzt ändert sich für die Betroffenen nichts. Umfragen der letzten Zeit haben doch gezeigt, dass die Bevölkerung reif ist für eine Widerspruchslösung. Ich würde es fast eine parteiübergreifende Blindheit nennen. Da wundert es auch nicht, dass die Volksparteien an Zustimmung verlieren. Völlig absurd finde ich, dass der Hausarzt jetzt seine Patienten regelmäßig fragen soll, ob sie nicht einen Organspender-Ausweis haben wollen. Alle zwei bis drei Jahre kann er das dann abrechnen. Das ist doch Tagträumerei, dass dadurch die Zahl der potenziellen Organspender steigen soll. Die Widerspruchslösung wäre dafür das einzige Mittel gewesen.

Wie stehen Sie zum Referenzentwurf des Bundesgesundheitsministerium zur ambulanten Notfallversorgung?

Erwin Rüddel: Es ist das wichtigste Gesetz, über das wir 2020 diskutieren werden aus gesundheitspolitischer Sicht. Es braucht die Notfallversorgung als sektorenübergreifende Versorgung der Bevölkerung. Das müssen wir hinbekommen, auch wenn es schwierig ist. Sowohl die Krankenhäuser als auch die Krankenversicherungen müssen am Ende zufrieden sein. Die sektorenübergreifende Versorgung darf dabei kein Selbstzweck sein, sondern muss zu einer Verbesserung der Versorgung führen mit einem effizienteren Einsatz der Mittel.

Frank Rudolph: Der Gedanke hinter dem Entwurf ist nicht schlecht. Man will die Leute aus den Notaufnahmen holen, die nicht hineingehören. Gerade an den Wochenenden sind 80 Prozent der Patienten, die in die Notaufnahmen gehen, dort fehl am Platz. Fakt ist, dass die Krankenhäuser hier überfordert sind. Dass der Gesetzgeber jetzt sagt, dass er „integrierte Notfallzentren an ausgewählten Krankenhäusern“ für die Ersteinschätzung einrichten will, wird die Leute verwirren. In welches Krankenhaus darf ich dann gehen? Wohin nicht? Da wiehert auch wieder der Bürokratie-Esel. Es ist ein guter Gedanke, aber eine seltsame Umsetzung. Das könnte so enden, dass die Zuständigkeiten nicht klar verteilt sind.

Was kann getan werden angesichts der dramatischen personellen Lagen in den Krankenhäusern?

Erwin Rüddel: Eine in sich schlüssige Strategie halte ich besser als viele Einzelmaßnahmen. Motivation für die Pfleger in der Klinik oder im Altenheim bringen vor allem bessere Arbeitsbedingungen. Das führt dann auch dazu, dass die Fachkräfte körperlich und mental ihrem Job besser gewachsen sind und ihn länger ausüben könnten. Die Personaluntergrenzen anheben wäre ein wichtiger Schritt. Es müsste außerdem eine viel bessere Teamarbeit geben. Ein Teil akademisierter Kräfte sollte mit ausgebildeten Pflegekräften und anderen Gesundheitsberufen zusammen Teams bilden und jeder bringt dabei seine Fertigkeiten ein. Auch in der Altenpflege ist das sinnvoll. Es sollte zudem mehr Pflegehilfskräfte geben, aber nicht in Form von angelernten Kräften, sondern in Form einer ein- bis zweijährigen Ausbildung. Was mir auch wichtig ist: Es sollte den Menschen freistehen, ob sie im Alter ambulant zuhause oder in einer Pflegeeinrichtung leben. Deshalb sollte es eine Pauschale geben, die der Staat zum Eigenanteil immer zuschießt, wenn Menschen sich fürs Heim entscheiden. 400 Euro fände ich einen fairen Betrag.

Frank Rudolph: Für mich wird diese Problematik immer größer. Die Krankenhäuser suchen händeringend nach Pflegekräften. Da ich die Situation in Hamburg gut kenne, kann ich aus dem Nähkästchen plaudern: Da gibt es Kliniken, die Teilbereiche ganz geschlossen haben – wegen fehlendem Personal. Man kann sich das Personal ja nicht aus den Rippen schneiden. Und die Fehler, die da vor 10 bis 15 Jahren gemacht worden sind, holt man jetzt nicht einfach auf. Schlechte Bezahlung, wenig Personal pro Schicht, wenig Anerkennung. Das war auch verfehlte Gesundheitspolitik. Der Gesundheitssektor wurde kaputtgespart. Da wäre im gleichen Atemzug auch der Investitionsstau an den Krankenhäusern zu nennen. Entlassenes Personal und fehlende Ausstattung. Das rächt sich. Pflegekräfte aus dem Ausland anwerben, kann kurzzeitig abmildern, ist aber nicht die Lösung. Wir nehmen dem jeweiligen Land dann auch etwas weg, verlagern das Problem. Was hilft: bessere Bezahlung, Anerkennung, humanere Schichten. Und ausbilden, ausbilden, ausbilden.

Krankenhäuser schließen, um zu optimieren – ist das ein sinnvoller Schritt?

Erwin Rüddel: Das sehe ich eher in den Ballungsräumen als sinnvoll an. Aber in der Fläche bin ich da skeptisch. Die Patienten haben jetzt schon längere Anfahrtswege und außerdem gibt immer weniger niedergelassene Fachärzte. Die Kliniken sind dann die einzige Anlaufstelle. Wenn wir aber weitermachen wie bisher, dann wird es Spontanschließungen geben, weil Träger bankrottgehen. Mein Ansatz: Krankenhäuser im ländlichen Raum zu medizinischen Versorgungszentren umbauen, die ambulant wie stationär wirken. Das hieße, dass wir möglichst wenige Standorte schließen müssen, weil wir ihre Kompetenzen erweitern. Auch könnte man stationäre Pflegeplätze bei diesen Versorgungszentren ansiedeln. Denn die brauchen wir auf lange Sicht sowieso in größerem Umfang.

Frank Rudolph, Geschäftsführer vom Bundesverband Verrechnungsstellen Gesundheit e.V.

Frank Rudolph: Es ist schwierig. An Krankenhäusern im ländlichen Raum, nehmen wir mal Nordfriesland, fehlen ja nicht nur die Pflegekräfte, sondern ganz massiv auch Ärzte. Schauen Sie mal ins Internet, wieviel offene Stellen Sie da finden. Also ist eine Reduzierung der Kliniken vielleicht unvermeidbar. Aber wie erklären Sie das als Abgeordneter in ihrem Wahlkreis? Das will sich keiner auf die Fahnen schreiben lassen. Kommunale und kirchliche Krankenhäuser werden jetzt schon weniger. Und private Unternehmen müssen eine Rendite liefern, die oft nicht zu erreichen ist. Wir müssen ehrlich kommunizieren, dass das derzeitige Niveau an Krankenhäusern nicht zu halten ist.

Also eine stärkere Spezialisierung der einzelnen Kliniken anstreben?

Erwin Rüddel: Wo das geht: ja. Momentan wird nicht richtig geplant, vieles ist Stückwerk. Man bräuchte eine Strategie, welches Krankenhaus wo die entsprechende Spezialisierung haben muss. Auf Länderebene kann man das bündeln. So könnte man die Pleite mancher Klinik sicher verhindern. Ich sehe bei mir in Rheinland-Pfalz, dass es zu einer Kannibalisierung kommt: Viele Krankenhäuser machen alle möglichen Dinge, nur um breit aufgestellt zu sein. Auch Behandlungen, die vielleicht in einer spezialisierten Klinik besser aufgehoben wären. Hier brauchen wir eine stärkere und nachhaltigere Krankenhausplanung der Länder. Bei plötzlichen medizinischen Notfällen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall brauchen wir weiterhin ein flächendeckendes Rettungssystem.

Frank Rudolph: Nicht alle Menschen sind mobil, gerade wenn sie älter werden. Für sie ist es vielleicht nicht so einfach, für einen Krankenhausaufenthalt weit zu fahren. Aber je spezieller und schwerer die Erkrankung ist, desto mehr macht eine Behandlung im spezialisierten Krankenhaus Sinn. Hätte ich Bauchspeicheldrüsenkrebs, dann ginge ich nach Heidelberg, weil dort die Koryphäen sitzen, was die Ärzteschaft angeht. Klar ist: Vielleicht ist es dann mit dem Hinkommen und den Besuchen nicht so einfach wie in Heimatnähe. Aber im Zweifelsfall geht es um Leben und Tod. Es liegt auf der Hand, dass man immer dahin gehen sollte, wo eine OP 500 mal im Jahr gemacht wird, statt 20 mal. Spezialisierung rettet Menschenleben. Aber wo der Patient am Ende hingeht, muss er aber persönlich individuell entscheiden.

Sollte sich der Bund an den Investitionskosten der Krankenhäuser stärker beteiligen?

Erwin Rüddel: Das ist in der Tat eine lohnende Überlegung. Ich würde sogar sagen: Der Bund muss das tun. Man muss dann aber auch zugestehen, dass wer Geld gibt, auch mitentscheidet, was mit dem Geld gemacht wird.

Frank Rudolph: Die Diskussion gibt es schon lange und ich bin dafür. Vor zehn Jahren stand das schon mal im Koalitionsvertrag, es hieß damals, der Bund soll sich mit fünf Milliarden Euro bei den Investitionen beteiligen. Es fiel letztlich unter den Tisch. Ich fand das damals schon schlecht. Bei den derzeitigen Problemen brauchen die Länder Hilfe! Und der Bund soll mitentscheiden, wofür das Geld eingesetzt wird.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe von Interviews mit deutschen Gesundheitspolitikern für die Rheinische Post, die mit der Hamburger Agentur Nawrocki PR & Communication GmbH & Co. KG: http://www.nawrocki-pr.de/, der DAK: https://www.dak.de/dak/darum-sind-wir-die-richtige-wahl-2086670.html und dem BVVG: https://www.bvvg-ev.de/start/ kooperiert.