Serie: Der Gesundheits-Check (1): „Der Generationenvertrag hängt am seidenen Faden“

Serie: Der Gesundheits-Check (1) : „Der Generationenvertrag hängt am seidenen Faden“

Quo vadis, Pflegeoffensive? „Wer auf Verstaatlichung setzt, hat aus der Vergangenheit nichts gelernt.“

Der Pflegenotstand in Deutschland hat sich zu einem Teufelskreis entwickelt: Immer höhere Belastungen für die Pflegenden verstärken den dramatischen Mangel an Pflegekräften und verprellen den Nachwuchs. Besserung verspricht die Konzertierte Aktion Pflege, die von den Bundesministern für Gesundheit, Arbeit und Familie auf den Weg gebracht wurde. Die Frage nach der Refinanzierung bleibt jedoch offen. „Wir müssen auf mehr Eigenverantwortung setzen“, fordert Dr. Mathias Höschel, Vorsitzender des Bundesverbandes Verrechnungsstellen Gesundheit e. V. Man müsse den Blick auf die Gesamtsituation richten statt nach Fachkräften aus dem Ausland zu rufen. Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste, sieht keine Alternative für ausländische Pflegekräfte. Er plädiert zudem für geringere Fachkraftquoten und kritisiert im Videointerview: „Es fehlt an politischem Willen.“

Herr Dr. Höschel, würden Sie Ihren Kindern zu einem Pflegeberuf raten?

Wenn es nach zukunftsträchtigen Jobs geht, dann kann man die Pflege mit Sicherheit empfehlen. Das ist ein Job mit Zukunft in einer alternden Gesellschaft. Der Bedarf an Pflege wird also zwangsläufig zunehmen und wenn man der Frage nachgeht, was ein zukunftsträchtiger Job ist, den es mit Sicherheit in vielen Jahren noch geben wird, dann ist die Pflege ein sehr empfehlenswerter Job.

Ein Jahr lang haben die Bundesminister für Gesundheit, Familie und Arbeit gemeinsam mit zahlreichen Gesundheits- und Pflegeinstitutionen an Lösungsvorschlägen gearbeitet, um gegen den Fachkräftemangel in der Pflege vorzugehen. Wie bewerten Sie die daraus entstandene Pflegeoffensive?

Ich sage mal so: Licht und Schatten. Nehmen wir beispielsweise die Ausbildung, da ist es völlig richtig, dass man auf Schulgeld verzichtet und eine Ausbildungsvergütung einführt. Alles in allem begrüße ich das sehr, nur dass es eigentlich viel zu spät kommt. Beim Thema Fachkräfte aus dem Ausland wird übersehen, dass alle Branchen in Deutschland ein Riesenproblem haben, ausreichend qualifiziertes Personal zu finden. Deshalb kann man jetzt nicht nur nach Detaillösungen suchen für ein bestimmtes Berufsbild, sondern muss sich die Frage stellen, warum in den Ausbildungsberufen generell der Zuspruch so schlecht ist. Darüber hinaus sieht man dem Entwurf an, dass sich da diejenigen Ministerien zusammengesetzt haben, die für ein System verantwortlich sind, das sich durch Bürokratie und Regelungsdichte selbst erstickt und stranguliert. Und das Problem soll jetzt durch neue Regelungen wieder gelöst werden. Wenn das am Ende nicht den erhofften Erfolg bringt, dann gibt es nur noch eine Lösung: Verstaatlichung, was ja schon von manchen Teilen der SPD gefordert wird.

Können wir mit ausländischen Fachkräften das Problem bei der Ursache packen?

Und es stellt sich doch auch die Frage, welche Probleme wir dann im Ausland verursachen. Auch da ist ja sicherlich kein Überschuss an Pflegepersonal vorhanden. Da muss man einen Blick auf die Gesamtsituation richten, um nicht nur bei den Symptomen, sondern den Ursachen anzusetzen. Auch die Ausbildungs- und Vergütungssituation kann man nicht isoliert betrachten. Man fokussiert sich jetzt sehr auf die Pflege, aber es ist ein generelles Nachwuchsproblem in Ausbildungsberufen.

„Auf den Philippinen sitzen 30.000 junge Menschen auf gepackten Koffern und kommen nicht ins Land. Von einer Willkommenskultur für so dringend benötigte Pflegekräfte aus dem Ausland kann in Deutschland keine Rede sein.“ (Bernd Meurer, Präsident des bpa)

Wie schafft man es Ihrer Meinung nach, dass Pflegekräfte angemessen bezahlt werden?

Das sehe ich anders, denn so schlecht wird die Pflege nicht honoriert. Wenn man sich die Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vor Augen hält: Eine Fachkraft in der Altenpflege in Westdeutschland verdiente dem IAB zufolge im Jahr 2017 durchschnittlich 2.855,- Euro. In der Krankenpflege waren es nochmal 500 bis 700 Euro mehr und seit 2017 dürfte das weiter gestiegen sein. Das Geld alleine ist es also nicht, was die Pflege attraktiv oder unattraktiv macht. Es ist wirklich ein generelles Problem. Es fehlen nämlich auch zigtausend Auszubildende im Handwerk oder auch in unseren Betrieben im ambulanten Bereich. Durch eine bessere Bezahlung wird man in der Pflege vielleicht den ein oder anderen dazugewinnen, der diesen Beruf ergreifen möchte. Gleichzeitig verstärken wir damit aber ein Personalproblem, das die ganze Wirtschaft betrifft. Wer den Mangel in der Pflege ausgleichen will, indem man Personal aus anderen Zweigen abwirbt, schafft wiederum Engpässe in anderen Bereichen.

Wie beurteilen Sie die Pläne zu flächendeckenden Tarifverträgen?

Tarifverträge ok, wenn auch alle Partner am Tisch sitzen - inklusive freie Pflegeunternehmen. Wenn sie alle an der Ausgestaltung der Tarifverträge beteiligt sind, kann ich mir das vorstellen. Aber es muss auch ein regionales Prinzip dahinter sein. Flächendeckend gleicher Lohn überall, den haben wir auch in anderen Bereichen nicht. Regionale Tarifverträge mit Beteiligung derer, die Verantwortung tragen, ja. Aber einen Einheitslohn kann ich mir nicht vorstellen.

Was sagen Sie zur Idee der Verstaatlichung, die beispielsweise von Hilde Mattheis (SPD) recht deutlich formuliert wird?

Wer ernsthaft nach Verstaatlichung ruft in dem Bereich, der hat aus der Geschichte nichts gelernt. Unsere Vergangenheit der sozialen Marktwirtschaft auf der einen Seite und dem Sozialismus auf der anderen hat ja gezeigt, dass Verstaatlichung voll und ganz gescheitert ist. Und das jetzt nochmal aufs Neue anzugehen, ist der völlig falsche Weg. Die Behauptung, nur weil es der Staat macht, ist es qualitativ besser, ist einfach historisch und vom Wettbewerbsgedanken komplett widerlegt. Nur wo Wettbewerb herrscht, kann auch Qualität entstehen. Staatliche Maßnahmen schaffen keine Qualität. Dabei geht man nämlich im Ansatz davon aus, dass den Menschen nichts zuzutrauen ist und der Staat soll’s richten.

Wo machen es andere Länder im Bereich Pflege besser als Deutschland?

Ich denke ein Beispiel, wie man Altenpflege denken kann und soll, ist, wie es in den Niederlanden vor 10 Jahren entstanden ist mit dem Buurtzorg Modell (Buurtzorg=Nachbarschaftshilfe): Hier macht man den Beruf dadurch attraktiv, dass man den Pflegekräften mehr Verantwortung und auch mehr Handlungsfreiheit gibt. Hinzu kommt, dass das Konzept auf Regionalität setzt und an den Anfang der Pflege erstmal den Gedanken stellt: Wie hilft man den Betroffenen am besten, so lange wie möglich autonom zu sein und sich selbst zu helfen? Die Niederländer setzen da eher auf Eigenverantwortung, statt noch mehr Aufgaben an den Staat zu binden. Dieser Gedanke muss meiner Meinung nach am Anfang stehen bei der Betrachtung. Und erst dann folgen die nächsten Schritte.

Sollte Herr Spahn also lieber in die Niederlande fahren als in den Kosovo?

Jens Spahn hat den Blick mit Sicherheit auch auf das niederländische Modell geschärft. Das eine ist, wie wir Personal rekrutieren und das andere ist, in welcher Art und Weise Pflege denn in Zukunft organisiert werden soll. Dieser Blick und die Offenheit ist mit Sicherheit da - zumindest beim Gesundheitsminister. Das Buurtzorg Modell ist ein Konzept für die Altenpflege, das mit hoher Zufriedenheit der Betroffenen und Pflegenden einhergeht. Auf der Seite der Pflegekräfte bildet man Teams mit flachen Hierarchien und hohen Verantwortungen und mit nicht so bürokratischen Regeln, was die Pflegezeiten und Dokumentationen anbelangt. Also das Gegenteil von dem Modell, bei dem man noch mehr kontrolliert bis ins letzte Detail hinein.

Was in der Pflegeoffensive nicht berücksichtigt wurde, ist das frühe Ausscheiden aus dem Pflegeberuf aufgrund von Erkrankungen des Muskel-Skelett-Apparates. Wie kann man hier bessere Prävention erreichen?

Bei der körperlichen Arbeit, die Schwerstpflegefälle erfordern, muss eine maschinelle Unterstützung mehr zum Tragen kommen. Diese ist gerade bei schweren Pflegefällen gewaltig und es bleibt nicht aus, dass körperliche Schäden entstehen. Hier muss der Erfindungsreichtum in der Medizintechnik noch weiterentwickelt werden. Eine gezieltere Förderung ist dringend notwendig. Ich will auf keinen Fall Ängste schüren, dass nur noch Roboter pflegen, ganz im Gegenteil. Aber die Menschen, die pflegen, brauchen mehr Unterstützung für ihre körperliche Arbeit. Deutschland ist ja eine Maschinenbaunation. Wir sind Weltklasse in Fahrzeugtechnik und Produktionstechniken und vielem mehr. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir unser Augenmerk mehr in solche Bereiche wie die Pflege lenken.

Zurück zu den Inhalten der Pflegeoffensive: Wer soll die ehrgeizigen Pläne in Ihren Augen am Ende bezahlen, wenn nicht der Patient, seine Angehörigen und alle, die am Ende in die Pflegeversicherung einzahlen?

Und der Steuerzahler. Alle. Das ist ja am Ende immer so, dass politische Entscheidungen, die Geld kosten, in irgendeiner Form umgelegt werden. Entweder wird es auf den einzelnen zukommen oder auf die Gesellschaft, auf den Steuerzahler und den Beitragszahler. Ich vermute mal, dass es auf alle umverteilt wird mit erheblichen Folgen für die nächsten Generationen. Deshalb sollte man dieses Thema Pflege und Pflegeversicherung auch vom Grundsatz her anders denken.

Auch Pflegeexperte Frank Weidner, Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (dip) forderte im Spiegel "eine wirklich neu gedachte" Pflege. Ihm fehlt „eine Vision für eine neue Rolle der Pflege im Gesundheitswesen mit mehr Verantwortung und dadurch mehr Chancen." Wie können wir das erreichen?

Auf den Menschen setzen, auf Verantwortung setzen und nicht nur auf eine reine Umverteilung. Dem sollte mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden als sich auf die Frage zu fokussieren „Wie versorgen wir besser?“ Wir müssen an diejenigen denken, die das Ganze bezahlen sollen. Diese Kosten werden nämlich ganz stark auf die junge Generation abgewälzt. Was ist, wenn die jungen Generationen, neben dem Umwelt- und Klimaproblem auch die Zukunft des Sozialstaats thematisieren. Was passiert, wenn sie sagen: „Ihr habt uns nicht nur die Lasten einer wenig rücksichtsvollen Umwelt- und Klimapolitik aufgebürdet, sondern habt mit Euren exzessiven Wohltatsversprechungen auch den Sozialstaat zu unseren Lasten überdehnt.“ Wenn wir so weitermachen, hängt der Generationenvertrag am seidenen Faden. Deshalb ist es wichtig, dass die junge Generation nicht überfordert wird. Ohne Generationenvertrag können wir tausende Modelle machen. Dann wird keines davon funktionieren.